Neue Zürcher Zeitung Nr. 251 vom 29.10.98

Der Berliner Dopingprozess geht in seine entscheidende Phase. Nachdem zwei Angeklagte verurteilt worden und drei weitere Verfahren gegen Strafandrohung beendigt worden sind, arbeitet die Staatsanwaltschaft nun auf eine Verurteilung des Sportarztes Bernd Pansold hin. Am kommenden Montag soll zudem Manfred Höppner aussagen, eine Schlüsselfigur im DDR-Staatsdoping.

Erwartet wird ein Hauen und Stechen, eine Auseinandersetzung bar jeglicher Fairness, die den Grundsatz von einebnender Gleichheit der ehemaligen Staatsdoktrin augenscheinlich konterkarieren wird: Wenn am Montag die 34. Grosse Strafkammer des Berliner Kriminalgerichtes im sogenannten Dopingprozess den ehemaligen stellvertretenden Leiter des sportmedizinischen Dienstes der DDR Manfred Höppner in den Zeugenstand bitten wird, könnte mit ihm erstmals eine Schlüsselfigur des DDR-Staatsdopings die Wege leistungsfördernder Mittel in die Leistungskader illuminieren und einstige Mitstreiter belasten. Es ist Bewegung in den Prozess gekommen. Von den ehemaligen sechs wegen Dopings von Minderjährigen angeklagten Schwimmtrainern und Sportärzten des Renommierklubs SC Dynamo Berlin ist nur noch einer übriggeblieben: Der Sportarzt Bernd Pansold, dem wegen des Verdachts von 19 Fällen eine Verurteilung wegen Körperverletzung droht. Den anderen Angeklagten war ein unterschiedliches Schicksal beschieden gewesen: Rolf Gläser wurde zur Zahlung einer Geldstrafe verurteilt, ebenso der Sportarzt Dieter Binus, dessen Anwälte Revision einfordern wollen. Gegen Dieter Krause, Volker Frischke und Dieter Lindemann wurde das Verfahren unter Strafandrohung beendigt. Sie hatten eine Geldbusse zu bezahlen.

Illustre Zeugenriege

Nicht allein das Kommen des als Dopingchef gehandelten Höppners garantiert einen vollen Gerichtssaal. Eine illustre Zeugenriege ist geladen, deren Namen den Kennern des Schwimmsports als Spitzenkönner ihres Faches geläufig sind: Eben Rolf Gläser sowie der Coach der Weltklasseschwimmerin Franziska van Almsick, Gerd Esser, gegen den ein Ermittlungsverfahren wegen geringer Schuld eingestellt wurde, der aber dennoch keinesfalls als unverdächtig zu gelten hat. Dazu hatte die Prozessentwicklung sich in der vergangenen Woche als dramatisch gezeigt: Volker Frischke, der mit der Beendigung des gegen ihn laufenden Verfahrens kein Zeugnisverweigerungsrecht mehr beanspruchen durfte, war als Zeuge geladen gewesen. Als er sich an nichts Konkretes erinnern wollte, ordnete der Vorsitzende Hansgeorg Bräutigam eine Beugehaft von zwei Monaten an. Sprunghaft war daraufhin die Auskunftsfreude des ehemaligen Coaches gestiegen: Er gab die Weitergabe des Dopingmittels Oral-Turinabol an Athletinnen zu, die Pillen seien aus der Hausapotheke des Klubs gekommen. Frischke steckt nun in einer misslichen Lage: Er wollte gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber, den Deutschen Schwimmverband (DSV), auf Wiedereinstellung klagen, obgleich er gegenüber dessen Präsidenten Rüdiger Tretow jede wissentliche Vergabe von Dopingmitteln bestritt.

Ob Manfred Höppner Belastendes gegen den Angeklagten Bernd Pansold vorbringen wird, ist ungewiss. Höppner war massgeblich an der Ausarbeitung des sogenannten Staatsplanthemas 14.25 beteiligt gewesen, in seinem Besitz befanden sich Dokumente über das flächendeckende Doping in der DDR Bereits 1990 hatte Höppner einige dieser aussagekräftigen Papiere gegen Bezahlung an die Illustrierte "Stern" transferiert. Bei Anfragen zu Stellungnahmen verschanzt er sich hinter der Ideologie des Schiffbruch erlittenen Kollektivs: Das Staatsplanthema wäre nicht allein seines Geistes Kind gewesen. Sonst schweigt er. Eine Aussage des ehemaligen Chefmediziners scheint nicht eben wahrscheinlich. Gegen Höppner laufen Ermittlungen, er könnte sich im Zeugenstand auf das Zeugnisverweigerungsrecht berufen, da eventuelle Aussagen ihn selbst belasten könnten.

Arbeitsrechtliche Konsequenzen

Nicht nur die Aussage von Volker Frischke lässt auf die arbeitsrechtlichen Konsequenzen für die Angeklagten schliessen. Rolf Gläser, der als Landestrainer in Oberösterreich arbeitet, soll in Zukunft von seinem Arbeitgeber allenfalls in einer untergeordneten Verwaltungstätigkeit bei verringerten Bezügen weiterbeschäftigt werden. Auch eine Entlassung des Coaches war erwogen worden. Die berufliche Zukunft von Bernd Pansold ist ebenso ungewiss. Noch zu Prozessbeginn hatte man von seiten seines Arbeitgebers, des Olympia-Stützpunkts Obertauern, betont, der Prozess könne wie auch immer enden, man wolle sich die Dienste des sachkundigen Arztes in jedem Falle erhalten. Stützpunktleiter Heinrich Bergmüller tat den Berliner Pilotprozess gegenüber der "Berliner Zeitung" als "einfach nur lächerlich" ab. Auch der zweifache Ski-Olympiasieger Hermann Maier wird von dem ostdeutschen Fachmann, und es sei bedacht dass das Leistungszentrum erst kürzlich in die Schlagzeilen geraten war und auch der imposante Zuwachs von Maiers Muskulatur im Brennpunkt gestanden hatte (s. Meldung vom 26.10.98)

Die jüngste Entwicklung schlug auch in Österreich mehr Wogen, als es Pansold und seinen Vorgesetzten recht sein wird. Verschont davon bleiben offenbar die unmittelbar Betroffenen: Den verdutzten Journalisten in Sölden erklärte Modellathlet Maier, Pansold führe bei ihm ohnehin nur das durch, was er immer schon getan hätte: die Leistungsdiagnostik. Wohl postum ein neuerlicher Straftatbestand in DDR-Deutschen Gesetzbüchern, wessen Pansold in Berlin angeklagt ist.

Auf eine Verurteilung des Spitzenarztes arbeitet Staatsanwalt Rüdiger Hillebrandt nun massiv hin. Er ordnete die Verfahrensbeendigungen gegen Frischke, Lindemann und Krause offenbar seinem massgeblichen Ziel unter: Hillebrandt will an die Hintermänner des DDR-Sports gelangen, an jene, die intellektuell die Verantwortung für das flächendeckende Staatsdoping tragen. Als solche gelten ausser Manfred Höppner Funktionäre wie Günter Erbach (Staatssekretär für Körperkultur), Rudi Hellmann (Abteilungsleiter Sport im Zentralkomitee der SED), der einstige DTSB-Chef Manfred Ewald und auch Egon Krenz, der letzte Staatsratsvorsitzende des SED-Staates, dem zuvor im Ressort Inneres der Zugriff zum Sport geebnet war. Ob Hillebrandt einem Verfahren gegen die Spitzenfunktionäre näher gekommen ist, bleibt aber nach wie vor fraglich.

Von Stefan Osterhaus