Geschundene Athletinnen klagen an

NZZ 10.3.2000

DDR-Sportlerin als Versuchskaninchen für Olympiasiegerin

K. Bl. Vor dem Berliner Landgericht und weiteren Gerichten in deutschen Städten sind in letzter Zeit von sieben früheren DDR-Sportlerinnen, unter anderen die Schwimmerinnen Martina Gottschlat und Jutta Gottschalk sowie die Leichtathletik-Olympiasiegerinnen Karin Balzer und Margitta Pufe, Klagen eingereicht worden – alles Athletinnen, die missgebildete Kinder zur Welt brachten und in der Vergangenheit in den vom Staat verordneten Dopingprozess eingebunden waren. Eigentliche Pionierarbeit in der Aufarbeitung dieses düsteren Kapitel des DDR-Sports leistete dabei die Hamburgerin Catherine Menschner. Seit Jahren bemüht sich die 35jährige um Aufklärung – und dies als TV-Autorin, in Interviews und gemeinsam mit Staatsanwälten.

In der ehemaligen DDR diente die Dresdner Schwimmerin der staatlichen Doping-Maschinerie als Versuchskaninchen, um wissenschaftliche Daten für die Doping-Kuren sorgfältig ausgewählter Medaillenkandidaten zu erhalten. Menschner gehörte dabei unwissentlich einer Experimentierklasse der Dresdner Sportschule an, «gewissermassen als Versuchsobjekt für die spätere Schwimm-Olympiasiegerin Rica Reinisch». Realisiert hat sie ihr Schicksal erst nach einer gewissen Zeit: viel Training, wenig Wettkämpfe und ständig Tabletten, «sogenannte Vitamine», liessen die Athletin darauf schliessen, dass für sie nicht die grosse Sportkarriere vorgesehen ist.

Catherine Menschner war noch keine sechzehn Jahre alt – und schon mit gesundheitlichen Schwierigkeiten konfrontiert, u. a. hatte sie lähmungsähnliche Schäden im Lendenwirbelbereich. Dresdner Ärzte versuchten dem Übel mit einer Spritzentherapie beizukommen. Als dann aber das Herz revoltierte, der Kreislauf zusammenbrach und die Lunge keine Kraft mehr hatte, wussten auch die Ärzte der Medizinischen Akademie keinen Rat mehr. Deshalb baten sie den «Sportmedizinischen Dienst» der DDR um Hilfe. Jene Institution, die das flächendeckende Doping leitete und überwachte. Die Ärzte drängten auf Akteneinsicht, doch die Doping-Akademiker schwiegen. Catherine Menschner ging es damals nicht gut: Ohnmachtsanfälle, überfallartige Atembeschwerden, dann einen Gehgips, um die lädierte Wirbelsäule zu stabilisieren. Ihr Stiefvater, der selber in höchsten Regierungskreisen verkehrte, aber dennoch mit den DDR-Dissidenten Robert Havemann und Wolf Biermann befreundet war, habe ihr gar geraten, mit dem Sport aufzuhören, sagt Menschner.

Doch was sollte sie machen in dieser Situation? Versuchskaninchen gab es im DDR-Sport, zumindest nach offizieller Lesart, nicht; wohl kaum einer, der ihr Glauben geschenkt hätte. Was passiert wäre, wenn sie gegen den Staat geklagt hätte, kann sie nicht beurteilen – vielleicht wäre sie gar in eine Anstalt eingewiesen worden, mutmasst die frühere Sportlerin. Denn eines war ihr klar: wer durch die Maschen des Sportsystems fällt, hat kaum mehr eine Chance. Für eine Lehre habe ihr als Ausgemusterter die proletarische Basis gefehlt, an ein Studium war wiederum nicht zu denken. «Strassenkehrer könnt ihr werden. Das haben sie uns eingebleut», erinnert sich Catherine Menschner. Also tauchte sie in die Friedensbewegung ab, wo sie zu ihrem Erstaunen auf ihren Vater traf. Heute lacht sie bei der Vorstellung, als ehemalige Staatssportlerin in die Friedensbewegung eingetreten zu sein, jene Gruppe also, die das Ende der DDR anstrebte. Dabei hat Menschner noch als Kind auf dem Schoss von Lotte Ulbricht gesessen – und Ulbricht war der DDR-Einheitspartei erster Generalsekretär.

Vor 15 Jahren wurde ihre Familie dann nach Hamburg abgeschoben. Dort quälten sie neue Beschwerden: Viermal im Jahr kämpfte sie gegen Lungenentzündungen an. Eine Computertomographie ergab schliesslich, dass die viel zu grosse Lunge der früheren Schwimmerin und das kaum intakte Immunsystem jeder Erkältung schutzlos ausgeliefert waren. Kam hinzu, dass die junge Frau sechs Fehlgeburten mitmachen musste, was sie auf die Manipulation ihres Hormonhaushalts zurückführt. Nach der Wende begann Catherine Menschner zu recherchieren, sie wollte wissen, was mit ihr in der DDR geschehen war – und nicht nur mit ihr. Fassungslos musste sie dabei mit ansehen, wie sich westdeutsche Sportverbände der früheren DDR-Doping-Spezialisten rege bedienten, aber auch, wie sich hochdekorierte Stasi-Journalisten in die bürgerliche Presselandschaft einfügten.

Zu diesem Zeitpunkt wurde ihr klar, dass etwas geschehen musste. Sie engagierte sich in Diskussionen und unterstützte die Gauck-Behörde, die Staatsanwälte, vor allem aber auch die Fahnder der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität in Berlin bei ihrer Arbeit. Den Opfern des zu DDR-Zeiten zur Staatsdoktrin erhobenen Spitzensports geht es in ihren Klageschriften um zwei Dinge: Wer hatte schuld? Und wer von den schuldhaften Ärzten kann erläutern, ob und wie sich dopingbedingte Behinderungen chronisch weiterentwickeln oder sogar vererben? Denn es geht nicht nur um sieben Einzelschicksale. Die Prozesse sollen vor allem auch jenen Mut machen, die sich bisher im Verborgenen hielten. Catherine Menschner hofft weiter auf einen Hauch von Gerechtigkeit