Doping – Spitzensport als gesellschaftliches Problem II

Keine Frage der Moral

Warum sich das Dopingproblem mit den bisherigen Handlungsstrategien nicht lösen lässt

Von Karl-Heinz Bette und Uwe Schimank, Heidelberg

Doping ist ein Thema, das keiner langen Hinführung bedarf. Zu viele einschlägige Fälle sind dem Sportinteressierten in den vergangenen Jahren berichtet worden. Ben Johnson war keineswegs der erste prominente Dopingsünder, und Dieter Baumann wird nicht der letzte zu verhandelnde Fall gewesen sein. Mit dem gerade zitierten Ausdruck «Dopingsünder» ist ein zentraler Topos der gängigen, nicht zuletzt durch die Massenmedien verbreiteten Sicht auf Doping angesprochen: die moralisierende Personalisierung des Problems. Charakterschwache Individuen – ob Sportler oder Trainer, Ärzte oder Funktionäre – werden ursächlich für die klammheimliche Missachtung der elementaren Sportnormen und des sinngebenden Ethos des sportlichen Wettkampfes verantwortlich gemacht. Dem soziologischen Beobachter stellt sich die Sache völlig anders dar. Er vermag Doping als einen «normal accident» des heutigen Hochleistungssports zu erklären. Doping ist ein Konstellationsprodukt, das in der Systemlogik des Spitzensports und deren Entfesselung durch ein sportinteressiertes Umfeld strukturell angelegt ist.

So institutionalisiert die ausschliessliche Fixierung auf Siege unerbittliche Konkurrenzkämpfe, die durch die Überbietungslogik von Rekorden nochmals an Schärfe gewinnen. Die offizielle olympische Rhetorik stellt nur eine freundliche Bemäntelung dieser unbarmherzigen Realität dar. Dabei sein ist nicht alles! Die bereits durch innersportliche Triebkräfte erzeugte Eskalation-Dynamik wird durch aussersportliche Einflüsse noch weiter gesteigert. Da Wettkämpfe spannend sind, sich für Heldeninszenierungen eignen und auch spektakuläre Events darstellen, sieht sich der Spitzensport mit immer grösseren Erwartungen des Publikums, der Politik, der Wirtschaft und der Massenmedien konfrontiert. Unternehmen wollen ihre Werbeträger siegen sehen; Politiker brauchen nationale Aushängeschilder anstelle von «Sporttouristen»; die Medien haben allein die Sieger im Blick, um ihre Einschaltquoten hochzuschrauben; und das Publikum nutzt die Kurzweil vor dem Fernseher oder im Stadion als eines der wichtigsten Angebote der Freizeit- und Erlebnisgesellschaft. All diese Bezugsgruppen ermöglichen durch mannigfaltige Unterstützungen eine sportliche Leistungssteigerung – mit dem Effekt, dass die Athleten in ein immer engeres Netz übersteigerter Erfolgserwartungen verstrickt werden.

Diese Gesamtkonstellation aus dem einzelnen Athleten, seinen Konkurrenten sowie aus dem sportlichen und aussersportlichen Umfeld muss vor dem Hintergrund der hochgradigen Körperabhängigkeit sportlichen Handelns gesehen werden. Jeder Athlet unterliegt dem ständigen Risiko des Scheiterns durch Verletzungen, Krankheit und körperlichen Leistungsabbau. Diese Unwägbarkeiten können alle Karriereplanungen von heute auf morgen über den Haufen werfen. Ob das eigene Talent reicht, Körper und Willenskraft mitspielen, die Konkurrenten überwunden werden können: All dies bleibt höchst unsicher und riskant. Der Athlet erfährt also eine permanente Zerreissprobe zwischen dem sozialen Erfolgsdruck auf der einen und dem Risikofaktor des eigenen Körpers auf der anderen Seite.

Hinzu kommt, dass eine meist schon im Kindes- und Jugendalter beginnende Quasiverberuflichung des Sporttreibens die Leistungssportler schnell in eine biographische Falle drängt. Siege und Erfolge müssen nicht nur her, um die eigene Identität immer wieder zu bestätigen, sondern auch um Einkommens- und Berufschancen nach dem Ende der Sportkarriere anzubahnen. Doch die Konkurrenz mit anderen Athleten, die demselben Erfolgsdruck unterliegen, wird immer schärfer. Starke äussere Zwänge und Zwangslagen dieser Art drängen die Athleten immer mehr dazu, Fairnessgebote und Rücksichten auf die eigene Gesundheit hintanzustellen und Doping unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten abzuwägen und gegebenenfalls zu praktizieren. Pillen und Spritzen versprechen, die vielfältigen Risiken der Athletenkarriere zu reduzieren und den «return on investment» zu erhöhen. Doping ist somit eine strukturell vorgeprägte rationale Wahlhandlung: Man passt sich an die veränderte Situation spitzensportlicher Biographien durch Abweichung von den offiziell geltenden Normen an. Sozial als legitim angesehene Ziele, nämlich sportliche Erfolge zu erringen, werden mit illegitimen Mitteln verfolgt.

Dabei hat ein defensives, nur noch der Nachteilsvermeidung dienendes Doping längst die Oberhand gewonnen. Ursache dafür ist die Intransparenz des Dopings, das bekanntermassen in den Tiefen des Körpers stattfindet. Immer wieder werden neue Medikamente und Praktiken entdeckt, die für längere Zeit nicht nachweisbar sind. Daher weiss kein Athlet, ob seine Konkurrenten sich dopen; und jeder muss davon ausgehen, dass Doping in den allermeisten Fällen unentdeckt bleibt. Selbst wenn kein einziger Athlet von sich aus zum Doping greifen wollte, sehen sich daher viele dazu genötigt, weil sich niemand der Dopingabstinenz der Mitkonkurrenten sicher sein kann. Doping wird so zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Eine unaufhaltsame Dopingspirale ist gleichsam vorprogrammiert. Immer abenteuerlichere Praktiken, Dosierungen und Kombinationen werden eingesetzt, mit immer schwerwiegenderen gesundheitlichen Folgen. Zwar gilt, wie bei der militärischen Aufrüstung: Wenn Doping sowieso keinen Vorteil mehr bringt, weil viele es tun, könnten genauso gut alle damit aufhören. Allerdings stimmt auch: Sofern alle anderen damit aufhörten, könnte ein Sportler sich selber den vielleicht entscheidenden Vorteil verschaffen, wenn er sich als Einziger weiterhin heimlich dopte. Und weil alle von dieser Möglichkeit wissen, trauen sie einander sogar und gerade dann nicht über den Weg, wenn zum allseitigen Dopingverzicht aufgerufen wird.

Problemverschärfend wirkt dabei die Tatsache, dass der Erfolgsdruck nicht allein auf dem Athleten lastet, sondern ebenso auf seinem sportlichen und aussersportlichen Umfeld. Trainer, Verein, Funktionäre und Verband benötigen ebenfalls Erfolge ihrer Athleten. Für den Trainer hängen Anstellung und Karriere davon ab, für Verein und Verband staatliche Fördergelder, Zuwendungen von Sponsoren und vielleicht auch die Einnahmen aus Fernsehrechten. Zwischen dem Sportler auf der einen und dem Publikum auf der anderen Seite spannt sich demnach eine komplexe Konstellation unterschiedlichster Akteure auf, die im Zusammenwirken Doping erzeugen.

Wie soll Doping bekämpft werden?

Wer Doping moralisiert und personalisiert, hat es vergleichsweise einfach mit der Frage, wie dieses Problem zu bekämpfen ist. Abschreckung und Bestrafung sowie Charakterstärkung und Umerziehung sind die Mittel der Wahl, um «Dopingsünder» zu bekehren beziehungsweise um von vornherein darum bemüht zu sein, dass ein Athlet erst gar nicht auf die schiefe Bahn gerät. All diese am Individuum ansetzenden Massnahmen bleiben aber, soziologisch betrachtet, bestenfalls Stückwerk, wenn sie nicht von wirksamen Massnahmen auf der überpersonellen Ebene begleitet werden. Weil Doping, wie dargestellt, ein Konstellationsprodukt ist, muss vor allem die Doping erzeugende Konstellation inner- und aussersportlicher Akteure geändert werden. Dopingbekämpfung ist daher zuallererst als Konstellationsmanagement zu konzipieren und zu realisieren: als gezielte Umgestaltung der Konstellation – von den Zuschauern bis zu den Athleten – in Richtung einer Eröffnung neuer Handlungskorridore, die nicht zum Doping führen.

Eine soziale Konstellation zielgerichtet zu verändern, heisst freilich, sich einem Interventionsgegenstand zuzuwenden, der sehr viel komplexer und intransparenter ist als eine einzelne Person. Besondere Schwierigkeiten tauchen auf, wenn die Konstellation nicht von einem ausserhalb ihrer selbst stehenden Gestaltungsakteur, der über entsprechende Einflusspotenziale verfügt, einfach «umgebaut» werden kann, sondern die Veränderung aus sich selber heraus zu bewerkstelligen ist. Diese verschärften Bedingungen gelten zweifellos für das Dopingproblem des Spitzensports. Hier ist Selbständerung angesagt. Denn welcher externe Akteur wäre denn fähig und bereit, sich der Dopingproblematik anzunehmen? Alle, die irgendwie mit dem Spitzensport zu tun haben, sind, wie wir gezeigt haben, in das Doping involviert. Die Konstellation muss sich also ohne wesentliche fremde Hilfe selbst aus dem Doping-Sumpf herausziehen. Dabei ist weiterhin davon auszugehen, dass diese Anstrengung von allen Beteiligten gemeinsam geleistet werden muss. Es dürfte nicht genügen, wenn nur die Politiker oder allein die Athleten oder ausschliesslich die Sportverbände etwas gegen Doping unternähmen – wie immer ehrenwert die Bemühungen sein mögen.

Man kann auch keineswegs davon ausgehen, dass eine allseitige Änderungsbereitschaft vorliegt. Selbst wenn es längerfristig für alle oder doch die meisten Beteiligten besser wäre, wenn das Doping aufhörte, macht es gerade die spezifische Qualität der Dopingkonstellation aus, dass sie kurzfristig auf jeden Akteur einen strukturellen Druck ausübt, so weiterzumachen wie bisher. Und jeder neigt zunächst einmal dazu, nur an sich zu denken und hier und heute zu bestehen – selbst wenn er weiss, dass ihm dies übermorgen zum Verhängnis werden könnte.

Eine Art «Politik der kleinen Schritte»

Es sind allerdings Beispiele für ähnlich zugespitzte Konstellationen bekannt, die ein erfolgreiches Management der Selbständerung betrieben haben. Man denke nur an das «Wettrüsten» der Supermächte seit den fünfziger Jahren, das diese in den achtziger Jahren durch Rüstungskontrollabkommen allmählich in den Griff bekamen – noch bevor das Problem sich dadurch erledigte, dass die Sowjetunion sich auflöste. Erfolg versprechend ist offenbar eine «Politik der kleinen Schritte», die zu allmählicher Vertrauensbildung und Kooperation führt. Essenziell dabei ist, trotz möglichen Rückschlägen das Gespräch miteinander nicht abreissen zu lassen und in Verhandlungen zu bleiben. Auch wenn man aus einem solchen Beispiel gewisse Hoffnungen zu schöpfen vermag, darf nicht übersehen werden, dass das «Wettrüsten» bei all seiner Gefährlichkeit in zwei entscheidenden Hinsichten weniger komplex als die Dopingkonstellation beschaffen war. Ersteres war eine bipolare Konstellation, die auf beiden Seiten von denselben Handlungslogiken – der militärischen und der politischen – beherrscht wurde. Die Dopingkonstellation umfasst demgegenüber deutlich mehr Arten von Akteuren und wird durch eine Vielfalt von Handlungslogiken bestimmt: die sportliche und die politische, die wirtschaftliche und die journalistische, die medizinische und die wissenschaftliche, die juristische und die pädagogische Sicht der Dinge – sowie nicht zuletzt die Perspektive der Zuschauer. Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass diverse Teilgruppen von Akteuren – etwa die Medien – untereinander in Konkurrenzbeziehungen stehen, was die Problemlösung nicht einfacher macht.

Klar muss von vornherein sein, dass jeder Akteur nur in seiner Handlungslogik ansprechbar ist. Den Richter oder Verbandsjuristen interessieren keine Siege, sondern Gesichtspunkte der Rechtmässigkeit; das Unternehmen ist ebenso wenig sportbegeistert, sondern an den eigenen Bilanzen interessiert. Und die Akteure des Sports wiederum kümmern sich um Gesetze oder Sponsorengelder nur als Randbedingungen dessen, worum es ihnen eigentlich geht, nämlich das sportlich Mögliche zu steigern. Die verschiedenen Handlungslogiken müssten also miteinander ins Gespräch gebracht werden; und dieser Diskurs hätte letztlich darauf ausgerichtet zu sein, dem Sport in dessen Sprache zu verdeutlichen, dass Doping sich nicht länger lohnt. Auch wenn die gesamte Konstellation das Doping erzeugt: Nur die Sportakteure selber können in letzter Instanz eine Dopingbekämpfung umsetzen.

Beratschlagen am «runden Tisch»?

Ein «runder Tisch» wäre die geeignete Institution, um eine «konzertierte Aktion» aller Beteiligten zu beratschlagen und zu beschliessen. Mit einem derartigen integrativen Mechanismus sind in anderen Gesellschaftsbereichen bei ähnlich schwierigen Problemkonstellationen durchaus Erfolge erzielt worden. Neben all den genannten Akteuren – einschliesslich den Repräsentanten des Publikums – dürfte der soziologische Beobachter nicht fehlen. Auch er sollte seine spezifische Sichtweise einbringen – aber nicht als eine in irgendeinem Sinne überlegene Deutung, sondern wiederum als eine neben anderen. Es geht also nicht um Patentrezepte, sondern um eine weitere Stimme im Gespräch.

Was den Soziologen – abgesehen von seiner spezifischen Perspektive – von den anderen Beteiligten unterscheidet, ist die Tatsache, dass er nicht praktisch in die Dopingkonstellation verwickelt ist, sondern diese als Aussenstehender analysieren und kommentieren kann. Vom unmittelbaren Handeln entlastet zu sein, hat den Vorteil, ohne manifeste Eigeninteressen urteilen zu können. Dadurch vermag der Soziologe Dinge beim Namen zu nennen, die vielleicht für die anderen Akteure tabu sind, und kann so Denkverbote der Konstellation ignorieren und dadurch ausser Kraft setzen. Wenn es freilich um die praktische Realisierbarkeit und Umsetzung bestimmter Massnahmenbündel geht, hat er sich mangels eigener Konstellationserfahrung zurückzuhalten. Der Soziologe entwirft Deutungsszenarien, und die Konstellationsbeteiligten müssten diese auf ihre Handlungsbedingungen und -möglichkeiten beziehen und entsprechend umarbeiten.

Auch wir halten uns daher an dieser Stelle ganz bewusst damit zurück, eigene substanzielle Vorschläge für konkrete Massnahmen zur Dopingbekämpfung zu präsentieren. Wichtiger – und unserer Rolle als Soziologen angemessener – erscheint es, den dargelegten prozeduralen Vorschlag, wie sich tragfähige substanzielle Vorschläge erarbeiten lassen, ins Gespräch zu bringen. Auf welche Ideen ein «runder Tisch» kommen könnte, wissen wir nicht. Und wir können auch nicht garantieren, dass ein «runder Tisch» eine erfolgreiche «konzertierte Aktion» auf den Weg zu bringen vermag. Aber als ziemlich sicher erscheint es uns, dass sich das Dopingproblem mit den bisherigen Vorgehensweisen nicht lösen lässt.