Der Berliner Doping-Prozess: Spritzen für 15-jährige (21.4.98)

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Die erste Zeugin im Berliner Prozess um Doping in der DDR hat am Montag Vorwürfe der Anklage bestätigt und ehemalige Betreuer beschuldigt. Die Schwimmerin Christiane Knacke-Sommer, 1980 Olympiadritte über 100 m Delphin, berichtete vor dem Landgericht über Medikamentenabgaben in der Zeit als junge Spitzensportlerin. Wir bekamen "unterstützende Mittel", beim Klassenfeind gab es Doping, sagte die auch als Nebenklägerin zugelassene 36-jährige sarkastisch.

In dem Prozess sind vier Schwimmtrainer und zwei Sportärzte des DDR-Renommierklubs SC Dynamo Berlin wegen Körperverletzung angeklagt, weil sie 19 damals minderjährigen Sportlerinnen Anabolika verabreicht haben sollen.

Nach dreistündiger Befragung schloss Richter Hansgeorg Bräutigam von der 34. Grossen Strafkammer die Öffentlichkeit aus, da Fragen zu möglichen physischen und psychischen Veränderungen die Persönlichkeitsrechte der Zeugin verletzen könnten. In der Kinder- und Jugendsportschule habe sie als Zehnjährige Vitamintabletten bekommen, in Originalverpackung eindeutig identifizierbar, sagte Knacke-Sommer.

Die durch Ärzte und Trainer "kontrollierte Medikamenteneinnahme" habe mit Übergang in die Trainingsgruppe des Angeklagten Rolf Glaser begonnen. Damals war die Sportlerin 15jährig gewesen. Im Länderkampf DDR - USA in Berlin 1977 war sie als erste Frau der Welt die 100 m Delphin unter einer Minute geschwommen. So kam sie in die internationale Medaillenschmiede von Gläser. In den intensive Vorbereitungsphasen auf internationale Wettkämpfe wie die Weltmeisterschaft 1978 habe sie dann vier- bis fünfmal in Abständen von einer Woche eine Spritze bekommen. Täglich habe es eine bis zwei Tabletten in Bechern gegeben. Die Mädchen hätten nie die Möglichkeit gehabt, eine Verpackung der Medikamente zu sehen. Ihnen se gesagt worden, dies seien alles unterstützende Massnahmen, die helfen würden, das harte Training zu verkraften. An der WM 1978 konnte Knacke-Sommer nicht teilnehmen: Ein vorheriger Gesundheits-Check ergab, dass sie nicht "clean" war.

Von dem angeklagten Sportarzt Dieter Binus wurde sie von 1977 bis 1980 betreut. Sie habe ihm vertraut, sagte Knacke-Sommer. "Menschlich hat er immer getan, was er konnte." Allerdings habe er ihr auch die Spritzen verabreicht. Die Anweisungen seien von Gläser und dem ebenfalls angeklagten Sportarzt Bernd Pansold gekommen. Gläser habe auch die Einnahme der anonymen Tabletten überwacht. Natürlich hätten sich die Mädchen untereinander über ihren Muskelzuwachs, die plötzlich tieferen Stimmen und das ständige Rasieren der Beine unterhalten, antwortete die Zeugin auf eine Nachfrage des Gerichts.

Jedoch hätten sie immer unter einem enorm grossen Leistungsdruck gestanden und keine Wahl gehabt. "Friss oder stirb!", habe die Devise gelautet. Nach den Olympischen Spielen in Moskau 1980 beendete Knacke-Sommer ihre sportliche Laufbahn aus gesundheitlichen Gründen und reiste 1988 nach der Heirat mit einem Österreicher nach Wien aus. Die Angeklagten haben sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäussert.

Die Verteidigung warf der Zeugin hingegen nach der fast achtstündigen Vernehmung vor, sie habe sich selber Doping beschafft und dies ohne Wissen ihrer Trainer eingenommen; der ehemalige Mann von Knacke-Sommer soll diesen Sachverhalt bestätigen können. Zudem soll dieser auch aussagen, dass die ehemalige Schwimmerin Stasi-Mitarbeiterin gewesen sei. Diese wiederum führte aus, ihr Exehemann habe sie kürzlich telefonisch dazu aufgefordert, im Zusammenhang mit Doping keine Aussage vor Gericht zu machen, und zwar mit der Androhung einer "Schlammschlacht in den Zeitungen". Sie sei in letzter Zeit massiv bedroht worden. Am nächsten Montag sollen weitere mutmassliche Doping-Opfer als Zeuginnen angehört werden. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat inzwischen weitere Doping-Anklagen gegen ehemalige DDR-Schwimmtrainer und Ärzte erhoben. Ende letzter Woche wurde auch das frühere DDR-Zentrallabor des Sportmedizinischen Instituts in Kreischa untersucht. Mit dem laufenden Prozess habe aber weder diese Massnahme noch die Durchsuchung beim NOK von Deutschland zu tun.

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