Doping der Zukunft? Schon jetzt haben Sportler mit Mutationen die Nase vorn


"Sobald es gentherapeutische Verfahren gibt, um Skelettmuskeln wachsen zu lassen, werden die auch im Leistungssport missbraucht"

Interview mit Professor Horst Michna aus Köln. Was Dopingfahnder in Zukunft erwartet, berichtet der ehemalige Weltklasseruderer und Experte für Wachstumshormone im Gespräch mit der "Aerztezeitung".


Aerztezeitung: In Sydney sehen wir die ersten Wachstumshormonspiele, sagen Doping-Experten. Sie kritisieren, dass Athleten dort nicht auf HGH (human growth hormon) überprüft werden, obwohl das bereits möglich sei. Müssen wir davon ausgehen, dass bei den Spielen viele Athleten mit dem Hormon HGH gedopt sind?

Michna: Ja, das müssen wir. Der australische Zoll hat allein in diesem Jahr über 1000 Schmuggelversuche mit verschreibungspflichtigen Hormonen aufgedeckt. In den USA wurden 1000 Einheiten von HGH gestohlen, und einige Athleten wurden erwischt, wie sie versucht haben, Wachstumshormon nach Australien einzuführen. Das ist offensichtlich nur die Spitze des Eisbergs.


Aerztezeitung: Was versprechen sich Leistungssportler von HGH?

Michna: HGH kurbelt die Eiweisssynthese an, gleichzeitig wird mehr Fett verbrannt. Das fördert das Muskelwachstum, das kann ein Krafttraining effizienter machen.


Aerztezeitung: Aerzte warnen aber vor unerwünschten Wirkungen.

Michna: Die kennen wir am besten von der Akromegalie. Hier kommt es durch einen Tumor zur Überproduktion von Wachstumshormon. Bei Patienten mit dieser Krankheit wachsen Füsse und Zunge stärker, das Sprechen kann gestört werden, Herzprobleme sind möglich.


Aerztezeitung: Das schreckt manche Athleten offenbar wenig.

Michna: Unausrottbar hält sich im Leistungssport und beim Bodybuilding die Vorstellung, je mehr man von einem Hormon nimmt, um so effizienter wird das Training, um so stärker wachsen die Muskeln. Manche nehmen aber nicht nur eine Substanz, sondern bis zu vier Dutzend verschiedene Stoffe. Das kann zu dramatischen Nebenwirkungen führen, bis hin zum Tod.


Aerztezeitung: Mit welchen Wachstumsfaktoren oder anderen Zytokinen werden Sportler in Zukunft dopen?

Michna: Erfahrungsgemäss greifen Athleten immer zu Substanzen, die in der Schweinemast erfolgreich sind und noch nicht auf der Dopingliste stehen oder noch nicht nachgewiesen werden können. Für die Zukunft kommen weitere Stoffe in Frage, die in die Kaskade derjenigen Faktoren eingreifen, die das Wachstum der Skelettmuskulatur beeinflussen. Dazu zählen zum Beispiel Insuline-like-growth-factor-Proteine.


Aerztezeitung: Lassen sich solche Substanzen dann noch nachweisen?

Michna: Das ist das nächste Problem. Da müssen die weltbesten Laboratorien ran. Gottlob sind viele dieser Substanzen noch nicht für den Leistungssport entdeckt, wenngleich über Laborbedarf zugänglich.


Aerztezeitung: Man könnte auch Gene in Muskelgewebe einschleusen, die die Muskeln stärker wachsen lassen oder ihre Leistung erhöhen.

Michna: Das ist sicher das Dopingproblem der Zukunft. Doch derzeit gibt es noch nicht einmal eine erfolgreiche Gentherapie für Krebskranke. Aber in dem Moment, in dem es ein gentherapeutisches Verfahren gibt, um zum Beispiel Skelettmuskeln bei Duchenn'scher Muskelatrophie gezielt wachsen zu lassen, dann, so lehrt uns die Erfahrung, wird das auch im Leistungssport missbraucht.


Aerztezeitung: Falls es eines Tages solche gentherapeutischen Verfahren gibt oder Gene zur Leistungssteigerung gar verändert werden, bekommen wir dann Olympische Spiele für nicht-manipulierte Sportler und solche für Mutanten?

Michna: Die Mutanten spielen jetzt schon bei Olympiaden mit. Es gibt einen erfolgreichen finnischen Skilangläufer, Eero Mäntyranta, der hat mehrere Goldmedaillen gewonnen. Er hat eine Punktmutation im Gen für den Erythropoetin-Rezeptor. Dadurch bildet er vermehrt rote Blutkörperchen und ist leistungsfähiger als ohne diese Mutation.


Aerztezeitung: Mit Gen-Tests kann man heute bereits nach Menschen suchen, die Olympia-taugliche Erbanlagen haben. Werden bald Headhunter im Sportunterricht auftauchen?

Michna: Sobald einige Gen-Varianten bekannt sind, die für besondere Ausdauerleistungen oder Kraftsportarten prädestinieren, dann werden Staaten systematisch in ihrer Bevölkerung danach suchen, wenn sie ein grosses Interesse an internationalen Erfolgen haben. Positiv wäre, wenn man durch einen Gen-Test jemandem sagen könnte, ob er das Zeug zu einen erfolgreich Athleten mitbringt.


Aerztezeitung: Wird Doping bei künftigen Olympischen Wettbewerben eine grössere Bedeutung haben?

Michna: Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass Olympia-Athleten weiter zu Dopingmitteln greifen. Wenn das IOC dopingfreien Sport will, dann muss es viel vollherziger den Kampf gegen unerlaubte Mittel unterstützen. Es ist für mich unverständlich, wenn das IOC Leute, die einen Doping-Test auf Wachstumshormone entwickeln, nicht finanziell fördert.


Muskelaufbau

Produkte von Muskelaufbau- und Wachstumskontroll-Genen sind vielleicht die Dopingmittel der Zukunft. Athleten könnten sie mit gentherapeutischen Verfahren gezielt beeinflussen.

  • Menschliches Wachstumshormon

    (human growth hormon, HGH, Somatropin) stimuliert die Proteinsynthese und die Lipolyse, es fördert Knochen- und Muskelzellwachstum. Seine Wirkung wird hauptsächlich über IGF-Proteine vermittelt.

  • Insulin-ähnliche Wachstumsfaktoren

    (IGF, insulin-like growth factor) kontrollieren das Wachstum von Knochen und Muskeln. Sie hemmen auch den Proteinabbau.

  • Angiotensin umwandelndes Enzym

    (angiotensin converting enzyme, ACE) kann die aerobe Ausdauerleistung fördern.

  • Myostatin hemmt das Muskelwachstum

    . Rinder, bei denen das Myostatin-Gen blokkiert ist, entwickeln soviel Muskelmasse, dass sie kaum noch stehen können. Sportler könnten eines Tages Myostatin gentherapeutisch inaktivieren.