Weitere Aufarbeitung von DDR-Unrecht gefordert

Der Berliner Richter Bräutigam im Radio

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Neue Zürcher Zeitung Nr. 300 vom 28.12.98

Die jüngst gefällten Urteile im sogenannten Dopingprozess des früheren DDR-Sports sind keine Form von Siegerjustiz. Davon ist der Vorsitzende Richter der 34. Grossen Strafkammer des Landgerichts Berlin, Hansgeorg Bräutigam, überzeugt. Gegenüber dem Deutschlandfunk und dem Sender Freies Berlin verwahrte sich der Jurist gegen Behauptungen, die Rechtsprechung habe sich im Verfahren wegen Minderjährigen-Dopings politisch instrumentalisieren lassen. Vielmehr setzten deutsche Gerichte den Strafanspruch der DDR durch, der per Einigungsvertrag auf die Bundesrepublik Deutschland übergegangen sei.

Erstmals nahm Bräutigam in dem Radiointerview ausführlich Stellung zum sogenannten Doping-Pilotverfahren gegen sechs Angeklagte der Schwimmsektion des ehemaligen SC Dynamo Berlin. Der Prozess hatte am 18. März begonnen und war nach 42 Verhandlungstagen am 7. Dezember mit einem Schuldspruch gegen den Arzt Bernd Pansold zu Ende gegangen.

Zahlreiche weitere Verfahren werden im neuen Jahr erwartet. Nach Auffassung von Bräutigam kommt es bei Strafprozessen wegen DDR- Dopings vornehmlich darauf an, Unrecht zu dokumentieren: Das ist wichtiger als der eigentliche Strafanspruch. Bei Doping- Straftaten handele es sich um Falle minderer Kriminalität. Deshalb seien diese auch nicht verjährt. Die Vergabe von Anabolika an minderjährige Athleten sei als Körperverletzung strafbar, wenn sie zu einer Gesundheitsschädigung führt. Die im Pilotprozess bei den Opfern nachgewiesenen Störungen im Hormonhaushalt und die Gefahren durch Nebenwirkungen hätten daher ausgereicht, den Eintritt einer Körperverletzung festzustellen.

Bräutigam ist überzeugt, dass die Führungsschicht des DDR- Sports ebenfalls auf die Anklagebank gehört. Dazu zählt auch der langjährige Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB), Manfred Ewald. Angesichts der am 2. Oktober 2000 ablaufenden Verjährungsfrist könne es allerdings zeitlich knapp werden, meinte der Jurist warnend- es gibt genügend prozessuale Möglichkeiten, die Verfahren zu verzögern. Nach Ansicht von Bräutigam muss die Berliner Gauck-Behörde weiterhin DDR-Unrecht aufarbeiten. Die Dokumente des DDR-Staatssicherheitsdienstes würden helfen, die Wahrheit aufzudecken und Klarheit zu schaffen, nur so könne den Opfern Gerechtigkeit widerfahren. Es wäre nicht im Interesse der Opfer, wenn diese Akten geschlossen oder anonymisiert würden, sagte Bräutigam zum Schluss.

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