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Die nationale Dopingbekämpfung in der Sackgasse - Professionalisierung oder Abschaffung

NZZ im Dezember 1999

Die Situation ist verworren: Doping ist nicht nur im Spitzensport zum allgegenwärtigen Thema geworden, auch der Breitensport ist davon betroffen. Und spätestens seit den Vorkommnissen an der Tour de France 1998 setzt sich die Öffentlichkeit so intensiv wie nie zuvor mit einem Phänomen auseinander, das gar nicht so richtig fassbar ist. Der Staat und der privatrechtliche Sport bekennen sich beide zu ihrer Verantwortung und plädieren für eine Intensivierung von Forschung und Repression - auf der anderen Seite demonstrieren sie ihre Machtlosigkeit in praktisch all ihren Handlungsweisen. Kurzum: die seit Jahrzehnten zementierten Strategien sind in eine Sackgasse geraten.

Welche Werte vertritt der Spitzensport?

Wohl nicht zuletzt deshalb hat sich der Vorsteher des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), Bundesrat Adolf Ogi, mehrmals dafür ausgesprochen, die nationale Dopingpolitik zu überprüfen. Nur passiert ist mit Ausnahme leichter Retuschen nicht viel. Allein, eine Änderung des Heilmittelgesetzes sowie eine Anpassung des Bundesgesetzes über die Förderung von Turnen und Sport werden in Aussicht gestellt, von einer «echten» Doping-Gesetzgebung - ist eine solche überhaupt möglich? - kann nicht die Rede sein. Vor allem eines fehlt dem kritischen Beobachter in diesem Zusammenhang: ein unmissverständliches Bekenntnis, welche Werte der Schweizer Hochleistungssport künftig vertreten soll.

Sind es nur die Medaillen an Olympischen Spielen und an WM, die Rechenschaft über erfolgreiches Arbeiten ablegen, oder sind dem Spitzensport auch andere Werte als «Sieg» oder «Niederlage» zuzugestehen - und wie, bitte schön, ist das Streben nach internationaler Anerkennung zu vereinbaren mit dem gleichzeitigen Ruf nach einem «sauberen» und sogenannt ethischen Sport? Wenn der Zweite wirklich schon der erste Verlierer ist, wie es Adolf Ogi unlängst anlässlich seines «Klagelieds» an die Adresse der Nationaltrainer postulierte, können nicht allen Ernstes idyllische Verhältnisse und das alleinige Vertrauen in ein effizientes Training gepriesen werden. Es ist folglich zu fragen, ob statt dessen nicht besser die Maxime gelten soll, wenn man sich schon zum Spitzensport bekennt, dann Medizin und Sportwissenschaft soweit wie möglich in Anspruch zu nehmen und als Tabu einzig die Dopingliste des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) zu akzeptieren. Dies im Wissen, dass auch besagte Liste ihre Grenzen hat, wie sich jüngst im deutschen Wissenschaftsstreit um den «Fall Baumann» herausstellte.

Fehlen einer Schweizer Dopingpolitik

Und wo steht die Schweiz mit ihrer Dopingpolitik, die eigentlich gar keine ist, da bisher noch nie eine verabschiedet wurde? Erstaunen tut dies vor allem, weil an der Sportschule Magglingen (ESSM) seit längerer Zeit ein Strategiepapier vorliegt, das wohl wegen zu grosser Meinungsdifferenzen wieder schubladisiert worden ist. Hinreichend bekannt ist, dass die Dopingbekämpfung in unserem Land auf den drei Säulen «Kontrolle», «Information/Prävention» und «Forschung» steht. Dabei sieht sich für den erstgenannten Bereich vor allem der Olympische Verband (SOV) mit seiner Fachkommission für Dopingbekämpfung (FDB) in der Verantwortung, die Säulen zwei und drei sind vom Bundesamt für Sport (Baspo) mit der ESSM besetzt. Werden nun die bisherigen Massnahmen einer Erfolgskontrolle unterzogen, sind kritische Fragen angebracht. Ja die gesamte Antidoping-Policy ist zu hinterfragen.

Anzuzweifeln ist zum Teil nicht nur die Kompetenz, sondern vor allem die Effizienz der FDB. Das seit 1990 bestehende Fachgremium, dessen Geschäftsführer Oliver Hintz mit einem Fünfzig- Prozent-Pensum in die Struktur des SOV eingebettet ist und auch von diesem bezahlt wird, ist völlig überfordert. Neben Hintz widmet sich nur noch der Sachverständige für Dopingfragen im Baspo, Matthias Kamber, von Amtes wegen dem Tagesgeschäft; die übrigen FDB-Mitglieder sind lediglich ehrenamtlich tätig. Problematisch erscheint, dass sich die interdisziplinär zusammengesetzte Kommission zwar gegen aussen unabhängig gibt, diese Unabhängigkeit allerdings so lange nicht gegeben ist, wie die Geschäftsführung im SOV verankert ist. Bemängelt werden muss auch der Umstand, dass von seiten der mit Dopingkontrollen beauftragten Stellen, gedacht sei etwa an das vom IOK anerkannte Dopinglabor der Uni Lausanne, niemand in der FDB vertreten ist.

Fachkommission für Doping überfordert?

Im vom Sportparlament am 6. November dieses Jahres gutgeheissenen Dopingstatut ist die Kontrollpraxis geregelt. Dieses sieht zwar endlich vor, dass nur noch Kontrollen ohne Vorankündigung durchgeführt werden, doch hapert es stark an der Qualifikation der mit solchen «on-the- spot»-Kontrollen beauftragten Personen. Die ehrenamtlich tätigen Kontrolleure, die vom SOV auf ihre Aufgabe vorbereitet werden, haben sich in der Vergangenheit einige Male durch Inkompetenz und mangelndes Durchsetzungsvermögen ausgezeichnet. Kommt hinzu, dass heutzutage noch immer nicht von allen SOV-Athleten bekannt ist, wo genau sie sich im Moment aufhalten, so dass auch «on-the-spot»-Kontrollen von einer gewissen Willkür abhängig sind. Ein Zustand, der nicht weiter erstaunt, wenn man weiss, dass die Strukturen die gleichen sind wie vor zehn Jahren.

Als eines wird die besagte Fachkommission auf jeden Fall nicht wahrgenommen, als Kompetenzzentrum in Sachen Doping. Auf Grund fehlender Kapazitäten kann kaum strategisch gearbeitet werden, die Entscheidungswege erscheinen dem Aussenstehenden viel zu lang. Und in gewissen Dopingfällen (etwa der Nandrolon-Befund von Olivier Bernhard) ist die FDB nicht einmal konsultiert worden, so dass sich ausgerechnet die Spezialisten in gewissen Fällen durch die Medien informieren mussten, wie u. a. Mathias Kamber bestätigt. Zudem sind offenbar die Kompetenzen nicht klar geregelt. Was darf die Fachkommission für Dopingbekämpfung entscheiden, was nicht, und warum nicht?

Neue Denkansätze gefordert

Eine ziemlich zwiespältige Bestandesaufnahme, die nicht für den hohen Entwicklungsstand unseres Landes spricht und die Mängel offenlegt, die bisher zu wenig an Öffentlichkeit erfahren haben. Nun stellt sich also die Frage, ob im Sinne des bisherigen Denkschemas einfach den Fehlern abgeschworen und Besserung gelobt werden soll oder ob bei dieser Gelegenheit nicht eine grundlegende Änderung des schweizerischen Dopingdogmas der ehrlichere Ansatz wäre? Sinn und Unsinn von Dopingkontrollen müssen diskutiert werden, egal, ob sie von unabhängigen «Häschern» durchgeführt werden oder nicht. Überhaupt dürften die Prämissen der gegenwärtigen Diskussion nicht der Weisheit letzter Schluss sein, der Ansatz müsste wie bereits bei anderer Gelegenheit an dieser Stelle ausgeführt, ein anderer sein: mit Argumenten, die das falsche Primat der Chancengleichheit in den Vordergrund stellen, kann der Dopingkonsum nicht länger verurteilt werden. Nicht die Tatsache, dass einer medizinisch unterstützend wirkt, sondern die Frage, wie weit er gehen kann, um seine Gesundheit nicht vorsätzlich zu gefährden, müsste künftig relevant sein - der Sportler als Patient und nicht länger als Opfer oder Täter.

Wenn aber «Repression» weiterhin als geheiligtes und alleiniges Mittel gelten soll - eine Annahme zwar, die durch den «Fall Baumann» wiederum stark relativiert werden muss -, dann muss das Kontrollsystem professionalisiert werden. Dann ist die Forderung, so schnell wie möglich auch im eigenen Land eine unabhängige und mit genügend finanziellen Ressourcen ausgestattete Antidoping-Agentur zu schaffen, nicht nur sinnvoll, sondern zwingend, ansonsten die Fachkommission für Dopingbekämpfung besser heute als erst morgen aufgelöst wird.

Replik von Marco Blatter - Direktor des SOV

Hoffnungen des Schweiz. Olympischen Verbandes in die IOK-Agentur und internationale Normen

Der Artikel vom vergangenen Freitag über den nicht zufriedenstellenden Stand derschweizerischen Doping-Politik (NZZ 10. 12. 99) hat im Kreis des Schweizerischen Olympischen Verbandes (SOV) Reaktionen hervorgerufen. Nachstehend nimmt dessen Direktor Stellung zu den kritischen Ausführungen, weist auf die internationale Beachtung des hiesigen Kontrollkonzepts hin und stellt sich vor die an dieser Stelle angezweifelte, meist ehrenamtlich tätige Kommission.

Mit der Ratifizierung der Konvention «Doping» des Europarates hat das eidgenössische Parlament folgende Aufgabenteilung beschlossen: Kontrollen durch den Schweizerischen Olympischen Verband (SOV), Prävention und Forschung durch das Bundesamt für Sport (Baspo). Die Analytik hat durch ein vom Internationalen Olympischen Komitee akkreditiertes Labor (in der Schweiz das UAD Lausanne) zu erfolgen.

Der SOV hatte 1990 mit der Fachkommission für Dopingbekämpfung (FDB) ein vom Verbandswesen unabhängiges Organ geschaffen. Diese Kommission setzt sich ausschliesslich aus ausgewiesenen Fachspezialisten zusammen (aus Endokrinologie, Pharmakologie, Biochemie usw.). Aufgaben und Kompetenzen sind im Doping-Statut festgehalten. Die derzeitige Fassung wurde 1997 vom Sportparlament beschlossen und in den vergangenen zwei Jahren jeweils teilrevidiert.

Im Anschluss an die Doping-Vorfälle an der Tour de France 1998 wurde im Dezember 1998 ein Round-table-Gespräch mit Vertretern aller interessierten Kreise durchgeführt, mit dem Ziel, Schwachstellen zu orten und geeignete Massnahmen zu treffen. Im März 1999 wurden die vom Europarat angeregten Kontrollen ausserhalb der Wettkämpfe mit einer Voranmeldung von 36 Stunden durch unangemeldete «on-the-spot»- Kontrollen ersetzt. Die Wettkampfkontrollen gingen - was ebenso wichtig ist - ausschliesslich in die Kompetenz der FDB über.

Der Ablauf der Dopingkontrollen kann in folgende Aktivitätsfelder gegliedert werden:

- Festlegung der Kontrollen (Wettkämpfe, Athleten): Die Zielbestimmung der Kontrollen erfolgt teils durch das Los unter notarieller Aufsicht, teils durch die FDB. Zusätzlich sind Auflagen der internationalen Verbände zu erfüllen.

- Durchführung der Kontrollen: Die Urinproben werden durch ehrenamtliche Funktionäre erhoben, die zentral von der FDB kurzfristig eingesetzt werden. Ab dem ersten Quartal 2000 werden für die anspruchsvollen «on-the-spot»- und Wettkampfkontrollen professionelle Teams eingesetzt. Denkbar wäre auch, für diese Aufgabe eine private Firma beizuziehen.

- Analytik: Die erhobenen Urinproben werden anonym, lediglich begleitet von einem Protokoll mit den Ziffern der Flaschen versehen, direkt dem UAD in Lausanne zugestellt. Die Geschäftsstelle der FDB wird über Resultate der Analysen schriftlich orientiert

- Interpretation positiver Resultate: Es ist Sache der FDB, festzustellen, ob ein Resultat durch weitere Analysen oder Urinproben zu erhärten oder ob das Resultat als «eindeutig positiv» dem betreffenden Verband zu überweisen ist.

- Strafverfahren: Nach der geltenden Regelung obliegt die Strafgewalt den Behörden der Verbände. Verbände ohne eigene Strafbehörde können positive Fälle durch die unabhängige Strafbehörde für Dopingfälle des SOV beurteilen lassen. Zur Sicherstellung ordentlicher Verfahren und angemessener Strafen hat der SOV zu Beginn 1999 einen Delegierten für Dopingfälle eingesetzt. Dieser wurde als Vorstufe zur zentralen Strafbehörde für Dopingfälle eingesetzt. Die Schaffung einer solchen Behörde befindet sich zur Zeit in Vorbereitung bei der FDB.

Die Problemfelder sind zu orten in der Analytik, der Interpretation der Resultate und in den Strafverfahren. Im dritten Bereich soll (wie erwähnt) mit einer zentralen Strafbehörde, die künftig möglicherweise auf einen international harmonisierten Strafenkatalog abstellen kann, national Remedur geschaffen werden. Hinsichtlich Analytik und Interpretation positiver Resultate erwarten wir einen gewichtigen Beitrag seitens der Antidoping-Agentur des IOK. Kontrovers ist die Auseinandersetzung verschiedener Forschungsteams hinsichtlich des verlässlichen Nachweises von zugeführten Hormonen bzw. der Interpretation von Abweichungen vom sogenannten «Normspiegel». In diesen komplexen Bereichen ist die Koordination aller Forschungsbemühungen und der Erlass international anerkannter Normen unerlässlich. Nationale Alleingänge scheitern meistens an der Mittelknappheit.

Von Bedeutung ist im weiteren die Harmonisierung der Massnahmen unter den beteiligten Organisationen: IOK, internationale Fachverbände und nationale Instanzen. Die vorhandenen finanziellen und personellen Ressourcen müssen koordiniert eingesetzt werden. Die nationalen Doping-Organe haben deshalb den Beweis unanfechtbarer Verfahren zu erbringen. Damit sei darauf hingewiesen, dass die Schaffung nationaler Antidoping-Agenturen nach dem Vorbild des IOK wenig Sinn ergibt. Der wissenschaftliche Bereich ist eindeutig der internationalen Instanz zuzuweisen. Die Listen mit den verbotenen und erlaubten Substanzen des IOK mit entsprechenden Grenzwerten werden seit Jahren mit Erfolg von den nationalen Doping-Organen anerkannt und angewandt.

Die Fachkommission für Dopingbekämpfung des SOV wird sich Anfang Februar zu einer nächsten Auslegeordnung finden. Zu erwarten sind nach dieser kritischen Auseinandersetzung neue Impulse für das nationale Konzept der Dopingbekämpfung. Bleibt noch zu bemerken, dass das schweizerische Kontrollkonzept und die dabei angewandten Methoden und das eingesetzte Material international grosse Beachtung finden. Dies ist nicht zuletzt das Verdienst einer Kommission, die wohl vorwiegend ehrenamtlich arbeitet, aber aktuelles professionelles Können in sich vereinigt.

Marco Blatter, Direktor SOV



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