Der Berliner Doping-Prozess: 2. Fortsetzung (7.7.98)

Eine Einlassung ist kein Geständnis

Erstmals sagt ein Angeklagter im Berliner Dopingkongress aus

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Als Dieter Binus gegen 14 Uhr 30 das Berliner Kriminalgericht verliess, folgte ihm ein halbes Dutzend Kamerateams und ein Trupp von Journalisten. Das war nicht nötig, denn der im Berliner Dopingprozess angeklagte Sportarzt hatte eine halbe Stunde zuvor im Gerichtssaal zu Protokoll gegeben, was er zu seinen Verwicklungen im DDR-Dopingsystem hatte sagen wollen. In der Person von Binus hatte erstmals einer der sechs Angeklagten sein Schweigen gebrochen. Es war der 21. Verhandlungstag. Ursprünglich war der Prozess auf 14 Verhandlungstage angesetzt gewesen.

Binus' Aussage im rechtlichen Sinne einer "Einlassung" mag den ehemaligen Sportarzt vom SC Dynamo Berlin manche Überwindung gekostet haben. Doch so sensationell die Ankündigung in der vergangenen Woche auch angemutet hatte - das Resultat war es nicht. Es kam nicht das Geständnis, das sich manche erhofft hatten. Binus' Anwälte Walther Venedey und Suzanne Kossack hatten zur Verkürzung des Verfahrens gegen ihren Mandanten dessen Einlassung vorangetrieben. Sie wirkt sich in jedem Fall mildernd auf das Strafmass aus. Das Gericht gestand eine Strafe von nicht mehr als 90 Tagen zu. Binus wäre somit nicht vorbestraft. Wahrscheinlich könnte er auch seine Approbation als Arzt behalten. Zurzeit ist er in einer Gemeinschaftspraxis im Berliner Stadtteil Friedrichshain tätig.

Die Schilderungen des Angeklagten waren nicht eben präzise. Binus, der von 1978 bis 1980 als "Zusatzarzt" Schwimmerinnen der Nationalmannschaft betreut hatte und von 1978 bis 1986 im SC Dynamo Berlin tätig gewesen war, gestand ein, das Dopingmittel Oral Turinabol in den Händen gehabt zu haben. Jedoch habe er das Medikament nicht direkt verabreicht, sondem es in den Originalverpackungen an die Coaches weitergegeben, die es den Schwimmerinnen verabreicht hätten. Dieses sei auf Weisung des leitenden Sektionsarztes Dr. Lothar Kipke geschehen. Die Dosierung habe pro Jahr über einen Zeitraum von drei bis vier Wochen jeweils eine Tablette a 5 bis 10 Milligramm betragen. Über die gesundheitlichen Spätfolgen sei sich der Mediziner nicht im klaren gewesen. Er habe der Fachliteratur lediglich entnommen, dass verstärkter Haarwuchs am Körper sowie eine Stimmvertiefung die Folgen der Einnahme hätten sein können. Er, Binus, sei sich aber sicher gewesen, dass bei der Höhe der Dosierung keine solche Folgen eintreten würden.

Über das männliche Hormon Testosteron, das injiziert wird, habe sich ' Binus mit einigen' Medizinerkollegen ausgetauscht und dessen Gebrauch wegen zu befürchtender Gesundheitsschäden abgelehnt. Auch sagte Binus aus, dass er bereits 1980 wegen sportpolitischer und privater Differenzen um einen Ausschluss vom sportmedizinischen Dienst ersucht habe, ein offizielles Ausscheiden ihm aber nicht ermöglicht worden sei. Nach 1980 habe er sich verstärkt seiner Promotion gewidmet und immer weiniger Sportler betreut. Binus schied am 31. 3. 1986 als Arzt bei Dynamo Berlin aus.

Die ehemalige Schwimmerin Christiane Knakke-Sommer, die im Prozss als Zeugin und Nebenklägerin auftritt, hatte bereits ausgesagt, von Binus Injektionen erhalten zu haben. Jedoch sagte sie unmittelbar nach dem gestrigen Sitzungstag: "Ich kann nicht sagen, ob Binus Testosteron gespritzt hat." Knacke-Sommer vermisste Konkretes in der Einlassung Binus'. "Mir geht es um Strafverfolgung, doch von einem Schuldbekenntnis kann man sicher nicht sprechen."

Zumindest aber belasten die Aussagen die ebenso angeklagten Coaches Dieter Krause, Rolf Gläser, Dieter Lindemann, Volker Frischke sowie den Arzt Bernd Pansold. Auch der Sektionsarzt Lothar Kipke, der bereits als Folge der Anklage geladen war (jedoch nicht aussagte), ist erheblich belastet worden. Mit dem angestrebten Abschluss des Verfahrens gegen Binus vor den Gerichtsferien wird es jedoch nichts werden. Denn sein Verfahren kann zunächst nicht von dem der fünf anderen Angeklagten abgetrennt werden. Hierzu müssen erst die Gutachten des gynäkologischen Sachverständigen, Prof Horst Lübbert, dem Gericht vorliegen, die jener jedoch nicht innerhalb der nächsten zwei Wochen erstellen kann.

Der Prozess wird am nächsten Montag fortgesetzt. Als Zeugen hat die Verteidigung Ralf Driesener geladen, den ehemaligen Ehemann von Christiane Knacke-Sommer. Er soll die Stasi-Mitarbeit von Knacke-Sommer bestätigen. Am Tag darauf beginnen die vierwöchigen Gerichtsferien.

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