© Felix Gmünder, Schwimmverein Limmat Zürich

Nach EPO und Aranesp gelangt mit Dynepo ein neues Dopingmittel auf den «Markt»

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 5.9.2002

Wie immer liegen die Fahnder hinten. Obwohl es noch nicht auf dem freien Markt erhältlich ist, kursiert laut Gerüchten ein neues Erythropoietin- Präparat (EPO) im Hochleistungssport. Das Medikament heisst Dynepo, und die darin wirksame Substanz, Epoetin delta, soll noch effektiver sein als die in Aranesp – jenem Mittel, das dem Skilangläufer Johann Mühlegg an den Olympischen Spielen in Salt Lake City zum Verhängnis wurde. Dass nicht nur Gerüchte durch das Milieu des Ausdauersports wabern, zeigte bereits eine Meldung des Radsport-Weltverbands (UCI) Anfang Juli. Die UCI zählte Dynepo zur «nächsten Generation im Doping»; es versorge die Muskeln noch effektiver mit Sauerstoff als alle EPO-Präparate zuvor und sei nicht vor 2003 nachzuweisen. Nicht wenige werteten das als Freipass für Dopingsünder.

Wie immer sehen sich die Fahnder als Bittsteller. Im Frühjahr schon wusste Wilhelm Schänzer, dass dieses Mittel in der Pipeline sei, und bat den Hersteller um eine Probe. Der Leiter des vom IOK akkreditierten Labors in Köln erhoffte sich damit einen Zeitgewinn auf dem Weg zu einem schnellen Nachweisverfahren. Dass Dynepo alsbald ein Thema im Sport sein wird, davon gehen er und seine Kombattanten nämlich fest aus. Denn sobald es ein neues Mittel gebe, so Klaus Müller vom IOK-Labor Kreischa, werde es von Sportlern auch probiert. So ist denkbar, dass andere Skilangläufer cleverer als Mühlegg agierten und Dynepo schon an den Winterspielen benutzten. Seit März 2002 ist Dynepo offiziell in Europa zugelassen, auf der Basis eines unabhängigen Gutachtens von Dezember 2001. Davor unternahm der Hersteller eine zwölfmonatige Testreihe, um Wirkung und Nebenwirkungen zu erforschen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein EPO-Präparat auf dem Doping-Schwarzmarkt gehandelt wird, bevor es in die Apotheken gelangt.

So sehr Schänzer aber auch um eine Probe bat – der französische Pharma-Riese Aventis, der das Produkt gemeinsam mit der amerikanischen Firma Transkaryotic Therapies entwickelt hat, lehnte seinerzeit ab. Ein laufender Patentstreit in den USA verbiete es Aventis, so die lakonische Antwort, Dynepo bereits an die Dopinganalytik zu geben. Dabei muss es, sofern es tatsächlich schon Hochleistungssportler zu sich nehmen, aus den Forschungslabors in grossen Mengen abhanden gekommen sein.

Schänzer und seine Kollegen sehen sich in ihren Bemühungen alleine gelassen; selbst an der Doping-Weltagentur (Wada), sagt er, sei das neue Präparat bislang völlig vorbeigerauscht. Geht es nach Schänzer, sollte die Wada besser Kontakte zu Pharmakonzernen herstellen, «statt immer teure Kongresse zu finanzieren». Dass Dynepo aber schneller nachgewiesen werden kann, als von der UCI behauptet, davon sind die Dopingjäger dennoch fest überzeugt, zumal es auf gentechnischem Wege hergestellt wird. Ein Mitarbeiter aus Kreischa spricht von zwei bis drei Wochen. Wenn das Präparat nur endlich zur Verfügung stünde.

Selbst in hohen Konzentrationen galt EPO unter Dopern bislang als verhältnismässig sicher. Auch wenn Anfang der neunziger Jahre einige scheinbar gesunde Radsportler auf rätselhafte Weise gestorben sind, meist im Schlaf, an der für EPO-Missbrauch charakteristischen Verdickung des Blutes. Nun aber tauchen Berichte auf, nach denen schon in dem für EPO-Gebrauch vorgesehenen medizinischen Bereich Schwierigkeiten auftreten. Hunderttausende von Nierenkranken und Krebspatienten nehmen regelmässig EPO, um damit ihre Blutarmut zu bekämpfen; sie können so auf sonst notwendige Bluttransfusionen verzichten. Ein Segen ist das für die meisten Patienten. Nun sind aber weltweit 141 Fälle bekannt geworden, in denen EPO-Präparate teilweise Antikörper-Bildung nach sich zogen; manche Patienten rutschten in eine lebensbedrohliche Blutarmut ab. Unangenehme Nachrichten sind das für die Biotech-Hersteller. Zumal es sich bei EPO um eine hochprofitable Sparte handelt, immerhin geht es um etwa fünf Milliarden Euro Umsatz per annum. Und doch ist das bei Spezialisten keine wirkliche Überraschung, ist doch laut Wolfgang Jelkmann «Antikörper-Bildung bei gentechnisch hergestellten Präparaten schon lange bekannt». Der ausgewiesene EPO-Experte von der Universität Lübeck, der sich auch im Dopingkampf engagiert, hält es für wichtig aufzuklären, ohne dass die Nierenkranken in Panik geraten. Eines steht für Jelkmann fest: Immer noch überwiege eindeutig der Nutzen, die Problemfälle lägen im Promillebereich. Dennoch lasse sich die Gefahr nicht ausschliessen, speziell dann nicht, wenn EPO subkutan, das heisst unter die Haut, injiziert werde. Diese subkutanen Injektionen waren laut Schänzer im Radsport gängige Praxis. «Die benötigte wöchentliche Dosis ist bei subkutaner Anwendung geringer als bei intravenöser», verrät der vorab im Netz veröffentlichte Beipackzettel für Dynepo – also auch preiswerter, ein wichtiges Argument im Profisport. Ob sich auch bei Sportlern Antikörper bilden, bei an sich gesunden Athleten also, die eigentlich nicht auf dieses Medikament angewiesen sind, darüber gibt es keine Erkenntnisse. Es bleibt ein absoluter Blindflug für gedopte Sportler.

Erik Eggers