Der Berliner Doping-Prozess: 3. Fortsetzung (22.8.98)

Erste Schuldsprüche wegen DDR-Dopings

Vernunftbezogener Pragmatismus im zweiten Berliner Prozess

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Das Berliner Landgericht hat im sogenannten "zweiten" Dopingprozess zwei Ärzte und einen Schwimmtrainer vom ehemaligen DDR-Sportklub TSC Berlin wegen der Dopingvergabe an Minderjährige zu Geldstrafen verurteilt. Der ehemalige Trainer Peter Mattoneit wurde zur Zahlung einer Geldstrafe von 7000 DM wegen Körperverletzung verurteilt. Die Ärztin Dorit Rösler muss 7200 DM zahlen, Ulrich Sünder, ebenfalls Mediziner, mit 27 000 DM die grösste Summe. Gegen die Trainer Berndt Christochowitz und Klaus Klemenz wurde das Verfahren gegen die Zahlung von Geldstrafen (3000 DM und 7500 DM) eingestellt. Die Angeklagten verzichten auf die Möglichkeit der Revision. Gegen Rösler und Sünder erging der Urteilsspruch wegen Beihilfe zur Körperverletzung Sünder zeichnete für die medizinische Betreuung der Leistungssportler im Klub verantwortlich. Der Vorsitzende Jürgen Warnatsch sagte, dass allein schon die Vergabe des Dopingmittels Oral-Turinabol den Tatbestand der Körperverletzung erfülle, falls für die Vergabe keine medizinische Indikation vorliegt. Für die Angeklagten hätten jedoch die umfangreichen Geständnisse und die Entschuldigungen gesprochen. Das sogenannte Ursprungsverfahren gegen Verantwortliche vom SC Dynamo Berlin dauert noch an und wird womöglich erst im Oktober beendet sein. Ein mögliches Urteil gegen Dieter Binus, der die Vergabe von Dopingmitteln zugegeben hatte, stellte der Vorsitzende Hansgeorg Bräutigam für den 24. August in Aussicht.

Zumindest die Pragmatiker unter den Prozessbeobachtern wird das ergangene Urteil der 12. Grossen Strafkammer des Berliner Landgerichtes unter dem Vorsitz des Richters Jürgen Warnatsch zufriedenstellen. Es verurteilt zwei Sportärzte und einen Schwimmtrainer vom TSC Berlin, die sich durch die Vergabe von Dopingmitteln des Straftatbestandes der Körperverletzung an Minderjährigen schuldig gemacht hätten, zu Geldstrafen. Vor Gericht hatten die Beklagten ihr Vergehen bereits eingangs gestanden; sie bedauerten es und entschuldigten sich dafür. Es ist das erste Urteil gegen Dopingtäter, welche sich vom SED-Politbüro dafür schadlos gehalten wähnten, folglich ein Novum deutscher Rechtsprechung. Es ist sinnfällig, über die Höhe des Urteils zu diskutieren, ebenso über die Motivation der Täter, die in ihrem Handeln das Vertrauen von Opfern und deren Eltern hintergangen haben. Die sorgfältige Einbindung der Täter in das totalitäre System, eine Privilegierung in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens und ein bedenklicher vorauseilender Gehorsam hatten das systemimmanente Handeln der Schuldigen sicher beflügelt. Die Höhe der Geldstrafen wird die Verurteilten wohl nicht in ihrer Existenz bedrohen. Insofern haben die Richter, mit Blick auf die Geständnisse, das Strafrecht sorgfältig gehandhabt.

Tatsächlich birgt dieser Prozess, gegenüber dem aus dem sogenannten Ursprungsverfahren gegen Verantwortliche vom SC Dynamo Berlin gewohnten Bild, eine Überraschung. Das Verfahren ging unspektakulär nach zwei Verhandlungstagen zu Ende, während das im März begonnene Ursprungsverfahren, begünstigt durch das beharrliche Schweigen der Angeklagten, noch andauert. Es hätte im Juni beendet sein sollen. Ausserdem fehlte dem Prozess von der ersten Minute an jene gespannte Atmosphäre eines postsozialistischen Klassenkampfes, welcher das sogenannte Ursprungsverfahren zu einem unwürdigen Geschacher um die Aufarbeitung eines sinistren Kapitels deutscher Vergangenheit, verlegt auf das Terrain des Sports, werden liess. Bis auf den Sportarzt Dieter Binus, der die Vergabe von Dopingmitteln eingeräumt hat, haben alle Angeklagten geschwiegen. Die Anwesenheit von Politfunktionären im Ursprungsverfahren (etwa Egon Krenz, letzter DDR-Staatsratsvorsitzender) mag den Systemnostalgikern als wehmütige Reminiszenz an den Sozialismus erschienen sein. Einer juristisch nüchternen Aufarbeitung haben die sinnentleerten Phrasierungen um "Siegerjustiz" und eine "richterliche" Revanche ebenso geschadet wie die polemischen Fingerzeiger in Westdeutschland.

Der tatsächliche Wert dieses Urteils liegt nicht in dem ausgewogenen Strafmass, mit dem die Richter weitgehend den Anträgen der Staatsanwaltschaft folgten, sondern darin, den Straftatbestand der Körperverletzung durch die Vergabe von Dopingmitteln an Minderjährige oder Unwissende richterlich zu bestätigen und zu ahnden. Nun wäre es an der Zeit, jene in die Verantwortung zu nehmen, die für die Ausarbeitung und die Umsetzung des dopingverordneten "Staatsplanthemas 14.25" gesorgt hatten, mithin die intellektuelle Verantwortung dafür tragen.

Während weitere Prozesse bezüglich des DDR-Dopings anstehen und das Ursprungsverfahren seinen Lauf nehmen wird, verdeutlicht das Urteil jedoch noch einen weiteren Aspekt von hoher Signifikanz: Es zeigt in geradezu brutaler Deutlichkeit auf, dass die nicht eben nur von deutschen Sportfunktionären propagierten Selbstreinigungskräfte des Sports punkto Doping sich längst erschöpft haben. Dass am selben Tag die IOK-Exekutive sich in Lausanne in einer Sondersitzung dem Thema widmete, mag da fast als heitere Ironie erscheinen.

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