SV LImmat Schwimmverein Limmat Zürich


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Line element 27.10.2000 Doping-Opfer wollen 750.000 Mark. Die Auseinandersetzung mit dem staatlich verordneten Doping in der DDR ist trotz der abgeschlossenen juristischen Aufarbeitung noch lange nicht beendet. Zur Wiedergutmachung für Opfer besteht nach den Worten von Klaus Zölling vom Verein Doping-Opfer-Hilfe ein finanzieller Bedarf von rund 750.000 DM. Darüber berichtete er dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Nur etwa 40.000 DM stünden derzeit bereit. Das derzeitige Finanzvolumen setze sich zu einem Drittel aus Spenden, zu zwei Dritteln aus Bussgeldern eines deutschen Gerichts zusammen. Regierungsvertreter und Abgeordnete sagten zu, sich für eine finanzielle Stärkung des Doping-Opfer-Hilfe- Vereins einzusetzen. Die Suche nach Möglichkeiten, den Kampf gegen Doping mit weiteren Mitteln aus dem Bundeshaushalt zu unterstützen, hat im Sportausschuss zu einer kontroversen Diskussion und der Ablehnung eines CDU-Antrages geführt. Die Bundesregierung plant die Ausprägung einer Mark-Goldmünze mit einem Gewinn von 130 - 170 Millionen DM. Davon sollen 100 Millionen DM der Stiftung "Geld und Währung" zugeführt werden, der darüber hinausgehende Gewinn soll nach Meinung der Bundesregierung der Stiftung Preussischer Kulturbesitz zukommen. Die Sportpolitiker der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hatten deshalb im Ausschuss den Antrag eingebracht, 40 Prozent des über 100 Millionen DM hinausgehenden Gewinns als Stiftungskapital der Nationalen Anti-Doping-Agentur zuzuführen. Dies wären zwischen zwölf Millionen Mark und 28 Millionen Mark gewesen. Die Abgeordneten der Regierungskoalition lehnten diesen Antrag ab. "So gut dieses Anliegen ist, konnten wir dem Vorstoss der Opposition nicht zustimmen", erklärte die SPD-Abgeordnete Dagmar Freitag. "Der Gewinn soll der Sanierung der Berliner Museumsinsel dienen. Wir können das Geld nicht zwei Mal ausgeben." Dagegen wirft der sportpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Klaus Riegert, der Regierungskoalition vor, sich aus der Affäre zu ziehen. Klaus Zölling bezifferte während der Ausschuss-Sitzung die Gesamtzahl der DDR-Sportler, die zwischen 1965 und 1989 mit Dopingmittel in Berührung gekommen waren, auf zwischen 10.000 und 13.000 Athleten. Davon seien dem Doping-Opfer-Hilfe-Verein 158 Opfer bekannt. Ihnen biete der Verein eine einmalige symbolische Wiedergutmachung von zwischen 500 und 1.000 DM pro Person. In anderen Fällen übernehme man auch die Kosten für Gutachten oder für plastische Operationen, wenn sich nach Einnahme von Anabolika körperliche Veränderungen entwickelt hätten. Zölling hob hervor, der Verein sei in der glücklichen Lage, nicht auf eine juristische Beweisführung angewiesen zu sein. Insgesamt müsse man mit 500 bis 1.000 Betroffenen rechnen, für die der Verein Ansprechpartner sei. Line element 6.8.2000 Der deutsche Bundesgerichtshof wird sich mit dem Urteil gegen den einstigen DDR-Sportchef Manfred Ewald frühestens in einigen Monaten beschäftigen. Wie die Berliner Justiz erklärte, müsse zunächst das schriftliche Urteil verfasst und den Beteiligten Gelegenheit zur Revisionsbegründung gegeben werden. Sofern die Revision aufrecht erhalten bleibe, werde der Fall dann an den 5. Strafsenat des Bundesgerichts in Leipzig abgegeben. Wann die Bundesrichter über den Vorwurf der Beihilfe zur Körperverletzung durch Doping-Vergabe entscheiden, sei offen. Ewald war zu 22 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Sowohl Ewald als auch ein Nebenklage-Anwalt, der eine härtere Strafe gefordert hatte, legten dagegen Revision ein. Line element 18.7. Endlich: 22 Monate für Ewald und 18 für Höppner am Doping-Prozess in Berlin. Der Prozess um Manfred Ewald (re.) sorgte für viel Aufsehen Berlin - Der langjährige DDR-Sportchef Manfred Ewald ist am Dienstag wegen des systematischen Dopings in der DDR zu 22 Monaten Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der 74-Jährige sei der Beihilfe zur Körperverletzung schuldig, weil er die heimliche Verabreichung von männlichen Hormonen an minderjährige DDR-Athletinnen massgeblich mitorganisiert habe, urteilte das Berliner Landgericht. Der als zentrale Figur in der wissenschaftlichen Umsetzung des Staatsdopings mit angeklagte Sportarzt Manfred Höppner erhielt 18 Monate Haft auf Bewährung. Das Landgericht verhängte damit gegen beide die bislang höchsten Strafen wegen DDR-Dopings. "Ewald war die treibende Kraft hinter Höppner." "Die Angeklagten rechneten mit schädigenden Nebenwirkungen und nahmen sie in Kauf", sagte der Vorsitzende Richter Dirk Dickhaus in der Urteilsverkündung nach zweieinhalb Monaten Prozessdauer. Dickhaus zitierte eine Aussage Ewalds, wonach nur die erbrachten Leistungen im Sport zählten. "Ewald war die treibende Kraft hinter Höppner." Der Sportarzt wiederum habe die Konzeptionen für die Vergabe der blau gefärbten Hormon-Tabletten erstellt. Allein schon die Verabreichung der Pillen habe den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt, urteilte die 38. Grosse Strafkammer. Bis zuletzt blieb Manfred Ewald uneinsichtig. Auch die letzte Chance zur öffentlichen Entschuldigung für die von ihm verursachten Leiden liess er verstreichen. "Ich bin dankbar für die Worte meines Anwalts. Dem habe ich nichts hinzuzufügen", sagte der ehemalige Sportchef der DDR in seinem Schlusswort. Zuvor hatte sein Rechtsvertreter Peter Osterloh noch einmal erklärt, das systematische und umfassende Doping sei in der DDR keine Straftat gewesen, womit er aber die Verurteilung zu 22 Monaten Haft auf Bewährung nicht abwenden konnte. Doch obwohl Ewald keine Reue zeigte und nicht ins Gefängnis muss, der Prozess lastet schwer auf ihm. Als die Verhandlung am 2. Mai eröffnet wurde, da machte so mancher Beobachter noch den Anflug eines Siegerlächeln in seinem Gesicht aus. "Was ist denn hier los", fragte der uneinsichtige Greis. Doch mit jedem Prozesstag wirkte Ewald verstörter und verunsicherter. Das Gericht blieb unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die jeweils zwei Jahre auf Bewährung gefordert hatte. Die Nebenklage hatte sogar drei Jahre Haft ohne Bewährung für Ewald und zweieinhalb Jahre für Höppner verlangt. Strafmildernd müsse die lange Zeit seit dem Tatzeitraum 1974 bis 1989 angerechnet werden und das Geständnis von Höppner, erklärte das Gericht. Wir Opfer sind sicher nicht zufrieden. Die Schäden kann man mit keinem Urteil wettmachen", sagte die Ex-Leichtathletin Brigitte Michel. Ewald verliess das Kriminalgericht Moabit, ohne ein Wort zu sagen. "Ich denke, der Richter hat eine ordentliche Arbeit gemacht, sagte Höppner. "Ich kann mit dem Urteil leben." Und mit dem Hinweis auf seine Karriere im Sportbereich ergänzte er: "Man muss auch verlieren können." Nebenklage-Anwalt Michael Lehner sagte, das Urteil zeige die Schwäche der ganzen DDR-Doping-Prozesse. Die Freisprüche in zwei der 22 Fälle hätte das Gericht bei genauerer Beweiserhebung verhindern können. Er erwäge eine Revision. Auch die Verteidigung hat über Rechtsmittel noch nicht entschieden. Die Staatsanwaltschaft hingegen will keine Revision. Neben dem eigentlichen Urteilsspruch dürften für die Verurteilten die Prozesskosten die grösste Strafe sein. Das Landgericht verhängte ausdrücklich keine Geldbusse, damit Ewald und Höppner für die Kosten der Nebenklage aufkommen können. Diese werden durch die insgesamt 22 Verhandlungstage von Nebenklage-Anwalt Lehner auf mehr als 100.000 Mark geschätzt, so dass jeder Angeklagte mehrere 10.000 Mark zahlen muss. Die Staatsanwaltschaft hatte dagegen noch eine zusätzliche Geldbusse von jeweils 4500 Mark verlangt. Zu Lasten der Angeklagten bewertete das Gericht im Urteil die Vielzahl der Opfer und das grosse Leid. Darüber hatten im Prozess auch mehrere Nebenklägerinnen berichtet. Sie leiden zum Teil noch heute antiefen Stimmen oder Hormonproblemen. Einige erlitten Erkrankungen wie Krebs, deren Ursache aber nicht mit Sicherheit auf das Präparat Oral-Turinabol zurückzuführen ist. Dickhaus sagte, es sei hier nur um Körperverletzung gegangen. "Wer eine Aufarbeitung des DDR-Unrechts erwartet hat, musste enttäuscht werden. Das kann die Kammer nicht leisten." Mit dem Urteil ging der wichtigste Prozess um das Doping im DDR-Sport zu Ende. Derzeit stehen in Berlin noch rund ein Dutzend Strafverfahren im Zusammenhang mit DDR-Doping an, erklärte Berlins Justizsprecherin Michaela Blume. Diese müssen bis zum 2. Oktober abgearbeitet sein, weil die Taten sonst verjähren. Die Berliner Justiz hatte seit 1991 wegen des Dopings ermittelt. Seit 1998 wurden mehrere Prozesse geführt und mehrere Dutzend Strafbefehle verhängt.Die zuvor höchste Strafe hatte der frühere DDR-Schwimmverbandsarzt Lothar Kipke mit 15 Monaten auf Bewährung.

Trotzdem:Niemand wegen Dopings im Gefängnis. Auch nach der Urteilsfällung im Prozess gegen den ehemaligen DDR-Sportchef Manfred Ewald bleibt ein Gesetz in Kraft - wegen der Beteiligung am flächendeckenden Doping musste noch niemand ins Gefängnis. Das höchste je gefällte Strafmass in der Geschichte der Dopingurteile erging am Dienstag vor dem Berliner Landgericht. Der ehemalige Initiator wurde zu 22 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, der Chef-Sportmediziner der DDR, Manfred Höppner, zu 18 Monaten auf Bewährung.

Chefarzt der Schwimmer erhielt 15 Monate auf Bewährung. 12. Januar diesen Jahres war der früheren Chefarzt des DDR-Schwimmsportverbandes, Lothar Kipke, zu 15 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Sein Nachfolger Horst Tausch wurde mit einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe belegt. Je ein Jahr Haft auf Bewährung erhielten Egon Müller, der ehemalige Generalsekretär des DDR-Schwimmsportverbandes, Ex-Chefverbandstrainer Wolfgang Richter, Jürgen Tanneberger, früher Frauentrainer der DDR-Schwimmauswahl und Horst Röder, der einstige Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR (DTSB). Günter Erbach, Ex-Vorsitzender des Staatssekretariates für Körperkultur und Sport beim DDR-Ministerrat, und Rudi Hellmann, damaliger Abteilungsleiter Sport im SED-ZK wurden ebenfalls zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Jeweils sieben Monate Gefängnis auf Bewährung gab es für Hans-Günther Rabe, den ehemaligen Abteilungsleister Trainingsmethodik im DTSB-Bundesvorstand, und Dietbert Freiberg vom Sportmedizinischen Dienst der DDR (SMD). Die einstige SMD-Ärztin Elke Schramm wurde zu einem halben Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Der ehemalige Dynamo-Trainer Volker Frischke entging nur knapp einer maximal drei Monate langen Beugehaft. Nach der Einstellung seines eigenen Verfahrens gegen die Zahlung von 5000 Mark musste Frischke als Zeuge im Dynamo-Prozess aussagen, verweigerte aber zunächst die Aussage. Die bisher höchste Geldstrafe erhielt mit 45.000 Mark Dietrich Hannemann, früher Direktor des SMD und damit Vorgesetzter von Manfred Höppner. 27.000 Mark musste Ulrich Sünder bezahlen, einst stellvertretender Leiter der Sportärztlichen Hauptberatungsstelle Berlin. Der frühere DTSB-Vizepräsident und Rodel-Olympiasieger Thomas Köhler wurde zu einer einer Geldstrafe von 26.400 Mark verurteilt. Line element 17.7. 2000 Beteiligte kommen ungestraft davon: Das Urteil für mehr als 450 Beteiligte am DDR-Dopingsystem ist bereits gesprochen. Während das Urteil gegen die beiden Drahtzieher des DDR-Dopingsystems, Manfred Ewald und Manfred Höppner, noch aussteht, kommen die Handlanger in den ehemaligen Sportklubs und Leistungszentren zumeist ungestraft davon. "Die meisten Verfahren gegen Ärzte und Trainer sind eingestellt worden. Sie waren nur das letzte Glied in einer Kette. Die Abstufung ist angemessen angesichts dessen, was als Strafmass für die höchsten Funktionäre rauskommen wird", sagt Oberstaatsanwalt Wolfram Klein von der Schwerpunktabteilung zur Verfolgung von SED-Unrecht in Magedeburg. Insgesamt sind in Sachen Doping in den neuen Bundesländern nur drei Fälle (in Brandenburg) bis zur Hauptverhandlung geführt worden. Ansonsten wurden als Höchststrafe ein Dutzend Strafbefehle zugestellt. In Mecklenburg-Vorpommern geschah dies in einem Fall bei mehr als 40 Ermittlungsverfahren. In Dresden gab es zwei Strafbefehle bei mehr als 100 Ermittlungen. In Sachsen-Anhalt ist kein Strafbefehl ergangen, obwohl die Staatsanwaltschaft auch dort gegen mehr als 110 Personen wegen Körperverletzung durch die Weitergabe von Dopingmitteln ermittelt hat. "Die betroffenen Sportler hatten zumeist keinerlei Interesse an der strafrechtlichen Verfolgung. Oder sie sagten aus, dass sie gewusst haben, was damals passiert ist", erklärt Klein das milde Geamtbild zwischen Chemnitz und Rostock: "Wo es sich um Doping gegen Minderjährige handelte oder Sachverhalte verheimlicht werden sollten, haben wir von uns aus nachgehakt. Doch wir sind immer wieder auf eine grosse Schwierigkeit gestossen, die auch im Berliner Prozess auffällt: Es ist äusserst schwer, den kausalen Zusammenhang zwischen der Vergabe von Dopingmitteln und gesundheitlichen Schäden nachzuweisen."Damit erkläre sich, dass weit über 90 Prozent der Ermittlungsverfahren wegen nicht erwiesener oder geringer Schuld oder gegen Zahlung einer Geldbusse eingestellt wurden. Klein ist sicher, dass die noch laufenden Verfahren an dieser Quote kaum etwas ändern werden. In Berlin sind noch etwa 15 Fälle offen. In Sachsen-Anhalt laufen noch vier Verfahren gegen insgesamt mehr als 40 Beschuldigte, in Mecklenburg-Vorpommern sind bei der Staatsanwaltschaft Schwerin Verfahren gegen insgesamt 65 Beschuldigte anhängig. Die Staatsanwaltschaft Leipzig ermittelt nach Auskunft der Pressestelle noch in "einigen Fällen", die Staatsanwaltschaft im thüringischen Erfurt gegen drei Personen. "Vergleichbar spektakuläre Verfahren wie gegen Ewald und Höppner sind allerdings nicht mehr zu erwarten", sagt Berlins Justizpressesprecher Martin Steltner. Line element 15.7. Immer noch kein Doping-Urteil: Langsam droht der Doping-Prozess gegen den DDR-Sportchef Manfred Ewald und den ehemaligen DDR-Sportarzt Manfred Höppner zur Farce zu werden. Wieder verging gestern ein Prozess-Tag, ohne dass das langerwartete Urteil gesprochen wurde. Geklärt werden sollte die vorher nicht beachtete Frage, ob die beiden Nebenklägerinnen Birgit Böse und Carola Beraktschjan überhaupt zu einer der drei Kaderklassen gehörten, die in die Doping-Konzeption der DDR eingebunden waren. Wäre das nicht der Fall, hätten sie kein Recht, als Nebenklägerin aufzutreten. Die beiden Trainerinnen bestätigten, dass die Sportlerinnen nicht in der Kader-Klasse trainierten - eine per eidesstattliche Versicherung, die andere als Zeugin. Doch statt nun die extra zur Klärung dieser Frage wiederaufgenomme Beweisaufnahme abschliessen zu können, musste der vorsitzende Richter Dirk Dickhaus neue Anträge der Nebenklage annehmen. Dabei sollen weitere Zeugen befragt werden. Überwiegend ehemalige Verbands- und Sektionsärzte. "Ich befürchte, dass ohne diese Aussagen für das Gericht die Lücken zwischen Trainern und Ärzten vor Ort und den Hauptverantwortlichen im Doping nicht geschlossen und die körperverletzende Vergabekette nicht belegt werden kann", begründete Anwalt Michael Lehner seine Anträge. Line element 7.7.2000 Der Berliner Doping-Prozess geht zu Ende: Der angeklagte DDR-Sportchef Manfred Ewald hat erstmals Stellung genommen
Mit Spannung wird heute das Urteil im wichtigsten Prozess um das systematische Doping im DDR-Leistungssport erwartet. Der Staatsanwalt forderte zwei Jahre auf Bewährung und 4500 Mark Geldstrafe für den DDR-Sportchef Manfred Ewald und den ehemaligen führenden Sportarzt Manfred Höppner. Am Dienstag hatte sich Ewald zum ersten Mal zum Vorwurf der Beihilfe zur Körperverletzung geäussert. "Die Vorwürfe entsprechen nicht den Tatsachen, meine Entscheidungen betrafen nicht das hier Behandelte", erklärte der 74jährige vor dem Berliner Landgericht. Er sei ein von "tausend Sportfreunden" gewählter Präsident gewesen. Ansonsten schliesse er sich den Ausführungen seines Verteidigers an. Dieser, ein früherer Vernehmungsoffizier der Staatssicherheit, führte in seinem Plädoyer aus, dass die Hauptvorwürfe nicht bewiesen worden seien. Und selbst wenn, seien sie nicht strafbar, weil laut DDR-Recht Doping nicht strafbar gewesen sei. Dass nicht wegen Dopings, sondern wegen Körperverletzung durch die Gabe von Dopingmitteln an Minderjährige verhandelt wurde, erwähnte er nicht. Dafür warf er der Justiz vor, es gehe "um eine Verteufelung der DDR". Anders reagierte Höppners Anwalt Peter Mildebrath. Sein Mandant übernehme die Verantwortung, dass DDR-Sportlerinnen "unterstützende Mittel" verabreicht worden waren. Wenn dabei Fehler unterlaufen seien, habe der Facharzt dafür einzustehen. Strafmildernd führte der Verteidiger an, dass der zeitliche Abstand zwischen Tat und Prozess sehr lang sei, dass Höppner versucht habe, für eine vernünftige Dosierung der Anabolika einzutreten und dass er sein Unvermögen, Unheil von den Sportlerinnen abzuwenden, bedauert habe. Falls das Gericht seinen Mandanten dennoch für schuldig erkläre, so "stelle ich die Strafe in das Ermessen des Gerichts", schloss Mildebrath. Line element 27.6.2000 Gutachter belasten Angeklagte am Berliner Doping-Prozess schwer: Die Vergabe des Hormonpräparats Oral-Turinabol an minderjährige Schwimmerinnen war "kontraindiziert". Die Applikation von Testosteronderivaten hätte nicht an gesunde Mädchen verabreicht werden dürfen, erklärte der vom Berliner Landgericht bestellte Gutachter, der Düsseldorfer Rechtsmediziner Hellmut Mahler, letzte Woche auf dem Doping-Prozess in Berlin gegen DDR-Sportchef Manfred Ewald und den Sportarzt Manfred Höppner. Das in den blauen Pillen mit jeweils fünf Milligramm Wirkstoff und in mehrwöchigen Zyklen mit einer Dosierung von bis zu fünf Pillen pro Tag vergebene Mittel sei geeignet, die von den Zeuginnen geschilderten Schädigungen hervorzurufen. Mahler listete 13 mögliche Schädigungen auf - unter anderem Vermännlichung, Veränderungen der Leber und der Blutfettwerte, verkleinerte Gebärmutter, Schilddrüsenprobleme, Fruchtbarkeitsstörungen. Allerdings hatte der Gutachter, da anders als vor zwei Jahren die Zeuginnen nicht medizinisch untersucht wurden, nur Fachliteratur ausgewertet. Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Vergabe und späteren Schäden konnte er nicht belegen. Etwa im Fall der Speerwerferin Yvonne Gebhardt, deren Brusttumor Testosteronrezeptoren enthält. Oder im Fall der Schwimmerin Martina Gottschalt, deren Sohn mit einem Klumpfuss zur Welt kam, was Mahler auf einen möglicherweise durch Doping erzeugten Fruchtwassermangel zurückführt. "Möglich reicht nicht als Beweis", sagte Richter Dirk Dickhaus. Unklar blieb auch, inwieweit die Angeklagten über in der Fachwelt bekannte Schädigungen informiert gewesen sein können. Staatsanwalt und Verteidigung lehnten das Gutachten ab. Während der Angeklagte Höppner andeutete, er werde jedes Strafmass akzeptieren, verhärten sich die Fronten zwischen Gericht und Nebenklage, die immer weitere Zeugen hören will, obwohl der Verjährungstermin 2. Oktober näher rückt. Genervt drohte Richter Dickhaus, nur noch einmal statt dreimal pro Woche zu verhandeln Line element 21.5.2000 Nur 22 Fälle im DDR-Prozess. Der Prozess gegen den langjährigen DDR-Sportchef Manfred Ewald und den Sportmediziner Manfred Höppner wird drastisch verkürzt. Die beiden Hauptverantwortlichen im flächendeckenden Dopingsystem des DDR-Sports waren ursprünglich der vorsätzlichen Beihilfe zur Körperverletzung in 142 Fällen angeklagt. Das Berliner Landgericht beschloss nun, die Anklage auf 22 Nebenklägerinnen zu reduzieren. 100 Tage vor der absoluten Verjährung ist eine Vernehmung der übrigen 120 Doping-Opfer nicht mehr möglich. Line element 14.6. Berliner Doping Prozess: Die Nebenklage verärgerte den Richter. Am elften Verhandlungstag blieben drei der vier geladenen Doping-Opfer dem Gerchitssaal fern. Manfred Ewald und Manfred Höppner könnten bald von der Verjährung der Tat profitieren. Danach machte die Rechtsvertretung eine schwache Figur und musste zum wiederholten Mal einen Antrag zurückziehen. Richter Dirk Dickhaus sah sich genötigt, die Nebenklage auf juristische Formalien hinzuweisen und ihr schliesslich indirekt vorzuwerfen, eine Verurteilung gänzlich zu gefährden. Dabei hätte es der grosse Tag der Nebenklage vor dem Landgericht sein sollen: Bei Yvonne Gebhart wurde 1997 Brustkrebs diagnostiziert, der mit einer Operation und Chemotherapie behandelt werden musste. Professor Werner Franke und Rechtsanwalt Michael Lehner äusserten sich seit Wochen zuversichtlich, den Tumor auf die unwissentliche Einnahme von Oral-Turinabol zurückführen zu können. Damit wollte man schwere statt nur einfache Körperverletzung beim flächendeckenden Doping im DDR-Sport beweisen sowie den Aufschub der Verjährungsfrist erlangen. Doch weder Gebhart noch Lehner erschienen am Dienstag vor Gericht. Die Geschädigte fehlte unentschuldigt. Ihr Rechtsvertreter, Referendar Jens Steinigen für Lehner, hatte sie nicht erreicht und wusste nicht, wieso sie fehlte. "Ohne mich befangen zu machen: Ich kann das nicht verstehen", kommentierte Dickhaus das Fernbleiben. "Wir kommen in ernste Schwierigkeiten, den Prozess in der Zeit zu Ende zu bringen. Und damit meine ich in erster Linie die Verjährung", wies der Vorsitzende erneut auf den 3. Oktober hin. Statt einer Befragung der ehemaligen Speerwerferin vor Gericht las der Richter aus den Vernehmungsakten von 1997 vor. Die von der Nebenklage erhoffte Wirkung verpuffte. Lediglich Birgit Uibel sagte vor Gericht aus. Die Befragung der 3 8-Jährigen ergab Ähnliches wie das bisher Gehörte: Anabolika-Verabreichung im Jugendalter, die Unwissenheit über den wahren Inhalt der Präparate und die Nebenwirkungen sowie die auferlegte Schweigepflicht. Die ehemalige Hürdenläuferin litt damals unter Beschwerden und brachte ein nach Ende ihrer Laufbahn ein behindertes Kind zur Welt, was sie jedoch nicht zweifelsfrei auf Oral-Turinabol zurückführen konnte. Simone Bock und Annett Heim fehlten am Dienstag wie Gebhart. Bocks Aussagen wurden ebenso verlesen. Auf einen Antrag der Nebenklage weiteres Beweismaterial einzuführen, um die Schuld der Angeklagten und die schwere Körperverletzung nachzuweisen, reagierte Richter Dickhaus geradezu erbost: Je näher die Verjährung am Horizont auftauche, desto mehr Anträge werde die Verteidigung einbringen, um die Zeit verstreichen zu lassen, mahnte er an. Kleinlaut musste die Nebenklage nach einer vom Richter ausgedrückten Bedenkpause den Antrag zusammenkürzen und schliesslich aus prozessrechtlicher Unsicherheit ganz zurückziehen. Kammer und Staatsanwaltschaft wollen die Anklage nicht auf schwere Körperverletzung ausweiten, um den Prozess revisonssicher zu machen und rechtzeitig zu Ende zu führen. Mit dem Beharren auf schwerer Körperverletzung, wenn auch berechtigt, pokert die Nebenklage wegen des Zeitmangels hoch und gefährdet eine Verurteilung gänzlich. Am 16. Juni wird die Verhandlung mit vier Zeugenvernehmungen fortgesetzt. Line element 9.6.2000 Der frühere DDR-Sportchef Manfred Ewald ist laut eines gerichtlich bestellten Gutachters verhandlungsfähig. Die Verteidigung des 74-Jährigen forderte daraufhin am Freitag vor dem Berliner Landgericht, das Spitzenverfahren um das systematische Doping im DDR-Sport niederzuschlagen. Doping sei in der DDR nicht strafbar gewesen, sagte Rechtsanwalt Frank Osterloh in seinem 65 Minuten langen Antrag. Das Gericht entschied darüber zunächst nicht, die Nebenklage warf Ewald wegen des umfangreichen Antrags eine Verzögerungstaktik vor. "Jetzt wird auf Zeit gespielt", sagte Doping-Opfer Brigitte Michel nach der Verhandlung. Nachdem es Ewald nicht gelungen sei, auf Grund seiner Gesundheit aus dem Verfahren auszuscheiden, wolle er jetzt das Verfahren bis zum Eintritt der Verjährung am 2. Oktober verzögern, meinte die frühere Diskuswerferin. Die Ewald zur Last gelegten Taten würden am 2. Oktober verjähren, wenn bis dahin kein erstinstanzliches Urteil gefallen ist. Auch Nebenklägerin Birgit Boese sagte: "Ich komme mir doch sehr stark veralbert vor." Ewald-Verteidiger Osterloh kritisierte in seinem umfangreichen Antrag die komplette Aufarbeitung des staatlichen DDR-Unrechts durch die Justiz. "Doping war zur Ereigniszeit keine Straftat", sagte er. Auch sei pflichtgemässes Handeln nach DDR-Recht nicht strafbar. Osterloh kritisierte die Verletzung völkerrechtlicher Verträge durch die Bundesrepublik und erklärte, auch wegen des speziellen DDR- Arzneimittelgesetzes liege keine strafbare Körperverletzung vor. Zuvor hatte der Vorsitzende Richter Dirk Dickhaus berichtet, dass Ewald nach seinem Fernbleiben vom Prozess in der vergangenen Woche erneut ärztlich untersucht worden sei. Daraus sei keine weitere Einschränkung der Verhandlungsfähigkeit - bislang mindestens zwei Stunden pro Prozesstag - abzuleiten. Osterloh sagte dazu, dies stehe nicht im Widerspruch zu dem ärztlichen Attest einer Hausärztin, mit der Ewald in der Vorwoche sein Fernbleiben entschuldigt hatte: "Er war krank und ist jetzt wieder gesund", sagte der Anwalt. Das Gericht verlas am neunten Verhandlungstag weitere Akten aus den Archiven der DDR-Staatssicherheit. Danach soll die DDR beim Doping auch mit der damaligen UdSSR kooperiert haben. Ewald soll den Akten zu Folge im Zusammenhang mit "unterstützenden Mitteln" erklärt haben, im Sport sei alles erlaubt, entscheidend sei nur die erbrachte Leistung. Alle Möglichkeiten müssten ausgeschöpft werden und auch die Sportmedizin müsse ihren Anteil leisten. Ewald muss sich gemeinsam mit dem Sportmediziner Manfred Höppner wegen Beihilfe zur Körperverletzung verantworten. Konkret geht es um 142 Fälle aus den 70er und 80er Jahren. Laut Staatsanwaltschaft waren die Angeklagten die zentralen Figuren für die Steuerung des Dopings selbst Minderjähriger im DDR-Sport. Das Gericht legte vier weitere Verhandlungstage bis zum 23. Juni fest. Am kommenden Dienstag sollen weitere DDR-Sportlerinnen aussagen. Line element 31.5.2000 Weitere Runde im Berliner Dopingprozess. Der psychische Erfolgsdruck im DDR-Sport war immens und die Fürsorge minimal: "Auf der Rückfahrt bin ich völlig zur Sau gemacht worden", berichtete Andreas Krieger am Dienstag im Berliner Dopingprozess. Bei der Hallen-EM 1987 hatte er, damals noch als Heidi Krieger, den vierten Platz im Kugelstossen belegt und damit nicht den Erfolg des EM-Titels 1986 bestätigen können. "Ich musste mich verantworten, als ob ich einen Ausreiseantrag gestellt hätte", erklärte der 34-Jährige vor dem Landgericht. Krieger und zwei weitere Doping-Opfer sagten am achten Tag des Verfahrens gegen Manfred Ewald und Manfred Höppner aus, die wegen Beihilfe zur Körperverletzung in 142 Fällen angeklagt sind. Beide hüllten sich erneut in Schweigen, trotz teilweise erschütternder Schilderungen. Seelische und körperliche Schäden Andreas Krieger sprach von seelischen und körperlichen Schäden. Er erzählte, wie er sich als grosse und extrem muskulöse Frau entfremdet gefühlt hatte und auf der Strasse als "Schwuchtel, Tunte, schwule Sau" beschimpft wurde. Die hormonellen Probleme verspürte Heidi Krieger schon vor der Verabreichung der Anabolika. Dennoch fühlt er sich heute missbraucht: Die Ärzte und Trainer "hätten die Alarmzeichen erkennen müssen". Stattdessen gab man Heidi männliche Hormone und trieb mit extremem Krafttraining die Entfremdung vom eigenen Körper ohne Rücksicht auf die Folgen voran. 1995 erkannte Krieger sich selbst als psychologische Transsexuelle, 1997 unterzog er sich einer Geschlechtsumwandlung. Gottschalt: "Durfte nicht einmal abtrainieren" Von seelischen Verletzungen berichtete auch Martina Gottschalt nach ihrem Karriere-Ende als Schwimmerin: "Ich wurde weggeschmissen wie ein Stück Müll. Ich durfte nicht einmal abtrainieren", sagt die 34-Jährige noch heute völlig verständnislos. Es hiess, es ist keine Bahn frei." Kurz darauf erlitt sie einen Gallenverschluss, den sie auf das abrupte Sport-Ende zurückführt. Dann berichtete sie von ihrem Kind, das mit einem Klumpfuss zur Welt kam. Drei weitere Doping-Opfer kenne sie, die Nachwuchs mit dieser Behinderung geboren hätten. Bereits mit zwölf Jahren hatte Gottschalt männliche Hormone erhalten und grosse Leistungssprünge gemacht. Wie ihre Trainingskolleginnen erhielt sie die verschiedenen Tabletten am Beckenrand: "Vitamine", wie ihr versichert wurde, die zehn Tage vor dem Wettkampf abgesetzt wurden. Geipel: "Laufen und Studium oder gar nichts" Und wie den anderen Schwimmerinnen wurde auch ihr Stillschweigen gegenüber den Eltern abverlangt. Was passierte, wenn man sich dem System verweigerte, verdeutlichte die ehemalige Leichtathletin Ines Geipel: "Laufen und Studium oder gar nichts, sagte mir mein Trainer in Jena." Erneut war von Fehlgeburten, Rückenproblemen, Schäden an Herz, Nieren und Leber die Rede. Das Gericht muss nun klären, welche Schäden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit durch Dopingvergabe hervorgerufen wurden, und worin die Verantwortung vom ehemaligen DDR-Sportchef Ewald und dem Mediziner Höppner liegt. Beide Angeklagten machten am Dienstag keine Aussagen und stellten auch keine Fragen an die Zeugen. Nächste Verhandlungstag mit weiterer Zeugenbefragung ist der 2. Juni. Line element 24.5.2000 Berliner Dopingprozess: Verfahren gegen Ewald/Höppner im Mai 2000: Berliner Dopingprozess vor neuer Ausgangslage?

DDR-Sportchef Manfred Ewald als Nazi entlarvt


Von Giselher Spitzer*

Am Dienstag ist vor dem Berliner Landgericht der Prozess gegen die beiden Hauptverantwortlichen im DDR-Doping, Manfred Ewald und Manfred Höppner, mit den Aussagen von vier «Dopingopfern» fortgesetzt worden. Die beiden ehemaligen Spitzenfunktionäre sind der vorsätzlichen Beihilfe zur Körperverletzung an 142 Minderjährigen angeklagt. Im vorliegenden Artikel rückt der Autor den 74-jährigen Ewald auf Grund von bisher unerforschten Stasi-Akten in ein neues Licht. Der grosse Öffentlichkeit erfahrende, aber bisher ohne spektakuläre Erkenntnisse abgelaufene Prozess wird am 26. Mai fortgeführt.


Manfred Ewald konnte am 17. Mai seinen 74. Geburtstag feiern. Bis zur politischen Selbstbefreiung der DDR war er Präsident des Deutschen Turn- und Sportbunds (DTSB) und gewähltes Mitglied des SED-Zentralkomitees. Damit gehörte er zu den 400 mächtigsten Personen im Land. Ihm ist denn auch die Hauptverantwortung für den DDR-Sport und dessen Medaillenerfolge zuzuschreiben. Der Sportlehrer gilt allerdings seit langem als Dreh- und Angelpunkt im staatlich organisierten Zwangs-Doping an vielleicht zehntausend Menschen. Er war demnach auch im Dopingwesen Entscheider und Stratege zugleich. Überraschend war: Der gleiche Mann sollte im laufenden Strafverfahren eine im Vorfeld ausgehandelte Bewährungsstrafe erhalten, ebenso wie der bis 1990 «ärztlich» für den Pharmabetrug verantwortliche Manfred Höppner. Nachdem der Deutschlandfunk dies im April enthüllt hatte, gab es in der juristischen Aufarbeitung von DDR-Unrecht plötzlich Bewegung, weil die Öffentlichkeit den Eindruck erhielt, dass die Grossen laufengelassen werden. Im Ergebnis dieser Protestwelle wird nun doch gegen die «doppelten Manfreds» verhandelt.

Vom Nazi zum Kommunisten

In der Zwischenzeit sind grosse Teile der Stasi- Unterlagen über Manfred Ewald aufgefunden worden. Der Spitzenfunktionär wurde lange Jahre in der Stasi-Kartei «Sonderabteilung Leiter» mit drei Bänden unter dem Aspekt «NS-Belastete» geführt. Er war demnach an Hitlers Geburtstag, am 20. April 1944, in die NSDAP eingetreten. Als NSDAP-Mitglied wechselte er noch 1945 zur KPD und 1946 zur SED. 1952 übernahm er die Leitung des damals neu geschaffenen Amtes eines Staatssekretärs im «Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport». Im Alter von erst 26 Jahren war der Günstling Walter Ulbrichts und der Familie Erich und Margot Honecker damit ein Mitglied der DDR-Regierung. Ewald blieb für die nächsten 36 Jahre faktisch oberster Sportchef.

Die Nazi-Verstrickung hatte bisher geheim gehaltene Folgen. 1952 warf der SED-Apparat Ewald in einem Schreiben an die Parteiführung politisches Fehlverhalten vor, zugleich aber auch NS-Belastung. Er sei Schüler einer «Napola» gewesen. Solche «Nationalpolitische Erziehungsanstalten» waren Eliteschulen der Nazis für ihren «rassisch» und ideologisch «einwandfreien» «Führernachwuchs» gewesen. Nach 1945 habe er die Unwahrheit gesagt und angegeben, seine NS- Tätigkeit sei im Auftrag des kommunistischen Widerstands erfolgt. SED und Staatssicherheit versagten ihm offensichtlich deshalb die äusserst karrierefördernde Anerkennung als «Verfolgter» des Nazi-Regimes. Die geheime SED-Kontrolle sah nicht nur Schatten aus der Vergangenheit, sondern auch eine Bedrohung des zukünftigen kommunistischen Systems: Ewald wurde ein nicht der Norm entsprechender Führungs- und Lebensstil zugeschrieben. Als besonders negativ werteten die Kontrolleure die antikommunistische Personalpolitik Ewalds: Funktionäre aus dem Widerstand gegen die Nazis habe er nach 1945 benachteiligt. Hingegen habe er ausgerechnet seine Freunde «aus dem Kreis ehemaliger HJ-Führer» gefördert.

Die SED-Opposition konnte die Karriere Ewalds letztlich aber nicht gefährden, da auf Ewald inzwischen nicht mehr zu verzichten war und er freundschaftliche Beziehungen zu den Spitzen der SED pflegte. Mit Ernennung zum DTSB-Präsidenten 1961 weitete sich dessen Macht nur noch mehr aus. Sie blieb gross bis zu Ewalds dramatischer Entmachtung 1988 durch einen Anschlag der Stasi. Auf dem Rückflug von den Olympischen Winterspielen in Calgary isolierte man Ewald von seinen Freunden, nutzte seinen Hang zum Alkohol aus, um ihn betrunken zu machen und liess ihn dann genügend lange in der Öffentlichkeit hilflos liegen (Aufgabe der Stasi wäre eigentlich der Schutz wichtiger Politiker vor solchen Vorfällen gewesen). Durch diesen Trick trat die Automatik eines SED-Politbüroprotokolls in Kraft, das für solche Fälle die Ablösung vorsah. Hiermit wurde Ewald selbst ein Opfer der Machtpolitik: Stasi-Chef Erich Mielke war schliesslich sein grösster Konkurrent, der den «Dynamo»- Sportlern mit buchstäblich allen Mitteln den Vorrang sichern wollte. Der Sturz war aber erst möglich, nachdem Ewalds Schutzpatron Honecker seine dominierende Position verloren hatte und dessen Ehefrau in Opposition zum Leistungssport gegangen war.

Äusserste Härte im Umgang mit Sportlern

So viel zu den biographischen Daten. Sie sagen etwas über die fast ein halbes Jahrhundert andauernde Überlebensfähigkeit eines Hardliners aus, dem es gelang, in zwei deutschen Diktaturen immer obenauf zu schwimmen. In diesem ständigen Machtkampf sind aber bisher trotz intensiver Recherche keine Fälle bekannt geworden, in denen Ewald Sportler vor der Einnahme von Dopingsubstanzen hätte schützen wollen. Wo er namentlich an Entscheidungen über gedopte Aktive beteiligt war, ging es um die häufigen Abweichungen von der Norm des Zwangs-Dopings.

So wurde der Speerwerfer H. 1986 für eine Saison international gesperrt, aber nicht etwa weil er Anabolika genommen hätte. H. hatte rund das Doppelte an «unterstützenden Mitteln» (Doping im DDR-Sprachgebrauch; Anm. der Red.) von dem eingenommen, was der DDR-Leichtathletik- Verband als pflichtmässig einzunehmende optimale Dosis vorgeschrieben hatte. Damit wurde er zum Sicherheitsrisiko. Im sorgsam ausgeklügelten System der Vorbereitung auf den Wettkampf im Ausland wäre sein Zusatz-Doping wohl entdeckt worden, was wiederum den DDR-Sport in Misskredit gebracht hätte. Dieser Fall, der im Protokoll von Ewalds geheimer «Leistungssport-Kommission der DDR» (LSK) zur Steuerung des Sports durch die kommunistische Herrschaftspartei zu finden ist, mag für alle stehen, die in Ewalds eigenen Aktenordnern zu finden sind. Allerdings wurden auch in persönlicher Anwesenheit Ewalds Dopingprobleme angesprochen und das Verhalten des Sportsystems abgestimmt: So fordert die LSK-Tagesordnung 1983 die Erhöhung der «Belastungsverträglichkeit» der Eisläuferin B. Anhand von Originalakten von 1984 kann sogar Ewalds Kenntnis vom «genehmigten» Einsatz von zweifellos körperverletzenden Depot- Anabolika-Spritzen bei den Eisläufern D. und N. nachgezeichnet werden: er untersagte demnach lediglich den «ungenehmigten» Einsatz, wandte sich aber nicht per se gegen Doping im besagten Sportverband. Stasi-Chef Mielke notierte auf dem offiziellen Dokument handschriftlich, mit Ewald Rücksprache genommen zu haben.

Ewald war auch jenseits der Dopingfragen hart gegen andere, wie das Schicksal eines «Medaillenkandidaten» belegt: K. schaffte «nur» einen vierten Platz, was als Niederlage gewertet wurde. Als dieser nicht devot genug reagierte, wurde der Wassersportler umgehend aus seinem Sport verstossen und in seinem Sportverein als Heizer angestellt. Er schaufelte von nun an Kohlen und diente damit als abschreckendes Beispiel für «Versagen» bei einem «sportpolitischen Höhepunkt». Bis 1989 wurden K. alle beruflichen Chancen verweigert.

Kein Weg aus der Doping-Verantwortung

Zeitzeugen berichten, dass Ewald nach seinem Höhepunkt, den Olympischen Sommerspielen 1976, abtreten wollte, um später Gleiches zu schaffen wie Erich Honecker und Egon Krenz: über das Sprungbrett der mächtigen Staatsjugend FDJ in höchste Partei- oder Staatsämter zu gelangen. Dies gelang ihm aber nicht, wurde er doch noch benötigt, um die Medaillen-Produktion auf Touren zu halten. Ähnliches sollte später auch dem medizinischen Leiter Höppner widerfahren. Der Höhepunkt von 1976 trug aber den Niedergang in sich, weil eine Steigerung des Anabolika- Einsatzes die Sportler zwar noch ein wenig besser, aber auch kränker machte. Die schriftlichen und mündlichen Aussagen, die sein Doping-Zuarbeiter Höppner hinterlassen hat, belegen, dass Ewald ein intimer Dopingkenner war. Auch die Befehlskette reichte, anders als im Fall des DDR- Verteidigungsrats, direkt vom Sportchef zum Sportler: Ewald kannte auf Grund der Quellenlage die Namen der gedopten Spitzenkräfte, wahrscheinlich auch viele der Geschädigten.

Diesbezüglich wird das Gericht in den nächsten Wochen Klarheit schaffen müssen. Nur über die Nebenklage können Beweise einfliessen, die weiter gehen als die noch vor Beginn des SC- Dynamo-«Pilotprozesses» fertiggestellte Klageschrift. (Der Verfasser hat bereits im April darauf hingewiesen, dass die Staatsanwaltschaft bekannte, gewichtige Unterlagen nicht genutzt hat; Anm. der Red.) DDR-Spitzensportler, darunter Olympiasieger, mussten wegen Leberschäden behandelt werden, die teilweise ausdrücklich auf die Vergabe von Oralturinabol zurückzuführen waren. Da die Vergabe nachweislich fortgesetzt wurde, liegt im Fall der Beteiligten die mittelbare Täterschaft mit Vorsatz vor. Damit erhöht sich das Strafmass, zugleich verbietet sich eine Aussetzung zur Bewährung, sagt der Berliner Rechtsanwalt Johannes Weberling, der u. a. einen Kommentar zum Stasi-Unterlagen-Gesetz geschrieben hat. Es wäre wohl der Problematik nicht angemessen, würde das Gericht sich darauf beschränken, lediglich die Nebenklägerinnen auf ihre Schäden hin zu befragen. Hier müssten die seinerzeit weisungsabhängigen Vizepräsidenten befragt werden sowie die erwähnten schriftlichen Akten zu Vorsatz und mittelbarer Täterschaft herbeigezogen werden.

* Dr. Giselher Spitzer ist Historiker und forscht an der Universität Potsdam u. a. über die Dopingpraktiken in der DDR.

Literatur: Giselher Spitzer: Doping in der DDR. Ein historischer Überblick zu einer konspirativen Praxis. Genese - Verantwortung - Gefahren. Wissenschaftliche Berichte und Materialien des Bundesinstituts für Sportwissenschaft. Sport und Buch Strauss, Köln 1998. 2. Auflage, April 2000. Line element 24.5. Doping-Praktiken in der DDR: "Entweder Du bekommst die Spritze, oder vier Jahre Training sind umsonst." Dieser Satz ihres Trainers hat sich Rica Neumann-Reinisch eingebrannt. Gesprochen wurde er am 19. September 1980, am Tag der Staffel-Vorläufe der Olympischen Spiele. Auf Grund zahlreicher gesundheitlicher Probleme hatte sich die damals 15- jährige Dresdner Schwimmerin entschlossen, keine Tabletten und Spritzen mehr über sich ergehen zu lassen. Mit dem Entweder-Oder-Satz wurde sie von Coach Uwe Neumann unter Druck gesetzt. Als dreimalige Olympiasiegerin schied Rica Reinisch von den Spielen zwar überaus erfolgreich, doch für ihr weiteres Leben hatten die Tage von Moskau prägende Wirkung. Rica Neumann-Reinisch gehörte am Dienstag zu den vier Nebenklägerinnen, die vom Berliner Landgericht zu ihren gesundheitlichen Schäden im Top-Prozess um das systematische DDR- Doping befragt wurden. "Als ich schliesslich knapp zwei Jahre später meine Laufbahn beendete, war ich das böse Mädchen. Ich wurde einfach fallen gelassen", berichtete die heute 35-Jährige. Ein De-facto-Berufsverbot als Lehrerin sei eine der Konsequenzen gewesen. Der langjährige DDR-Sportchef Manfred Ewald und der mitangeklagte Sportmediziner Manfred Höppner nahmen auch am sechsten Prozesstag die Aussagen der Geschädigten ohne sichtliche Bewegung zur Kenntnis. " Ewald simuliert den alten Greis. Das kann es doch nicht sein", entrüstete sich Rica Neumann-Reinisch. Zuvor hatte sie ausgeführt, dass sie in den zurückliegenden 20 Jahren nahezu regelmässig unter Eierstockentzündungen gelitten habe und auch drei Herzmuskelerkrankungen auf das systematische Doping im Kindesalter zurückführt. Immer wenn sie den Trainer nach dem Sinn der regelmässigen Einnahme der so genannten "unterstützenden Mittel" fragte, habe sie nur beiläufige Antworten bekommen. "Nimm das, denn das ist gut für Dich", habe sie mehrfach hören müssen. Auch die früheren Schwimmerinnen, Ute Krause (Magdeburg) und S teffi Morgenstern (Dresden), schilderten vor Gericht ihre gesundheitlichen Probleme nach der Einnahme der "Bläulinge", wie die Oral-Turinabol-Tabletten in Athleten-Kreisen genannt wurden. Ute Krause sprach von "explosionsartigen Veränderungen" ihres Körpers, stetiger Gewichtszunahme und einer Vertiefung ihrer Stimme. "Ich habe mich gefühlt wie in einem fremden Körper", sagte sie. Dennoch seien ihre Leistungen immer besser geworden. Steffi Morgenstern beklagte grosse Schmerzen während der Regel sowie gravierende Verspannungen und Verhärtungen der Muskulatur. "Das hat wehgetan als steckte eine Gewehrkugel in meinem Oberschenkel", schilderte sie. Auch Nieren- und Stoffwechselprobleme hätten sich nach der Karriere eingestellt. Ein Schlüsselerlebnis für die ehemalige Kugelstosserin Simone Machalett vom TSC Berlin war der Tag, an dem ihr Arzt sie warnte, sie könne eventuell keine Kinder bekommen, wenn sie weiter trainiere. "Er bescheinigte mir den Unterleib einer Achtjährigen", berichtete sie. Zu diesem Zeitpunkt sei sie aber bereits 19 gewesen und bereitete sich intensiv auf die Olympischen Spiele 1980 vor. Auch sie habe zuvor ein rigorose Gewichtszunahme von 80 auf 110 Kilo in kürzester Zeit registrieren müssen. Dennoch habe sie damals nie die Oral- Turinabol-Tabletten, von denen sie bis zu fünf am Tag schluckte, dafür verantwortlich gemacht. "Die unterstützenden Mittel empfand ich als etwas Gutes, damit ich besser trainieren konnte. Da sie immer vor Wettkämpfen abgesetzt wurden, habe sie nie an Doping gedacht" räumte, sie ihre damalige Blauäugigkeit ein. Line element 22.5. Berliner Doping-Prozess: 13jährige nahm nach Hormongabe 20 Kilogramm zu Berlin (npw). Im Doping-Prozess gegen den DDR-Sportchef Manfred Ewald und den führenden DDR-Sportmediziner Manfred Höppner sind vor dem Landgericht Berlin erstmals Zeugen befragt worden. Die drei ehemaligen Sportlerinnen, zugleich Nebenklägerinnen im Prozess, berichteten von zum Teil erheblichen gesundheitlichen Schäden, die sie auf die nicht wissentliche Einnahme von männlichen Hormonen zurückführen. Die frühere Schwimmerin Carola Beraktschjan erzählte, dass sie als 13- oder 14jährige das erste Mal "blaue Pillen" (Oral-Turinabol) von ihrem Trainer erhalten habe. In der Folgezeit sei ihre Stimme erheblich tiefer geworden, und sie habe rasant 20 Kilogramm zugenommen. Die ehemalige Kugelstosserin Birgit Böse betonte, "Diskussionen über Tabletten waren nicht möglich, man hatte sich an die Spielregeln zu halten". Welche Folge dies hatte, musste sie am eigenen Leib erfahren. Bei einer Hormonbehandlung, die sie Jahre nach ihrer aktiven Wettkampfzeit erhielt, nahm sie 30 Kilogramm zu. Daraufhin habe ihr der Arzt vorgeworfen, sie müsse ihm eine frühere Hormoneinnahme verschwiegen haben. "Ich war bis dahin überzeugt, im Sport nie gedopt worden zu sein", sagte Böse. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft sind die Angeklagten Ewald und Höppner hauptverantwortlich für das systematische Doping im DDR-Leistungssport. Sie müssen sich deshalb wegen Beihilfe zur Körperverletzung in 142 Fällen verantworten. Nach zweistündiger Befragung der Zeuginnen musste das Gericht die Verhandlung unterbrechen. Der Angeklagte Ewald teilte mit, er habe Schwierigkeiten, der Verhandlung zu folgen. Der Prozess wird morgen fortgesetzt. Line element 19.5. "Wir wurden missbraucht." Berlin - Manfred Ewald hört mit versteinerter Mine zu, als im Prozess um das DDR-Kinderdoping erstmals die Opfer das Wort haben. "Ich habe Schwierigkeiten, das zu erfassen", wimmerte der 73-jährige am Freitag vor dem Berliner Landgericht. Zuvor hatten drei der über 1000 DDR-Dopingopfer über die gefährlichen Folgen der blauen Hormon-Pillen berichtet. "Je älter ich wurde, desto mehr Tabletten wurden es", erinnerte sich die heute 38 Jahre alte frühere Schwimm-Weltrekordlerin Carola Beraktschjan. Nichts ahnend habe sie bereits im Alter von 13 oder 14 Jahren männliche Hormone verabreicht bekommen. Eine Lehrerin sprach die damals 14-Jährige wegen ihrer tiefen Stimme an. "Ich war völlig schockiert." Heute sagt sie: "Wir wurden missbraucht." Zunächst nur stärkere Körperbehaarung und tiefere Stimme Übergewicht, Asthma, Allergien, Probleme mit der Wirbelsäule und Schmerzen in den Schultern - darunter leidet heute die Kugelstosserin Birgit Boese. In den 70er Jahren habe sie zunächst nur eine stärkere Körperbehaarung und eine tiefere Stimme bemerkt. "Ich bin mit der Überzeugung aus dem Sport ausgestiegen, es gab kein Doping". Erst ein Jahrzehnt später habe ihr ein Arzt auf Grund massiver Nebenwirkungen einer Hormonbehandlung gesagt, dass sie früher Dopingmittel bekommen habe. Wie das Dopingnetzwerk in der DDR funktionierte, zeigt ein alter Trainingsplan, den die frühere Diskuswerferin Brigitte Michel als Zeugin dem überraschten Gericht zeigte. Fein säuberlich ist nicht nur notiert, an welchen Tagen welche Trainingsetappen zu absolvieren sind - sondern genauso, wann wie viele Pillen die jungen Athleten zu nehmen haben. Den Sportlerinnen wurde dazu nur gesagt, es handele sich um harmlose Mittel, die das Training erleichterten. "Gesagt wurde uns gar nichts" Einen ernsthaften Verdacht hatten alle drei Sportlerinnen damals nicht, sie vertrauten ihren Ärzten und Trainern. Brigitte Michel erklärt ihre frühere Naivität: "Ich dachte damals, Doping ist nur etwas, was man kurz vor dem Wettkampf nimmt." Beraktschjan sagte, damals habe sie geglaubt, die verbotenen Substanzen würden nur im Westen eingesetzt: "Gesagt wurde uns gar nichts." Michel nannte es ein offenes Geheimnis, dass nicht über die Tabletten geredet werdensollte. Mit der Anhörung der Sportlerinnen will sich das Landgericht einen Eindruck von den Folgen des Dopings machen. Insgesamt geht es in dem Verfahren, in dem auch der Sportmediziner Manfred Höppner angeklagt ist, um 142 Fälle der Beihilfe zur Körperverletzung. Da Ewald nach Einschätzung von Gutachtern jeden Prozesstag nur zwei bis dreieinhalb Stunden verhandlungsfähig ist, können jeweils nur wenige Zeugen aussagen. Nebenklageanwalt Michael Lehner geht davon aus, dass es erst im Sommer zu einem Urteil kommen wird. Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Line element 16.5. Auf Unverständnis und Ablehnung ist die erste öffentliche Entschuldigung des früheren DDR-Sportchefs Manfred Ewald im Doping-Prozess vor dem Berliner Landgericht gestossen.

"Wir werden für dumm verkauft", sagte Nebenklägerin Rica Reinisch, nachdem der 73-Jährige sein Bedauern gegenüber der einstigen Weltklasse-Schwimmerin ausgedrückt hatte. Die Geste Ewalds vor versammelter Journalistenschar auf dem Flur wirkte unglaubwürdig.

Im Saal schwieg der ehemalige Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) auch am vierten Tag weiter eisern. Zu Beginn hatte das Landgericht auf Grundlage zweier neuer Gutachten die weitere Verhandlungsfähigkeit Ewalds von zwei Stunden pro Tag festgestellt. Anwalt Frank Osterloh hatte die Untersuchung beantragt, da es seinem Mandanten nicht möglich sei, "dem Prozessverlauf akustisch und intellektuell zu folgen".

Schwimmerin sagte vor Gericht aus

Rica Reinisch, dreifache Schwimm-Olympiasiegerin von 1980, hatte vor Gericht geschildert, dass sie trotz ihrer bekannten Erkrankungen im Kindesalter weiterhin die verursachenden Anabolika-Präparate verabreicht bekam. "Ewald tut nun so, als habe er jetzt zum ersten Mal von den Schäden gehört", reagierte sie auf dessen anschliessende Erklärung. "Er kann sich doch nicht nur bei mir entschuldigen, und dann so lapidar."

Zuvor war zur Ermittlung der Schwere der Vergehen von Ewald und seines führenden Sportmediziners in Sachen Doping, Manfred Höppner, die Verlesung von Höppners Vernehmungsprotokollen fortgeführt worden. Dessen Ausssagen aus den Jahren 1996 und 1997 enthüllten deutlich die umfassende Dopingpraxis über 25 Jahre und die Rolle von Höppner als Planer und Kontrolleur sowie von Ewald als skrupellosem Befehlsgeber.

Höppner gesteht Teilschuld ein

Höppner gestand in den Verhören eine Teilschuld ein, wies jedoch eine Verantwortung weitgehend von sich. Nur Ewald habe die Möglichkeit gehabt, das Dopingsystem zu stoppen. Er selbst habe Ewald mehrmals über Gesundheitsschäden unterrichtet, was jedoch an den Anordnungen von Ewald nichts geändert habe. Ausserdem habe er selbst nie Doping für Minderjährige verordnet, aber davon Kenntnisse gehabt. Höppner leugnete, von "erheblichen Nebenwirkungen" gewusst zu haben. "Was uns angetan wurde, ist schwere Körperverletzung", äusserte sich die ehemalige Schwimmerin Catherine Menschner dazu später erbost. "Das wollen wir nach wie vor zur Sprache bringen." Die 35-Jährige hatte schon im Alter von elf Jahren Oral-Turinabol verabreicht bekommen. "Es freut mich, dass er sich nicht so aus der Verantwortung stehlen kann", sagte sie zur Feststellung der weiteren Verhandlungsfähigkeit Ewalds. Der Prozess wird am Freitag mit der Vernehmung der ersten Doping-Opfer fortgesetzt. Line element 10.5. Doping-Prozess droht zu platzen: Verhandlungsfähigkeit erneut geprüft. Der wichtigste Prozess zum DDR-Doping gegen den früheren DDR-Sportchef Manfred Ewald droht vorzeitig zu platzen. Das Berliner Landgericht entschied am Dienstag, die Verhandlungsfähigkeit von Ewald erneut von unabhängigen Medizinern prüfen zu lassen. Die Verteidigung hatte den Antrag auf eine erneute Untersuchung gestellt, weil der gesundheitlich angeschlagene 73-Jährige nicht auf eine längere Prozess-Dauer eingestellt sei. Ewalds Anwalt Frank Osterloh erklärte, dass sein Mandant physisch und psychisch nicht in der Lage sei, dem Verlauf der Verhandlung zu folgen. Ewald habe auf diese Situation geradezu unsinnig reagieren wollen, meinte Osterloh. Sollten die Ärzte am Mittwochmorgen nach ihren internistisch-kardiologischen sowie psychiatrischen Untersuchungen Ewald die Verhandlungsunfähigkeit bescheinigen, wäre der Prozess vorzeitig beendet. Bereits im November 1999 hatten Mediziner dem einst mächtigen Sportführer eine auf dreieinhalb Stunden begrenzte Verhandlungstauglichkeit bestätigt. Über die neuen Gutachten der Ärzte sollen alle beteiligten Seiten am nächsten Verhandlungstag, den 16. Mai, informiert werden. Ewald nicht bereit, sich zu äussern. Zum Auftakt des dritten Prozess-Tages hatte Nebenklage-Anwalt Michael Lehner in einer Erklärung vorgeschlagen, den Prozess gegen Ewald von der Verhandlung gegen den Sportmediziner Manfred Höppner abzutrennen. Höppner, der sich wie Ewald der Beihilfe zur Körperverletzung wegen der Vergabe von Hormonpräparaten an Minderjährige verantworten muss, hatte am vergangenen Freitag eine Mitverantwortung für das Doping-System eingeräumt, während Ewald nicht bereit ist, sich vor dem Gericht zu äussern. Zugleich wies Lehner darauf hin, dass aus Sicht der Nebenklage nicht für alle Fälle die Frist der Verjährung am 2. Oktober 2000 zuträfe. Bei seiner Mandantin Yvonne Gebhardt, einer früheren Speerwerferin aus Halle/Saale, war erst 1997 ein Brustkrebs-Tumor entfernt worden, der eine Folge der Einnahme von Anabolika gewesen sein könnte. Für sie käme damit eine Verjährung erst im Jahr 2007 in Frage. "Körperliche Schäden keine Bagatelle". Zudem forderte Lehner das Gericht auf, nicht grundsätzlich von Fällen der leichten Körperverletzung, die den Angeklagten unterstellt wird, auszugehen. "Meine Mandantinnen fordern, dass ihre schweren körperlichen Schäden auch so benannt und nicht als Bagatelle abgetan werden", erklärte der Anwalt. Die Zufügung schwerer körperlicher Schäden kann mit Strafen bis zu zehn Jahren geahndet werden, während für die Beihilfe zur Körperverletzung entsprechend der Anklageschrift höchstens zwei Jahren Haft möglich sind. Für die Nebenklägerinnen sei laut Lehner aber weniger der Strafrahmen wichtig. "Es geht uns nicht um eine Schmalspur-Verurteilung auf Teufel komm raus", meinte Lehner zu dem Vorwurf, die Nebenklage würde den Prozess verschleppen. Line element 9.5.2000 Ehemalige DDR-Spitzensportler sind empört über die Aussage Manfred Höppners im Berliner Doping-Prozess: DDR-Sportmediziner verteidigt Anabolika-Vergabe. Entsetzen und Wut herrschten am Freitag im Saal 501 des Berliner Landgerichtes. Im Prozess gegen die mutmasslichen Hauptverantwortlichen für das Doping im DDR-Leistungssport hat der Sportmediziner Manfred Höppner am zweiten Prozesstag die Anabolika-Vergabe verteidigt. Der frühere Vize-Chef des Sportmedizinischen Dienstes der DDR äusserte, aus seiner Sicht habe sich die Anwendung von Doping-Mitteln bei der Mehrheit der Sportler bewährt. Sie sei "sachgerecht und kontrolliert" und ohne Zwang erfolgt. Die Gabe von Anabolika hätten die Sportler vor Gesundheitsschäden durch das harte Training geschützt. Zugleich bedauerte er, dass es ihm nicht gelungen sei, Unheil von allen Sportlern abzuwenden. Die als Nebenkläger auftretenden früheren Schwimmerinnen und Leichtathleten bezeichneten Höppners Erklärung als "beschämend". "Es ist schon unverfroren zu behaupten, ohne Doping hätte unsere Gesundheit noch mehr gelitten", so Ex-Schwimmerin Catherine Menschner. Die Kugelstosserin Birgit Böse meinte: "Es ist eine Frechheit zu sagen, es habe keinen Zwang gegeben." Die ehemalige Diskuswerferin Brigitte Michel, geborene Sander, klagte: "Ich habe eine kaputte Wirbelsäule und bräuchte zwei künstliche Hüftgelenke". 1990 fand sie in ihrer Patientenakte, dass Ärzte vor der Sportkarriere bei ihr eine beginnende Wirbelsäulenerkrankung festgestellt hatten. "Trotzdem hat man mich auf die Sportschule geholt und mir jahrelang Hormone gegeben", sagte Michel. Höppner hatte erklärt, er habe keine Körperverletzung angestrebt. Sein Motto sei gewesen: "Die Gesundheit geht vor Goldmedaillen." Höppner zitierte Bertolt Brecht, der erkannt habe: "Leistungssport fängt dort an, wo Sport aufhört, gesund zu sein." Und er, Höppner, habe den Sportlern helfen wollen, damit sie gesund bleiben. Mit der Leitung der Arbeitsgruppe "Unterstützende Mittel", die unter anderem die Medikamente besorgte und die Verteilung überwachte, habe er einer unkontrollierten Anwendung begegnen wollen. Höppner stritt ab, gesetzeswidrig gehandelt zu haben: "Die Förderung und medizinische Unterstützung im Hochleistungssport widersprach nicht dem DDR-Arzneimittelgesetz." Kein Wort, dass Trainer, also Nichtmediziner, die Pillen gaben, dass Patientenakten gefälscht und Präparate wie Oral-Turinabol ohne medizinische Indikation verabreicht wurden. Das Gericht sah seine Erklärung als nicht ausreichend an, zumal er weitere Fragen dazu verweigerte. Der Vorsitzende Richter Dirk Dickhaus verlas die Protokolle einer früheren Vernehmung Höppners, in der dieser kritischer Stellung genommen und eingeräumt hatte, vereinzelt an volljährige Athleten selbst Doping-Mittel verabreicht zu haben. Morgen wird der Prozess fortgesetzt. Line element 5.5.2000 Sturm der Entrüstung über Höppners Aussagen: Im Prozess um das systematische Doping im DDR-Sport hat die Aussage des angeklagten Mediziners Manfred Höppner einen Sturm der Entrüstung bei den Opfern hervorgerufen. Der Leiter der Arbeitsgruppe "Unterstützende Mittel" und stellvertretende Chef des Sportmedizinischen Dienstes der DDR hatte dabei einen Verstoss gegen damalige Gesetze bestritten. "Die Förderung und medizinische Unterstützung im Hochleistungssport widersprach nicht den rechtlichen Bestimmungen der DDR", sagte Höppner zum Auftakt des zweiten Prozesstages vor dem Berliner Landgericht. Höppner bittet um Entschuldigung "Als Märchenstunde und Taschenspielertricks", bezeichnete die frühere Sprinterin Ines Geipel die Aussage des Chef-Mediziners. "Seine Worte zeugen davon, dass Höppner nicht in der Lage ist, sich zu historischen Wahrheiten zu bekennen", fügte sie hinzu. Noch empörter gab sich die Dresdner Schwimmerin Catherine Menschner, die gleichfalls als Nebenklägerin im Prozess fungiert. "Ich finde es zum Kotzen. Der will uns einreden, wir wären vielleicht noch kranker,wenn wir nicht gedopt hätten", schimpfte sie. Höppner hatte erklärt, er habe keine Körperverletzung angestrebt. Sein persönliches Motto sei gewesen: "Die gesundheitliche Sicherheit geht vor Goldmedaillen." Diese Bemerkung löste im Prozess-Saal einige Unruhe auf der Bank der Nebenkläger aus. Weiter sagte der 66-Jährige in der schriftlich vorbereiteten Erklärung: "Ich bin mir absolut sicher, dass sich bei der grossen Mehrzahl der Sportler die sachgerechte Anwendung von unterstützenden Mitteln bewährt hat." Erselbst habe sich dafür eingesetzt, die Zahl der "Anwendungen" zu verringern und sei deshalb teilweise als "Bremser" bezeichnet worden. Er bedauere, dass es ihm nicht gelungen sei, Unheil von allen Sportlern abzuwenden. "Ich bitte die von Unheil betroffenen Sportler, meine Entschuldigung dafür anzunehmen." Forderung nach Fond für Doping-Opfer Diese Entschuldigung wurde von den Sportlerinnen jedoch nicht akzeptiert. "Es ist eine Frechheit zu behaupten, er wollte das kontrollieren, was wir angeblich unkontrolliert genommen hätten", entrüstete sich die frühere Berliner Schwimmerin Karen König. Für sie seien die Äusserungen von Höppner eine "Fortschreibung zynischer DDR-Rhetorik" gewesen, meinte Ines Geipel. "Die Menschen waren für die da oben doch nichts anderes als Material. Ich kann diese Entschuldigungnicht anerkennen. Ich bekomme da eher einen Wutanfall", fügte sie hinzu. Ines Gneipel Fonds-Gründung für Doping-Opfer an Sie regte an, einen Fonds für durch Doping extrem geschädigte Sportler und deren behinderte Kinder ins Leben zu rufen. "Es gab mehr als 10.000 gedopte Sportler in der DDR, es gab Todesfälle und schwerste Erkrankungen - diese Wahrheiten müssen endlich ans Tageslicht", meinte Ines Geipel. Hingegen erklärte Catherine Menschner: "Ich weiss nicht, ob ich ihn über den Tisch ziehen soll oder ob ich mich bei ihm bedanke, dass sich endlich mal einer öffentlich für seine Taten entschuldigt." Forderungen nach Anklageverschärfung werden laut Höppner muss sich im wichtigsten Prozess zum DDR-Doping gemeinsam mit dem langjährigen DDR-Sportchef Manfred Ewald verantworten. Ewald hatte zu Prozessbeginn am Dienstag erklärt, sich zunächst nicht äussern zu wollen. Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Angeklagten Beihilfe zur Körperverletzung durch Vergabe von Hormonpräparaten an minderjährige Sportlerinnen vor. Menschner-Anwalt Jan Mohr forderte in einer ersten Reaktion auf das Teilgeständnis die Erweiterung der Anklage gegen Höppner und den weiter eisern schweigenden Ex-DDR-Sportchef Manfred Ewald: "Es handelte sich um Körperverletzung, nicht nur Beihilfe dazu. Dies muss deutlich werden, alles andere verniedlicht die Vorgänge." Höppner war in seiner Eigenschaft als Leiter der "Arbeitsgruppe unterstützende Mittel" und stellvertretender Direktor des "Sportmedizinischen Dienstes" (SMD) offenbar willfähriges Werkzeug des Dopingprogramms. Höppner soll den Einsatz der Dopingmittel geplant und sie an die Jugendlichen verabreicht haben. Line element 4.5.2000 Deutsche Sportpolitiker sind mit dem bisherigen Verlauf des Prozesses gegen DDR-Sportchef Manfred Ewald zufrieden. Nun sollen auch die Nebenkläger angehört werden. "Das Gericht bemüht sich doch sehr, den Prozess entgegen der Prognosen gründlich durchzuführen", sagte Manfred von Richthofen nach der Vertagung des Prozesses auf Freitag. Darüber bin ich erfreut und erleichtert". Seine Befürchtung, das Verfahren würde zu kurz geraten, war unbegründet. Darüber ist der Präsident des Deutschen Sportbundes erleichtert: "Das wäre der Sache nicht gerecht geworden." Nachdem Richter Dirk Dickhaus am Dienstag eine Zeugenvernehmung im noch nicht genannten Umfang angekündigt hat, hofft von Manfred von Richthofen, "dass deutlich wird, wo die Auftraggeber der kriminellen Handlung sassen". Die Gegenüberstellung von Angeklagten und Geschädigten sei notwendig, um die Öffentlichkeit aufzuklären. Manfred Ewald und dem Mediziner Manfred Höppner wird vorgeworfen, von "1974 bis 1989 gemeinschaftlich und vorsätzlich Beihilfe zur Körperverletzung" in 142 nachgewiesenen Fällen geleistet zu haben. Der Prozess wird am Freitag ab 10.00 Uhr fortgeführt. Ewald dagegen liess erklären, er werde sich zunächst nicht äussern. Bis 2. Oktober muss ein Urteil gefallen sein Mit Genugtuung vernahm auch der Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Friedhelm Julius Beucher, die Nachricht vom Wandel des Gerichts. "Die Anhörungen sind eine grosse Chance, ansonsten wäre die Aufarbeitung der Vergangenheit nicht gründlich gewesen", sagte Beucher. Am 2. Oktober läuft die Verjährungsfrist für Ewald und Höppner ab. Sollte bis dahin kein Urteil ergehen, kommen Beide ungestraft davon. Falls Ewald bei seinem Kurs bleibt, kann sich der Prozess schnell bis in den September hinein verzögern. Die Verteidigung will unter allen Umständen ein Urteil über zwei Jahren Gefängnisstrafe auf Bewährung verhindern. Die Höchststrafe für Ewalds Vergehen ist unter Juristen umstritten, wird aber von den meisten mit drei Jahren angegeben. Athleten sind bestürzt über Ewalds Schweigen Die dreifache Olympiasiegerin von 1980, Rica Reinisch, zeigte sich als Betroffene verbittert über die Weigerung Manfred Ewalds, zu den Vorwürfen der Anklageschrift Stellung zu beziehen. "Ich habe keinerlei Zeichen von Reue gesehen", erklärte die 35-Jährige. So bald als möglich will sie sich vor Gericht äussern, um den Angeklagten und der Öffentlichkeit deutlich zu machen, was ihr und so vielen Anderen angetan wurde. Auch andere Doping-Opfer äusserten sich enttäuscht darüber, dass Ewald seine Schuld immer noch nicht eingestehen will. "Am Ende wird es wieder mit Bewährungs- und Geldstrafen abgehen, was lächerlich ist im Verhältnis zu den Taten", erklärte Schwimmerin Karen König. Line element 28. April 2000 Am Dienstag wird Manfred Ewald und Manfred Höppner in Berlin der Prozess wegen ihrer Verantwortung im DDR-Staatsdoping gemacht. Schon vor Prozessbeginn hat die Berliner Justiz durch einen Deal mit der Verteidigung Diskussionsstoff geliefert. Nun soll auch die Berichterstattung limitiert werden, was von den Betroffenen als Skandal begriffen wird.

Kaum haben die Berichterstatter ihre Akkreditierung erhalten, kaum ist die letzte Justizposse in Vergessenheit geraten, da präpariert das Berliner Landgericht die deutschen Medien schon für die nächste in eben jener Strafsache von Manfred Ewald und Manfred Höppner, deren Missetaten sich auf dem Felde des Sports ereignet haben und deren Signalwirkung doch eminent für aktuelle Diskurse nicht bloss in der deutschen Öffentlichkeit ist.

Dabei kann es bei distanzierter Betrachtung nicht schaden, einmal zurückzuschauen und einen Blick auf die beiden Angeklagten und den unwürdigen Verlauf der Dinge zu werfen. Zunächst Manfred Ewald: Der wendige Kerl war in der DDR der Chef des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) und somit der Alleroberste punkto zentral gesteuerter Leibesertüchtigung. Er erfreute sich der Wertschätzung des westdeutschen Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Daume, und veröffentlichte nach der Wende ein Buch mit dröhnendem Titel, dessen redundante These es war, dass Ewald allein der Staatssport gewesen sei. Wenn dem so war, dürfte Ewald schnurstracks den Weg ins Gefängnis antreten, denn die Anklage lautet auf Körperverletzung und deren Beihilfe, erzeugt durch die Nebenwirkungen von Dopingmitteln, wenngleich der rhetorisch begabte Rentner gegenüber Medienvertretern die Existenz des Staatsdopings stets abgestritten hat.

Höppners Selbstverständnis

Zu Manfred Höppner: Er war der wichtigste Erfüllungsgehilfe Ewalds und hatte als stellvertretender Leiter des Sportmedizinischen Dienstes (SMD) das sogenannte Staatsplanthema 14.25 ausgearbeitet, das eine flächendeckende Abgabe von Dopingmitteln auch an Kinder vorsah. Nicht nur in der DDR hat Höppner tüchtig Profit aus seinem Werk gezogen. Nach der Wende transferierte er einige Dokumente an die Zeitschrift "Stern" und belastete sich damit selber. Sein Schweigen zu den Praktiken im DDR-Sport hat Höppner nur einmal in den letzten Jahren gebrochen. In einem Interview erklärte er, das Doping sei nicht sein Werk gewesen. Die ungehemmte Verklärung des Angeklagten, ausgelöst durch die schon sprichwörtlich traumatischen Enthüllungen der Nachwendezeit, verrät gleichsam das Selbstverständnis des Top-Mediziners: Allein er will nicht haftbar gemacht werden für die perfide Auftragsarbeit. Unnachgiebig glaubt Höppner weiterhin ans Kollektiv.

Das ist nur folgerichtig, denn Sportärzte von niedrigerem Rang formulieren solche Verteidigungsmanifeste inhaltlich deckungsgleich. Man habe von den Folgen nichts wissen können, und weil manche Richter der Argumentation der Verteidiger folgten, fielen die Urteile entsprechend mild aus. Geld- und Bewährungsstrafen waren die Regel, in Haft wurde noch niemand genommen. Richter Hansgeorg Bräutigam, ein erfahrener Mann in der Berliner Justiz, brauchte auf Grund der Unnachgiebigkeit der Angeklagten 42 Verhandlungstage im Pilotprozess gegen Sportärzte und den Schwimmtrainer vom SC Dynamo Berlin; und alle sechs Angeklagten waren ganz kleine Leute im DDR-Sport, zumindest gemessen an Ewald und Höppner. Denn das Duo agierte auf Funktionärsebene ganz oben. Beide waren die intellektuellen Speerspitzen in ihrem jeweiligen Ressort gewesen. Ohne Weisung von oben hätten jene unten niemals gehandelt.

Soviel in Kürze zum Hintergrund der beiden Männer, um deren Verfahren im Vorfeld so viel Aufhebens gemacht wurde. Beachtet man die Dauer des Pilotprozesses, wird man sich wundern, dass nur ein Verhandlungstag, der Dienstag nächster Woche, für die Sache Ewald/Höppner angesetzt ist. Verantwortlich dafür ist wohl ein Deal zwischen Justiz und Verteidigung (der freilich ein Schuldeingeständnis der Angeklagten enthält). Werner Franke, engagierter Dopingverfolger aus Heidelberg, glaubt sicher zu sein, das Urteil schon zu kennen: "20 Monate für Höppner, 22 für Ewald". Damit wäre eine Bewährungs- und keine Haftstrafe garantiert.

Da Anfang Oktober, festgesetzt vom Deutschen Bundestag, die Verjährungsfrist für leichte und mittelschwere DDR-Straftaten einsetzt, schien den Juristen in Berlin die Gefahr einer Verfahrensverschleppung durch die Verteidigung zu gross. Der Effekt ist, dass die Nebenklage, vertreten durch den Heidelberger Rechtsanwalt Michael Lehner, nun keine Gelegenheit haben wird, Beweisanträge zu stellen. Die Opfer des Systemdopings werden um eine gründliche juristische Aufarbeitung geprellt - und die Öffentlichkeit um illusionsraubende Einsichten in die Mechanismen des DDR-Sports.

Akkreditierungen von Journalisten gestrichen

Schwer tut man sich in Berlin auch mit der Presse. Moderat im Umgang mit den Medien zeigte sich der vorgesehene Richter Walter Neuhaus. Der nämlich hatte wegen des grossen öffentlichen Interesses gleich drei zusätzliche Bänke mit insgesamt 35 Plätzen für die Journalisten bewilligt. Doch dann wurde Richter Neuhaus krank, und Richter Dickhaus übernahm. Und der nahm den Reportern die zusätzlichen Plätze gleich wieder weg. Aus der Justizpressestelle war zu erfahren, Dickhaus sei an zusätzlicher Öffentlichkeit nicht interessiert. Nach Protesten wurde ein Kompromiss gefunden. Immerhin noch elf der Zusatzplätze wurden bewilligt (Stand Donnerstag 15 Uhr). Weil aber per Losentscheid ausgewählt wurde, ist nun mancher kritische Journalist nicht akkreditiert. Dies trifft Medienvertreter vom "Deutschlandfunk", der "Frankfurter Allgemeinen" und dem "Sender Freies Berlin", der für die ARD bundesweit Beiträge liefern sollte. Und eben jene Reporter hatten die Rechtsprechung in Sachen Staatsdoping kontinuierlich fokussiert. So kommt es, dass die ARD keine originäre Berichterstattung aus dem Landgericht machen können wird, wohl aber das ZDF, in dessen Sportredaktion die punkto Dopingvergangenheit gründlich belastete DDR-Schwimm-Olympiasiegerin Kristin Otto über den Schwimmsport berichten darf.

Dem bizarren Szenario widerfährt jedoch noch eine Steigerung, wenn informierte Kreise berichten, dass der Anwalt Ewalds ein Attest eingereicht habe, dass dieser nicht mehr als dreieinhalb Stunden verhandlungsfähig sein wird. Der angestrebte kurze Prozess könnte sich so zu einem Folgeprozess entwickeln, denn allein das Verlesen der Klageschrift dürfte recht umfänglich ausfallen. Gleichzeitig bedeutet dies für jene Medienvertreter, die ohne Akkreditierung im Zuschauerraum Platz nehmen müssen, eine weitere Erschwernis ihrer im Gericht ohnehin nicht eben komfortablen Arbeit. So sind die Berliner abermals zu beglückwünschen: Im gleichen Verfahren gleich zweimal so eindrücklich mit fragwürdigen Entscheidungen aufzutreten, das zeugt wirklich von massloser Effizienz. Die Zweifel der Bürger am Verfahren sind auf einfachem Wege verdoppelt worden.

Stefan Osterhaus



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