Doping im Fitnesscenter

Fast 6 Prozent aller Besucher von Fitnesszentren nehmen regelmässig Doping.

Von Mark Schenker, Brüssel [Tages-Anzeiger, 18.5.2002]

Der Konsum von Medikamenten und Präparaten zur Steigerung der sportlichen Leistung, kurz: Doping, ist in der EU viel weiter verbreitet als bisher angenommen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Untersuchung, welche die Luxemburger Kommissarin Viviane Reding, zuständig für Jugend und Sport, diese Woche präsentiert und entsprechend Alarm geschlagen hat.

Vor allem jugendliche Besucher von Fitnesszentren nehmen häufig Dopingmittel wie Anabolika, Diuretika, Aufputsch- und Nahrungsergänzungsmittel wie etwa Kreatin ein. Dazu kommen Anti-Östrogene, welche die schädlichen Nebenwirkungen der Anabolika angeblich verringern sollen.

Dabei nehmen die meisten offenbar die Folgen regelmässigen Dopings – Nasenbluten, Herzflimmern, Akne, erhöhte Sekretion und Übelkeit – in Kauf. Selbst gravierendere Nebenwirkungen wie Verhaltensänderungen (vermehrte Aggressivität) oder sexuelle Störungen scheinen kein Hinderungsgrund mehr zu sein. Allerdings fehlen Langzeituntersuchungen über die gesundheitlichen Folgen des Dopingkonsums noch für die meisten Produkte.

In der EU-Untersuchung wurden die Besucher von Fitnesszentren in Belgien, Deutschland, Italien und Portugal systematisch befragt, ob und wie häufig sie Dopingmittel verwenden. Aus der Erhebung geht hervor, dass im Durchschnitt knapp 6 Prozent aller Kunden regelmässig leistungsfördernde Präparate konsumieren. An die mögliche Dunkelziffer wagt man da gar nicht erst zu denken.

1 Million Dopingsünder

Dabei stammen die bekennenden Dopingsünder aus allen sozialen Schichten: Berufstätige, Schüler und Studenten weisen punkto Anabolika-Verbrauch keine signifikanten Unterschiede auf. Einen besonders hohen Verbrauch haben die – meist jugendlichen – Bodybuilder. Bedenkt man, dass es in der ganzen EU etwa 23 000 Fitnesszentren mit insgesamt 16 Millionen Mitgliedern gibt, kommt man hochgerechnet auf fast eine Million regelmässiger Doping-Konsumenten in der Europäischen Union.

Vergleichbare oder noch höhere Werte hat man übrigens auch in den USA ermittelt: Dort ergab eine kürzlich erstellte Studie, dass 11 Prozent aller männlichen Schüler im Alter von 11 bis 12 Jahren regelmässig Dopingmittel einnehmen.

Aktionsplan tut Not

EU-Kommissarin Viviane Reding will jetzt die Mitgliedstaaten auffordern, gegen den schädlichen Dopingkonsum vorzugehen. Überdies plant die Luxemburgerin auf EU-Ebene einen Aktionsplan, der allerdings von den 15 Mitgliedsländern noch abgesegnet werden muss. Zur Diskussion stehen hier die verbesserte Etikettierung der verwendeten Medikamente. Dann soll der Erwerb der Ausgangsprodukte, die zur Herstellung der Dopingmittel gebraucht werden, strenger kontrolliert werden als bisher. Viele der verwendeten Präparate werden schliesslich auf dem Schwarzmarkt produziert und via Internet vertrieben, was eine Überwachung des Verbrauchs erschwert.

Schliesslich prüft die EU die Schaffung einer Informationsseite auf dem Internet, die über die Gefahren der verwendeten Substanzen Auskunft erteilt.