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Alarmglocken läuten im Speedo-Land

Von Craig Lord

© Deutsche Übersetzung: Felix Gmünder
limmatsharkszürich

1. Juli 2009

Alarm Clocks Ring in Speedo-Land

By Craig Lord

Original article in English: www.swimnews.com

1 July 2009

Original article in English: www.swimnews.com

Der Marke Speedo verpflichtete Schwimmverbände erleben ein böses Erwachen, seit der internationale Verband FINA 2008 die Pandorabüchse mit den neuen Schwimmanzügen – allen voran der LZR Racer – geöffnet hat.

Australiens Sonntagspresse vom vergangenen Wochenende ist voll von Forderungen 'zurück zur Ausgangslage' und 'hört mit dem Unsinn auf'. Claire Harvey vom Sunday Telegraph schreibt, dass die australischen Biomechaniker als Ausweg nur die Rückkehr zu den Anzügen aus Geweben sehen.

Bruce Mason vom Australian Institute of Sports (AIS) wird zitiert, dass die FINA in einer selbst gestellten Falle stecke. Man könne darauf wetten, dass diese Anzüge nur dieses Jahr erlaubt würden. Wenn man einen Weltrekord schwimmen könne, müsse man es dieses Jahr versuchen.

Die europäischen Nationen, die nicht Speedo, sondern Jaked01, Adidas Hydrofoil oder Arena X-Glide tragen, sehen das anders: der LZR Racer war nur der erste, kleine Schritt auf dem Weg der anzugstechnischen Leistungssteigerung. Wenn man die Türe einen Spalt weit öffnet, kann man sie gleich ganz öffnen.

Der FINA scheint es langsam zu dämmern, dass sich diese Entwicklung nicht kontrollieren lässt, und wenn dann erst die Anzüge mit Bio-Feedback kommen, wird das Schwimmen, wie wir es kennen, endgültig Vergangenheit sein.

Mason schildert dem Sunday Telegraph, dass die einzige Option für die Wiedererlangung der Glaubwürdigkeit des Schwimmsports darin bestehe, die Verwendung von undurchlässigen Materialien wie Polyurethan und Neopren zu verbieten. Damit würde der mit der Lancierung des LZR Racers entstandene Konflikt im Schwimmsport gelöst.

Der von Speedo gesponserte australische Schwimmverband unterstützte vorerst die Einführung der Anzüge und musste keine Kritik einstecken, als die Weltrekorde zu purzeln begannen. Der australische Nationaltrainer Thompson sagte zum Beispiel 2008, dass man heutzutage nicht mehr in Wolle schwimmen könne, weil darin keine Weltrekorde möglich wären. Die Diskussion um die Anzüge lenke bloss von den Leistungen der Athleten ab. Die Weltrekorde würden im Olympiajahr sowieso fallen.

Ein Jahr später und weiser meint Thompson als Mitglied der FINA-Schwimmanzugskommission, dass alle Leistung steigernden Anzüge inklusive LZR Racer verboten werden müssten. Als die FINA die total gewebefreien Anzüge vor wenigen Tagen aufgrund drohender Gerichtsklagen zuliess, sagte Thompson, er sei extrem enttäuscht. Man müsse von der Diskussion, welche Anzüge die Leute tragen dürfen, auf das Wesentliche zurückkommen, d.h. darüber sprechen, was die Schwimmer und Trainer tun.

Um das zu erreichen, müssten wir das Rad zurückdrehen zum Zustand vor der Zulassung des LZR Racers, meint Thompson. AIS-Biomechaniker David Pease erklärt in der australischen Sonntagspresse, dass die FINA entschlossen vorgehen müsse. Die Schwimmgemeinde sei sich einig, dass die Situation der Kontrolle entgleite. Die Zeitungen schreiben, es sei technisch nicht möglich, festzustellen, ob ein Anzug Luftpolster enthalte oder nicht, weil dies von der Körperform, den Wettkampfbedingungen, den Schwimmlagen und einer Vielzahl anderer Faktoren abhänge. Das Einzige, was man wisse, sei, dass die Anzüge die Geschwindigkeit, den Auftrieb und die Ausdauer unterstützten.

Duncan Armstrong, Olympiasieger von 1988, erklärte dem Sunday Telegraph, dass bereits der LZR Racer signifikanten Auftrieb und eine hohe Wasserlage verleihe. Schon eine um 6 mm höhere Wasserlage bedeute wertvolle Sekunden, und das möchten alle gerne ausnützen. Deshalb verbringe man auch tausende von Stunden im Wasser, um die Kleinigkeiten wie den Anstellwinkel der Handfläche und die Kraft zu verbessern, um damit höher im Wasser zu liegen [hier irrt Duncan aber deutlich. Red.]. Wenn man höher im Wasser liege, so Duncan, schwimme man über und nicht durch das Wasser. Und schwimme man darüber, so sei man schneller.

Schwimmer wie Olympiasiegerin Britta Steffen oder Triple-Champion Stephanie Rice wissen das und sagen es auch ganz offen.

Gefragt nach Steffens 'Rennboot-Anzug' meinte Rice: "Das ist das Ende des Schwimmens, wie wir es kennen." Rice, die bis jetzt in diesem seit Monaten dauernden Chaos Abstand davon genommen hatte sich für eine Marke zu entscheiden, wird nun nach bestem Wissen versuchen, in Rom die Nase (bzw. die Hand) vorne zu halten. Sie entschied sich, nach einigen Versuchen mit Arena und anderen Marken, mit einem Jaked01 zu starten.

Die Position der FINA und ihre so genannten 'Regeln' seien 'tragisch' oder 'schrecklich', erzählte die australische Schwimmlegende Murray Rose, dreifacher Olympiasieger 1956, den Zeitungen. In Australien machte man sich über ihn und Armstrong noch vor einem Jahr, als sie vor der Pandorabüchse warnten, lustig – heute nicht mehr.

Armstrong äussert sich gegenüber der Presse pessimistisch über die Möglichkeit, dass die FINA mit Entschlossenheit zur Vernunft zurückkehre: Die Büchse sei offen, und sie würden sie nicht mehr schliessen. Die FINA lasse eine weitere WM zu, an der die Weltrekorde geschlachtet würden – man sollte die X-Files Musik abspielen, wenn die Schwimmer auf die Startblöcke steigen. Es sei ernst. Er habe Mitleid mit den Weltrekordhaltern, deren Leistungen durch B-klassige Schwimmer ausgelöscht würden.

Nach Murray Rose bedeuten die FINA-Entscheide die 'Ausrottung des Schwimmens wie wir es kannten', und drängt die Verbände und Trainer zum Handeln. Wenn alle Nationaltrainer einig in Opposition gingen, müsse die FINA irgendwann aufwachen [aber nur nach einer Ablösung der alternden FINA-Garde, Red.].

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