In Sydney liegt das Doping schon bereit

 

An den Olympischen Spielen werden illegale leistungssteigernde Mittel allgegenwärtig sein. Trotz neuer Tests und hehrer Verlautbarungen.

Von Dominique Eigenmann

"Zu 100 Prozent saubere Spiele" erwarte er in Sydney, sagte Juan-Antonio Samaranch, der höchste Olympier, vor drei Wochen, nachdem seine Funktionäre neue Kontrollen für das ausdauerfördernde Mittel Erythropoietin (Epo) genehmigt hatten. Die Experten der Dopingbekämpfung reagierten mit Kopfschütteln und bitterem Hohngelächter und erinnerten daran, dass Samaranch die gleiche Prognose schon für die Spiele in Atlanta 1996 gestellt hatte.

Damals gab es bis zum Ende der Spiele tatsächlich nur zwei Dopingfälle – erst später wurde bekannt, dass vermutlich 14 weitere "Fälle" verschwiegen worden waren. Dass auch in Sydney geschäftsschädigende positive Proben verschwinden könnten – wie vor Atlanta schon in Los Angeles (1984) und Seoul (1988) -, scheint diesmal allerdings weniger wahrscheinlich. Mit der neu gegründeten weltweiten Anti-Doping-Agentur Wada erhalten die olympischen Funktionäre erstmals unabhängige Überwacher.

3000 Kontrollen sind geplant

In Sydney erwarten die 10 500 Sportlerinnen und Sportler rund 2000 Urinkontrollen während und deren 400 vor den Wettkämpfen; dazu kommen erstmals in den Ausdauersportarten zwischen 300 und 700 unangekündigte Blut- und Urinkontrollen, mit denen nach Epo gesucht wird. Der Aufwand ist enorm, allein für die Epo-Tests werden Kosten von 1,5 Millionen Dollar veranschlagt. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass reihenweise Sportler in den Kontrollen hängen bleiben – dafür sind die dopenden Athleten zu vorsichtig und die eingesetzten Tests zu wenig leistungsstark.

Sportler, die den Erfolg zu jedem Preis anstreben und dafür auch vor Doping nicht zurückschrecken, haben eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die Fahnder zu überlisten. Mittel, die in Kontrollen nachweisbar sind, werden frühzeitig abgesetzt oder so niedrig dosiert, dass die Analysegeräte nicht mehr anschlagen. Unmittelbar vor den Spielen werden Stoffe verwendet, die noch nicht nachweisbar sind – wie etwa die muskelaufbauenden Wachstumshormone -, oder Medikamente, die auf der offiziellen Liste der verbotenen Substanzen noch nicht eingetragen sind. Von ihnen gibt es viele (vgl. Interview unten) – ein australischer Dealer hat nach eigenen Aussagen "200 solcher Produkte" im Angebot. Viele Athleten – 1998 an den Schwimm-Weltmeisterschaften etwa 100 Prozent der britischen und 50 Prozent der amerikanischen Athleten – besitzen zudem Rezepte, die sie zur (angeblich therapeutischen) Einnahme von bronchienerweiternden Mitteln berechtigen.

Epo-Tests nützen wenig

Wenig leistungsfähig sind auch die angekündigten erstmaligen Epo-Kontrollen, die Anfang dieses Monats vorschnell mit allerlei Lorbeeren eingedeckt worden waren. Grund dafür sind Inkongruenzen bei den zwei kombiniert verwendeten Methoden. Der direkte Nachweis im Urin (französische Methode) kann Epo höchstens bis vier Tage nach der Injektion nachweisen; der indirekte Nachweis im Blut (die so genannte australische Methode) hat einen Nachweishorizont von 20 Tagen. Damit eine Probe als positiv gilt, müssen nach dem Willen der olympischen Funktionäre beide Proben positiv sein. "Wenn der Bluttest ein positives Resultat ergibt, heisst das aber noch lange nicht, dass die Urinprobe auch positiv ausfällt", sagt Martial Saugy vom Dopinglabor in Lausanne, das an der Ausarbeitung des indirekten Nachweises beteiligt war. Auf Grund der prinzipiellen Unterschiede in der Methode gelte dies auch umgekehrt. "Wir haben also die Situation, dass nicht der eine Test den anderen verstärkt, sondern dass die beiden Tests einander schwächen. So lassen sich zwar falsche positive Fälle vermeiden, aber gleichzeitig steigt die Anzahl der negativen Resultate."

Das gewählte Vorgehen sei "vom Standpunkt der Wissenschaft her kein guter Kompromiss". Gleichwohl gibt Saugy den beiden neuen Methoden eine gute Zukunft – "allerdings erst nach den Spielen". Beim Gedanken, dass allfällige Epo-Fälle von Sydney vor Gericht angefochten würden, ist dem Analytiker höchst unwohl. In den vergangenen Monaten hat sich jedenfalls die Tendenz verstärkt, dass Sportmillionäre positive Dopingproben vor Gericht in Frage stellen und sich dabei mit allerlei juristischen und wissenschaftlichen Winkelzügen heraustricksen oder von willfährigen Verbänden wegen angeblicher Formfehler oder aus Angst vor Schadenersatzklagen rehabilitiert werden. "Wenn der Internationale Leichtathletikverband die grosse alte Dame des Sprints, Merlene Ottey, auf Grund ihrer Verdienste um den Sport begnadigen will, dann ist das seine Sache", sagt Saugy, der die Jamaicanerin einwandfrei des Nandrolondopings überführt hatte. "Aber dann soll man nicht behaupten, der wissenschaftliche Nachweis hätte nicht genügt."

Dass in Sydney erstmals Epo-Kontrollen durchgeführt werden, wirft die Frage auf, warum für die weit verbreiteten Wachstumshormone ein Testverfahren immer noch fehlt. "Das frage ich mich auch", sagt Saugy, "denn die Arbeiten sind ähnlich weit gediehen wie die zum Epo." Dem Vernehmen nach wurde in den vergangenen Monaten aus politischen Gründen das australische Projekt vorgezogen und die knappen Gelder auf den Epo-Test konzentriert. Die Chance, beide Tests gleichzeitig einzuführen, wurde vertan. Wieder geht wertvolle Zeit verloren.

Die Dopingdealer sind bereit

In Australien haben sich derweil die Dopingdealer komfortabel eingerichtet. Die Wahrscheinlichkeit, dass einreisende Sportler am Zoll mit verbotenen Medikamenten festgenommen werden (wie 1998 anlässlich der Schwimm-Weltmeisterschaften), ist gering. Die Ware ist nämlich längst im Land. Das Geschäft mit den leistungssteigernden Mitteln ist von den Drogenbossen übernommen worden. Sechs professionelle Banden haben allein in der Region um Sydney seit zwei, drei Jahren ihre Depots gefüllt. Die Mittel wurden nach Angaben der Polizei hauptsächlich aus asiatischen Labors ins Land geschmuggelt. Zudem werden in Australien immer wieder grosse Mengen an Epo, Wachstumshormonen und anabolen Steroiden aus Spitälern und Apotheken gestohlen.

Wirtschaftliche Gründe haben dazu geführt, dass sich weltweit zunehmend die Drogendealer um den Vertrieb der Dopingmittel kümmern. "Ein Kilo Grundsubstanz anaboler Steroide bringt beim Verkauf auf dem Schwarzmarkt bis zu 250 000 Franken ein. Die Gewinnmarge ist vergleichbar mit der des Heroinhandels", sagt der französische Experte Patrick Laure. "Aber im Gegensatz zum Drogengeschäft handelt es sich bei den meisten Dopingsubstanzen um legale Medikamente, nicht um verbotene Stoffe. Die Dealer riskieren also sozusagen nichts, im schlimmsten Fall die Konfiskation ihrer Ware."

Die jüngsten Zahlen der australischen Polizei lassen erahnen, wie gross die Dopingmengen sind, die auf die Olympioniken in Sydney warten: Im März dieses Jahres wurden bei Razzien 50 Ladungen leistungssteigernder Hormone beschlagnahmt. Das ist mehr als im ganzen Jahr 1999.