Antidoping-Agentur

Neue Zürcher Zeitung 6.11.99

Ab nächstem Mittwoch wird alles besser! Der viel beschworenen Antidoping-Agentur, die zumindest vorübergehend in Lausanne situiert sein soll, wird endlich Leben eingehaucht. Das Internationale Olympische Komitee (IOK) kann sich dann zugute halten, die Verantwortung in Sachen Doping nicht mehr allein auf sich laden zu müssen. Und «verdankenswerterweise» haben sich die europäischen Sportminister einspannen lassen, als Partner gewissermassen. Jene Politiker, die vor noch nicht allzu langer Zeit am lautesten geschrieen und für die uneingeschränkte Unabhängigkeit einer Antidoping-Instanz plädiert haben, sitzen in Bälde im gleichen Boot. Und so ist es denn auch nicht weiter verwunderlich, wenn IOK-Präsident Juan Antonio Samaranch die politischen Würdenträger willkommen heisst im «gemeinsamen Kampf gegen Doping» und zugleich die Hoffnung äussert, noch weitere Regierungen im vertrauten Kreis begrüssen zu können. Alles wie gehabt: Konsenslösungen sind gefragt, solche, die das Dopingproblem zwar nie lösen werden, die aber den Eindruck vermitteln, den Ernst der Lage richtig einzuschätzen. So weit, so gut.

Ab nächstem Mittwoch wird alles besser! IOK und Politik haben sich zusammengerauft; beide Parteien sollen zu gleichen Teilen im Board of directors Einsitz nehmen, und eine der ersten Aufgaben wird wohl darin bestehen, die von der Medizinischen Kommission des IOK ausgearbeitete Liste mit verbotenen Substanzen als Referenzgrösse zu nehmen und eine Überarbeitung voranzutreiben. Eine medizinische IOK-Kommission, wie sie seit Jahrzehnten unter dem Vorsitz des Kunsthistorikers Alexandre de Merode besteht, braucht es dann nicht mehr, liesse sich vermuten. Ob's so sein wird?

Und erst recht in Sydney wird alles besser! Weit gefehlt: Die Dopingkontrollen werden wie gewohnt von den Sportfachverbänden und vom Organisator durchgeführt, und sowohl EPO als auch Wachstumshormone, zwei der im Hochleistungssport querbeet am häufigsten eingesetzten Substanzen, können down under nach wie vor nicht nachgewiesen werden. Komisch nur, dass der an der Universität München tätige Hormonforscher Christian Strasburger das IOK schon im Januar 1999 darauf hingewiesen hat, dass er bis zu den Sommerspielen 2000 ein Nachweisverfahren für Wachstumshormone entwickeln könne – und danach de Merode nicht einmal Kontakt mit ihm aufgenommen hat. Da passt's, wenn vor kurzem ein anderer Wissenschafter, Peter Sönksen, im Namen des IOK offiziell bekanntmachte, dass Wachstumshormone in Sydney trotz grössten Anstrengungen «leider» noch nicht nachzuweisen seien. Zu schön wär's gewesen: Ab nächstem Mittwoch wird also gar nichts besser – olympische Realität, leider.