Home / Schwimmen Ratgeber und Tipps | Swimming Tips and Advice  

Hemmt Übertraining das Wachstum?

Von Craig Lord

© Deutsche Übersetzung: Felix Gmünder
limmatsharkszürich

Oktober 2009

Can Overtraining Stunt Growth?

By Craig Lord

Original article in English: www.swimminworldmagazine.com

Oktober 2009

Original article in English: www.swimminworldmagazine.com

Die meisten Eltern wollen das Beste für ihre Kinder in Bezug auf Ausbildung und Sport. Und – nicht erstaunlich – die meisten Eltern setzen ihre Kinder in der Schule und auf dem Sportplatz unter Druck. Es ist aber allgemein bekannt, dass zu viel Druck das Gegenteil bewirken kann hinsichtlich der psychischen Einstellung. Ist es möglich, dass zu viel Belastung auch einen Einfluss auf die körperliche Entwicklung hat?

Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass Jungen, die sehr viel trainieren, sich selbst unter Druck setzen und im Alter von 12 bis 15 Jahren kaum ein Training verpassen, meistens klein bleiben, so um die 167 bis 170 cm. Unklar ist, warum dieser Effekt bei Mädchen weniger ausgeprägt ist.

Kürzlich las ich in der Wissenschaftsspalte der New York Times, dass Stressoren, wie z.B. Unterernährung, das Wachstum bei Jungen mehr hemmen als bei Mädchen. Ein übertrainiertes Kind ist genau betrachtet unterernährt, weil der grösste Teil des Proteins in der Nahrung für die Erholung benötigt wird.

Ein 15-jähriger Junge erwähnte mir gegenüber einen Kommentar seines Arztes, der ihn auf seine pubertäre Wachstumsphase aufmerksam machte, aber davon sähe er nichts, weil er zu viel Energie im Schwimmbecken verpuffe. Der Bub wurde bloss 170 cm gross.

Kinder im Alter von 12 bis 16 Jahren machen normalerweise eine Phase des beschleunigten Wachstums durch. Wenn sie dann gleichzeitig hart trainieren, bleibt von der zur Verfügung stehenden Energie nach der Erholung nichts mehr fürs Wachstum übrig.

Kinder, die zweimal pro Tag trainieren, leiden doppelt. Sie verpassen wertvolle Schlafenszeit, indem sie manchmal schon um halb fünf Uhr aufstehen, um ab halb sechs zu trainieren. Wenn sie dann noch bis um elf Uhr abends aufbleiben, um ihre Hausaufgaben zu erledigen, kriegen sie nur fünfeinhalb Stunden Schlaf pro Nacht. Doch nachts ist die Zeit, wo der Körper wachsen sollte.

Ein zweiter Effekt des Übertrainings ist Mangel an Muskelmasse. Übertrainierende Jungen sind oft sehr mager.

Jeder Trainer wünscht sich Meisterschwimmer – das fördert schliesslich seinen Ruf. Und jeder hat schon von den unglaublich langen, harten und heroischen Trainings gehört, die von den grossen Langstreckenschwimmern wie Erik Vendt absolviert werden. Deshalb gehen viele Trainer davon aus, dass, wenn ihre Schwimmer ebenfalls Meisterschwimmer werden sollen, sie das Gleiche tun müssen.

Das Problem ist, dass verschiedene Menschen verschiedene Stoffwechselsysteme haben. Meisterschwimmer haben normalerweise die seltene Eigenschaft einer besonders starken Konstitution. Ihre Mägen, Nieren, Lebern, Herzen und Lungen produzieren natürlicherweise mehr Energie als die normaler Leute, und sie erholen sich rascher. Darüber hinaus haben sie oft auch eine höhere Testosteronproduktion, die die Muskelbildung fördert (manche betrügen, indem sie sich dopen, aber das ist eine andere Geschichte).

Die meisten Kinder sind von Natur aus nicht zum Champion gemacht. Und wenn sie trotzdem versuchen, es zu werden, zahlt ihr Körper den Preis.

Die meisten ernsthaften Schwimmer sind anständige Kinder. Das ist ein Teil des Problems. Wenn ein übermotivierter Trainer sie zu stark antreibt, dann spielen sie aus Anstand mit, weil sie annehmen, der Trainer wisse schon was richtig sei.

Die Situation ist nicht unähnlich der von Charles Dickens angeprangerten Kinderarbeit in den englischen Fabriken des 19. Jahrhunderts. Die Arbeitszeit betrug elf Stunden. Der einzige Unterschied zum Schwimmen ist der, dass diese Fabrikkinder bloss ausgenützt wurden, währenddem die Druck ausübenden Trainer und Eltern ja nur "das Beste" wollen. Das Ergebnis ist das Gleiche.

Ironischerweise sind Grosse im Schwimmen im Vorteil. Selten sieht man in der Weltelite kleine Schwimmer, ausser ausnahmsweise im Langstrecken- oder Brustschwimmen. Ich vermute, dass alle diese gross Gewordenen vor dem 16. Altersjahr keine "Doubles" gemacht hatten. Ich las mal, dass Ian Thorpe bis zum Alter von elf Jahren nur zweimal pro Woche schwamm. Gary Hall jr. habe zwischen zwölf und fünfzehn mit schwimmen aufgehört. Und John Naber begann erst mit vierzehn zu schwimmen.

Die Authentizität dieser Geschichten kann man anzweifeln – aber es ist schwer nachvollziehbar, dass ein mehr als sieben Kilometer pro Tag trainierender, 13- bis 16-jähriger  Junge je 198 cm gross werden kann. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber das sind sie eben: Ausnahmen.

Das Tragische an der Sache ist nun nicht, dass diese Jungen ihr sportliches Potenzial nicht ausschöpfen können. Es gibt anderes im Leben, als bloss Sport. Aber diese Jungen müssen klein gewachsen durchs Leben gehen. Es gibt unzählige Studien, die die Nachteile des Kleinseins in unserer Gesellschaft aufzeigen, sei es in Bezug auf den Lohn, das Wahrgenommen werden von Mitmenschen, oder die Chancen auf dem Heiratsmarkt.

Die Trainer sind nicht allein dafür verantwortlich, obwohl jeder zu viel verlangende Trainer mitschuldig ist. Ich erlebte Eltern, die ihre Zöglinge ohne Zwischenverpflegung von einem Sporttraining ins andere fuhren. Die denken wohl, aus ihren Kindern gäbe es richtige Supermans! Aber sie erreichen genau das Gegenteil. Ich habe zwei Sportarten trainierende Kinder gesehen, die blieben die Kleinsten.

Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Viel trainierende Kinder leiden oft an Ernährungsmangel; sie müssen oft und richtig "gefüttert" werden.

Die meisten Sportarten scheinen das Wachstum per se nicht zu hemmen. Nur solche, die einen extrem hohen Energiebedarf haben (Schwimmen) oder extrem lange Trainings erfordern (Kunstturnen), scheinen wachstumshemmend zu sein. Ein Baseballer kann einige Kurzsprints und anderes üben, ohne dass das den geringsten Einfluss auf das Wachstum hat. Wahrscheinlich ist ein Mindestmass an Bewegung sogar Wachstum fördernd, weil es den Kreislauf und damit alle Körperfunktionen anregt. Mässiges Schwimmen ist einer der besten Sportarten, weil die Skelett- und Gelenkbelastung sehr schonend sind.

Viele Leute werden von Natur aus keine Riesen, auch mit noch so viel Schlaf nicht. Und es gibt auch keine Beweise dafür, wie viele Zentimeter im Einzelfall durch Übertraining verloren gehen. Dafür müsste man eine Studie mit eineigen Zwillingen machen: Der eine schwimmt pro Tag in zwei Trainings neun Kilometer pro Tag, der andere in einem Training bloss dreieinhalb. Solche Experimente scheinen unethisch zu sein, grausam und unmenschlich. Aber es kommt vor: Ambitiöse Trainer und Eltern machen das Tag für Tag.

Die Lösung des Problems ist: Kein Übertraining für Kinder bis zum Abschluss der pubertären Wachstumsphase. Es ist fast unmöglich, ohne langjähriges Training ein Championschwimmer zu werden. Aber es ist auch praktisch unmöglich als Kleiner in die Spitze vorzustossen. Es ist eine Gratwanderung, und Trainer und Eltern müssen über die Begleitumstände Bescheid wissen.
Home / Schwimmen Ratgeber und Tipps | Swimming Tips and Advice