Plastisch, mitunter polemisch, waren die Schilderungen der Schwimmerin Christiane Knacke-Sommer in der vergangenen Woche gewesen, als sie ihren ehemaligen Coach, Rolf Gläser, und den Sportarzt Dieter Binus belastete. Gläser und Binus sowie drei weitere Trainer und ein Sportmediziner, alle ehemals dem SC Dynamo Berlin zugehörig, sind am Landgericht Berlin angeklagt, in der DDR Minderjährigen durch das Verabreichen von Dopingmitteln körperliche Schäden zugefügt zu haben. Am gestrigen Prozesstag hatte die Anklage zwei ehemalige Schwimmerinnen aufgeboten, doch der Erkenntniswert ihrer Aussagen war geringer als die präzisen Aussagen von Christiane Knacke-Sommer.

Die Vernehmung der mittlerweile 36jährigen ehemaligen Schwimmerin Jane Lang geriet zum zähen Unterfangen, was vor allem die Macht des Konjunktivs und die Problematik einer präzisen Erinnerung veranschaulichten. Lang hatte unter den angeklagten Trainern Volker Frischke und Rolf Gläser trainiert; sportärztlich behandelt wurde sie von Dieter Binus. Auf viele Fragen des Vorsitzenden Richters Hansgeorg Bräutigam antwortete Lang: "Daran kann ich mich nicht genau erinnern." Selbst das Ende ihrer Laufbahn vermochte sie nicht auf Anhieb zu präzisieren. Und einiges, sagte sie, habe auch gewesen sein können. Zum Beispiel die Verabreichung blauer Pillen, hinter welchen die Anklage das Dopingmittel Oral Turinabol vermutet. Freilich fand sich in Langs Aussagen kaum Belastendes. Lediglich die Vertiefung ihrer Stimme konnte dem anklagenden Arzt als ein Indiz für den Konsum von Anabolika dienen. "Unsere Musiklehrerin fand das auch schade", sagte Lang dazu.

Erstaunlich präzise jedoch waren Langs Erinnerungen bezüglich ihres damaligen Körpergewichts. Wahrend einer Trainingsphase war es dort um die Reduktion gegangen. Zu Beginn habe ihr Gewicht 65 kg, danach 59 kg betragen. Widersprüchlich war Langs Äusserung zu den Vernehmungen der Staatsanwaltschaft, welche Bräutigam heranzog. Dazu hatte sie zu Protokoll gegeben, Trainingskollegen hätten über die körperlichen Veränderungen bei osteuropäischen Sportlerinnen berichtet. Kersten Olm, die vom angeklagten Mediziner Dieter Binus behandelt wurde und bis 1979 unter Rolf Gläser trainierte, bestätigte die Einnahme "blauer und weisser Pillen": Täglich seien diese im Zimmer des Coaches verteilt worden. Dreimal habe sie vor internationalen Wettkämpfen Spritzen erhalten. So wie Lang erklärte Olm, man habe ihr gesagt, es handle sich um Vitamincocktails. Auch sie berichtete von einer Vertiefung der Stimme. Allerdings konnte Olm nicht über gesundheitliche Schädigung klagen, so dass ihre Aussage nicht gravierend zur Belastung der Angeklagten beitrug. Beide Zeuginnen werden nun vom gynäkologischen Sachverständigen Horst Lübbert untersucht. Als pharmakologischer Sachverständiger fungiert Norbert Rietbrock. Der Prozess wird am Mittwoch 29.4.98 fortgesetzt.