50 Prozent Hämatokrit – eine willkürliche Grenze

(Neue Zürcher zeitung vom 11. Juni 1999)

Zur Trennung von schwarzen und weissen Schafen ist ein Bluttest nicht ausreichend

Am letzten Samstag war der Giro-Leader Marco Pantani wegen zu hohen Hämatokritwerts nicht mehr zur vorletzten Etappe der Italien- Rundfahrt zugelassen worden. Als des Dopings überführt konnte man den Italiener allerdings nicht bezeichnen; der internationale Radsportverband kontrolliert regelmässig den selber festgelegten Grenzwert von 50 Prozent, der in diesem Fall überschritten war. Dass in diesem Metier die medizinischen Möglichkeiten von den Professionals und ihren Arzten längst ausgereizt werden, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Der Sportwissenschafter Prof. Dr. Arnd Krüger von der Universität Göttingen nimmt einige relativierende Präzisierungen zum Thema Hämatokrit vor, ohne damit die Spitzensportler zu entlasten.

Da legt man sich mit einem Hämatokritwert von 48% abends ins Bett, wacht mit 52% wieder auf – und wird gesperrt. Geht das? Im Radrennsport ist dies möglich, denn die willkürliche Grenze von 50% Hämatokrit als starre Trennungslinie zwischen denen, deren Gesundheit durch zu viele feste Bestandteile des Blutes als gefährdet gelten, und den "Gesunden" ist fliessend. Ungefähr 8% des "normalen" Menschen bestehen aus Blut, beim gut auf Ausdauer trainierten kann dieser Wert auf über 10% ansteigen. In mehr und dickeren kapillaren Blutgefässen findet dieses seinen Platz. Marco Pantani mit 59 kg Körpergewicht- sollte also etws 6,6 Liter Blut haben. Beim Ausdauersportler ist der Anteil der festen Bestandteile des Blutes, des Hämatokrits, höher als beim Untrainierten. Den grössten Anteil am Hämatokrit hat das Hämoglobin (Farbstoff der roten Blutkörperchen), dessen Menge für den Sauerstofftransport einen entscheidenden Engpass darstellt. Je mehr Hämoglobin man hat, um so leistungsfähiger kann man in Ausdauersportarten sein. Ohne jegliches Höhentraining und ohne EPO (warum auch) lag der Wert anlässlich meiner letzten ärztlichen Routineuntersuchung bei 46%. Dass Pantani einen Wert in der Nähe von 50% hat, braucht nicht zwingend ein Anzeichen von Doping zu sein, sondern zeugt von einem guten Trainingszustand.

Die grosse Schweissreserve des Körpers ist das Blutserum. Je nach Grad der Austrocknung des Körpers und der vorhandenen Elektrolyte kommt rund die Hälfte des Schweisses und der ausgeatmeten Feuchtigkeit aus dem Blutserum. Die genauen Werte lassen sich relativ mühsam errechnen anhand der Art der Flüssigkeit und der darin enthaltenen Elektrolyte. Reduktionen des Körpergewichts durch Schwitzen von bis zu 18% sind in der Literatur beschrieben, Reduktionen des Blutvolumens von mehr als 10% ebenfalls.

Schweissverlust spielt eine wichtige Rolle

Hier nun fangen die Probleme für den Sportler an. Wenn Pantani mit 6,6 Liter Blut sich mit 3,3 Liter Hämatokrit (= 50%) schlafen legt, hat er am nachsten Morgen zwar noch immer 3,3 Liter Hamatokrit (wenn er fleissig EPO spritzen sollte, auch geringfügig mehr), aber bei einem Schweissverlust von einem Liter in der Nacht hat er wahrscheinlich nur noch etwa 6,1 Liter Blut und damit auch ohne EPO einen Hämatokritwert von 54,1%. Der Feucbtigkeitsverlust über Nacht ist in der Hohe besonders gross, da dort in der Regel die relative Luftfeuchtigkeit geringer ist, so dass nach einem anstrengenden Tag in der Nacht auch mehr als 1 kg Gewichtsverlust vorkommen kann.

Aus dem Gewichtsverlust auf den Verlust an Blutserum automatisch zu schliessen, ist sicher nicht zulässig, aber ein Blutserumverlust in einer individuell verschiedenen Höhe, die durchaus den oben beschriebenen Werten entsprechen kann, tritt ein. Wenn man im Flachland die Werte vom Abend und vom Morgen meint routinemässig im Griff zu haben, müssen die Einstellungen der erforderlichen Getränke in der trockenen Hochlandluft trotzdem nicht stimmen. Dass Marco Pantani schon Stunden nach dem positiven Test wieder einen normalen Wert in einer wiederholten Untersuchung erreicht hat, ist ebenfalls nichts Ungewöhnliches. Hierzu reichen beim nicht gedopten Sportler Leitungswasser und einfache Elektrolytgetränke, beim gedopten Seruminfusionen und synthetische Blutverdünner.

Was kann man in diesem Dilemma tun? Der starre Hämatokritwert von 50% ist für Untrainierte durchaus sinnvoll, denn weder ihr Herz noch ihre feinen KapillargefUsse sind für viel höhere Werte ausgelegt. Für Ausdauerathleten stellen 50% keine absolute Grenze dar, oberhalb deren die Gesundheit gefährdet ist Aber auch die in anderen Sportarten verwendeten 53% sind als starre Limite nicht zweckmässig. Wenn es noch die kolumbianischen Radrennfahrer wie früher Alvaro Mejia gäbe, wären diese ebenso dauernd gesperrt wie die Langstreckenläufer aus dem ostafrikanischen Hochland, wenn sie versuchen sollten, nicht in der Leichtathletik (wo gar nicht erst der Hämatokritwert erhoben wird), sondern im Radsport Exfolg zu haben.

Einfacher Hämatokrit-Test genügt nicht

Für die Gesundheit entscheidend ist auch nicht ausschliesslich der Hämatokritwert, der durch legales Höhentraining oder illegales Blutdoping oder EPO-Verwendung gesteigert werden kann. Für die Gesundheit entscheidend ist, wie weit die Pufferkapazität des Blutserums ausgereizt ist. Wer nur noch durch Blutserum oder synthetische Blutverdunner in einem überschaubaren Zeitraum seinen Hämatokritwert unter 50% drücken kann, hat sich vorher gedopt.

Will man also die weissen von den schwarzen Schafen trennen, dann genügt nicht ein sehr einfacher Hämatokrit-Test, dann braucht man zwei dieser einfachen Tests (die ja innerhalb von wenigen Minuten ausgewertet sind). In der halben oder einer Stunde zwischen dem ersten und dem zweiten müssen die Rennfahrer unter Aufsicht bleiben, können aber soviel trinken, wie sie wollen und was sie wollen (allerdings keinen Kaffee Tee oder Cola, weil sie sich dann der unerlaubten Koffein-Einnahme schuldig machen); sie dürfen aber keine Infusionen legen.

Wer nach dem zweiten Test noch immer über 50% Hämatokrit bleibt, sollte wirklich im eigenen Interesse nicht starten dürfen. Im Rennen kann man immer wieder einmal den idealen Zeitpunkt der Getränkeaufnahme verpassen – als Captain vielleicht seltener als als Domestike -, wer aber im Rennen austrocknet und sich ohne entsprechende Anpassung an die Höhenlage (und damit dickeren Kapillargefässe) den 60% Hämatokrit nähert, ist ernsthaft gesundheitlich gefährdet.