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Ist Stretching notwendig?

Von Tara Parker-Hope, The New York Times

© Deutsche Übersetzung: Felix Gmünder
limmatsharkszürich

April 2010

Is Stretching necessary?

By Tara Parker-Hope, The New York Times

Original article in English: http://well.blogs.nytimes.com

April 2010

Source: Mutual of Omaha BreakOut SwimClinic

Original article in English: http://well.blogs.nytimes.com

Der Nutzen von Stretching, seit es anfangs der 1980er-Jahre im Sport verwendet wird, war schon immer umstritten, weil es nur wenige zuverlässige, statistisch belastbare wissenschaftliche Studien zu diesem Thema gibt.

Wir berichteten auf dieser Website bereits früher über dieses Thema:

2009 wurde in den USA eine Studie veröffentlicht, die zum Ergebnis kommt, dass eine erhöhte Beweglichkeit die Leistung verschlechtert. Das ist nichts Neues. Sportliche Leistungsfähigkeit verlangt einen erhöhten Muskeltonus und "Elastizität" der an der Bewegung beteiligten Muskelketten. Ein erhöhter Tonus vermindert die Beweglichkeit.

Zusammenfassung

Neuere Forschungsergebnisse bestätigen frühere Vermutungen, dass erhöhte Beweglichkeit die sportliche Leistungsfähigkeit vermindert. Die Beweglichkeit sollte nur so gut sein, wie für die Sportart notwendig ist. Jede weiter gehende Beweglichkeit nützt nichts, und kann sogar schaden. Die Anwendung von Stretching im Schwimmen ist daher mit Vorsicht zu geniessen. Gut bewegliche Schwimmerinnen und Schwimmer sollten kein Stretching ausführen. Stretching wirkt auch nicht verletzungsvorbeugend.

Zu hohe Beweglichkeit schadet

In der an der Nebraska Wesleyan Universität durchgeführten Studie [Quelle und Abstract] mussten Langstreckenläufer auf dem Boden mit gestreckten Beinen sitzend die Fusssohlen gegen eine Bank drücken. Sich vorwärtsbeugend mussten sie versuchen, mit den Fingerspitzen möglichst weit nach vorne zu den Zehen bzw. über diese hinaus zu kommen. Das ist einer der klassischen Beweglichkeitstests für die Hamstrings, einer für Läufer wichtigen Muskelgruppe auf der Rückseite der Oberschenkel. Die Läufer als Gruppe hatten keine überdurchschnittliche Beweglichkeit, aber zwischen den einzelnen Personen wurden Unterschiede gefunden.

Die Frauen waren wie erwartet etwas beweglicher. Viel wichtiger war der Befund, dass es eine signifikante Korrelation zwischen Laufökonomie (gemessen als Sauerstoffverbrauch bei einer bestimmten Laufgeschwindigkeit auf dem Laufband) und der Beweglichkeit gibt. Für die Laufökonomie gilt der Sauerstoffverbrauch als Grösse, der die grossen Läuferinnen und Läufer vom Durchschnitt unterscheidet. Kenyanische Läufer fallen durch ihre besonders hohe Ökonomie auf. Wenn die Forscher an der Nebraska Universität die Ergebnisse des Beweglichkeitstests mit der Laufökonomie verglichen, waren die steifsten Läufer gleichzeitig auch die mit der besten Laufökonomie. Dies galt für alle Läufer, unabhängig vom Geschlecht. Typischerweise hatten die steifsten Läuferinnen und Läufer auch die besten persönlichen 10-km-Zeiten.

Die Forscher vermuten, dass steife Muskeln mehr kinetische Energie speichern können (wie eine Art gespannte Federn) und so das Laufen leichter machen.

Während Jahrzehnten galt die hohe Beweglichkeit als Eckpunkt der Gesundheit, Fitness und sportlichen Leistungsfähigkeit, schreibt die Autorin in der New York Times. Viele von uns würden vor und nach dem Training stretchen. Und das werde uns von der Fitnessindustrie und vielen Trainern auch dauernd gepredigt, erklärt Dr. Duane Knudson, Professor für Biomechanik an der Texas State University, aber dafür gebe es nicht viele wissenschaftliche Fakten.

In Tat und Wahrheit beweist die Wissenschaft eher das Gegenteil: Extrem (!) dehnbare Muskeln sind weder notwendig (ausser in Sportarten wie Kunstturnen) noch hilfreich, und sind sowieso schwierig zu bekommen, weil die Beweglichkeit zu einem grossen Teil vererbt sei, wie Dr. Malachy McHugh, Forschungsdirektor am Nicholas Institut für Sportmedizin und Sportverletzungen am Lenox Hill Spital in New York erklärt. Du bist beweglich oder unbeweglich geboren. Nur ein kleiner Teil der Beweglichkeit sei erlernbar, aber das brauche viel Zeit und Arbeit.

Was passiert mit Muskeln, wenn wir pflichtbewusst vor und/oder nach dem Training stretchen? Werden Muskeln länger, wird die Beweglichkeit besser?

Gemäss Wissenschaft lautet die Antwort nein. Gemäss Dr. McHugh spielen zwei Faktoren eine Rolle: Der Muskel selber und das Gehirn, mit dem wir eine Bewegung auslösen und Rückmeldungen aus Muskeln und Sehnen verarbeiten. Was tatsächlich ändert, ist die Verarbeitung der Rückmeldungen, nicht die Dehnbarkeit des Muskels. Man werde gewissermassen tolerant gegenüber Schmerz und unangenehmen Gefühlen, die beim Stretchen auftreten. Muskeln und Sehnen verändern sich nur wenig gemäss Dr. McHugh.

Dr. McHugh glaubt diese Aussage auch untermauern zu können, wie er im Dezember 2009 in einem Fachartikel geschrieben hat [Quelle und Abstract]. Die verletzungsvorbeugende Wirkung von Stretching ist ebenfalls in Frage zu stellen.

Dr. Knudson sagt, dass man nur so beweglich sein muss, wie notwendig. Mehr ist nicht besser. Bei Läufern wurde in einigen, aber nicht allen Studien gefunden, dass extreme Unbeweglichkeit das Verletzungsrisiko erhöht. Eine gewisse „Unbeweglichkeit“ sei aber von Vorteil (bessere Laufökonomie). Wenn man im Sitztest über die Zehen hinaus greifen kann, sei man als Läufer bereits genug beweglich. Die neuen Erkenntnisse haben gerüchteweise bereits dazu geführt, dass nach Methoden gesucht werde, um die Beweglichkeit von einzelnen Sportlern zu verschlechtern.

Schlussfolgerung fürs Schwimmen

Der Zusammenhang zwischen ökonomischem Schwimmen und Beweglichkeit dürfte schwieriger als im Laufsport nachzuweisen sein, man müsste das im Strömungsbecken nachweisen. Schwimmen unterscheidet sich vom Laufen insofern, dass die Muskeln das Körpergewicht nicht tragen müssen. Ob das auf die Ökonomie der Muskelarbeit einen Einfluss hat, wissen wir nicht. Man kann aber davon ausgehen, dass das Zusammenspiel von agonistischen und antagonistischen Muskeln im Schwimmen genau gleich funktioniert, wie in jeder anderen Sportart auch. D.h. es ist zu erwarten, dass zu lockere, dehnbare Muskeln von Nachteil sind. Die Beweglichkeit sollte nur so gut sein, wie notwendig. Jede weitergehende Beweglichkeit nützt nichts und kann schaden. Die Anwendung von Stretching im Schwimmen ist daher mit Vorsicht zu geniessen.

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