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«Doping - ein kollektiver Wahnsinn»

NZZ 25.3.00

Gespräch mit Sandro Donati, einem der führenden Anti-Doping-Spezialisten



Im italienischen Sport scheint in jüngster Zeit kein Stein auf dem andern zu bleiben. In fast jeder grösseren Stadt ermitteln die Justizbehörden wegen Abgabe von Dopingmitteln an Sportler. Die Untersuchungsergebnisse der Staatsanwaltschaft von Ferrara werfen ungeheuerliche Schlaglichter auf den gesamten italienischen Sport der vergangenen zwei Jahrzehnte. Den Ermittlungsweg hat Sandro Donati gewiesen, der die Missstände seit zwei Jahrzehnten aufzeichnet und unaufhörlich anprangert. Christoph Fisch hat den 53jährigen in Rom getroffen.


Herr Donati, Sie sind Mitarbeiter des Coni, einer Organisation, die in den vergangenen Jahren zusehends in Verruf kam, heute aber dem Doping den Kampf angesagt hat. Wie erklären Sie sich diesen Wandel?

Der Ruf des Coni wurde durch eine Häufung von Dopingskandalen stark beschädigt. Die Politik, die den Sport jahrzehntelang hatte gewähren lassen, konnte sich plötzlich nicht mehr um die Verantwortung drücken. Sportministerin Giovanna Melandri nahm das Heft vor zwei Jahren in die Hände und erneuerte die Strukturen des Coni.

Sie selbst haben immer wieder auf Missstände hingewiesen. Passiert ist aber jahrelang nichts. War die Reaktion des Sportministeriums nicht überfällig?

Sehen Sie, der Sport generell, nicht nur in Italien, hat seine ethischen Grundwerte längst verloren und ist zu einer reinen Resultat- und Medaillenangelegenheit verkommen. Der Westen hat somit die Ideologie des Ostens im Sport gänzlich übernommen - mit all seinen Nachteilen: Sport zum Propagandazweck, Instrumentalisierung der Athleten. Traurige Beispiele dieses Missbrauchs sind die ehemalige Sowjetunion und, noch viel trauriger, die frühere DDR, deren Staatsdoping heute dank den Aktenfunden in den Stasi-Archiven bekannt und dokumentiert ist.

Der Einfluss, den diese Länder mit ihrer Sportideologie auf den Westen ausübten, darf nicht unterschätzt werden. Und zwar in dreierlei Hinsicht. Fangen wir an bei der Trainingslehre: Diese stützte sich im Osten nur zu einem Teil auf wissenschaftliche Erkenntnisse, der grosse Rest war wiederum Ideologie. Ein Beispiel: Die dortigen Trainer behaupteten, mit verschiedenen Trainingsphasen den einzelnen Athleten auf den genauen Zeitpunkt des Wettkampf hin optimal vorzubereiten. Beeindruckend, aber beunruhigend zugleich. Denn jeder, der mit Menschen arbeitet, weiss, wie schwierig es ist, einen Organismus wie einen Wecker einzustellen. Wer dies so gut beherrscht, dass er das Ganze als Theorie verkauft, hat höchstwahrscheinlich mit pharmazeutischen Mitteln nachgeholfen.

So hat es sich jedenfalls mit dem Blutdoping zugetragen, das in den siebziger Jahren in Finnland entdeckt worden war und später in Italien und den USA - und vielleicht noch anderswo - im Ausdauerbereich flächendeckend angewandt wurde. Diese Art «Vorbereitung» bestand aus nichts anderem als der Zufuhr roter Blutkörperchen unmittelbar vor dem Wettkampf. Die Verantwortlichen aber posaunten nach DDR-Vorbild die Anwendung revolutionärer Trainingsmethoden in die Welt hinaus.

Dem Publikum wurden Lügengeschichten aufgetischt?

Bestimmt. Der perfekte Bluff. Damit aber hatte sich der Westen dem Osten bereits angeglichen. Ohne zu merken, dass hier Trainingslehre und gezielte Manipulierung vermischt wurden. Das war der erste Fehler. Der zweite bestand in der Übernahme des Systems der Talenterfassung. In der Praxis bedeutete diese Aussortierung nichts anderes als eine gesellschaftliche Diskriminierung und eine frühe sportliche Spezialisierung mit einseitig ausgerichtetem Training und der Vernachlässigung einer ganzheitlichen Entwicklung eines jungen Menschen. Kein Wunder also, dass diese Jugendlichen schon früh enorme Fortschritte erzielten und sich als die erhofften Talente erwiesen. Sie waren in erster Linie übertrainierte Spezialisten, deren sportliche Entwicklung auf höchstem Niveau alles andere als wissenschaftlich abgesichert war.

Der dritte Fehler: In vielen Ländern konnte man der Versuchung, nach der Wende an die «Geheimnisse» der Erfolge im Osten heranzukommen, nicht widerstehen. Einschlägig bekannten Trainern aus der Sowjetunion oder der DDR wurde - unter Beihilfe von ein paar Dollarscheinen - das eine oder andere Geheimnis entlockt oder der Betroffene gar angeheuert. Diese drei Fehler, die ich hier nur vereinfacht darstellen kann, waren der Anfang einer neuen Doping-Ära im Sport, denn der Westen war nun endgültig auf die Schiene des Ostens eingebogen. Heute, nur ein paar Jahre später, erhalten wir die Quittung: Dopingskandale noch und noch.

Wann haben Sie den Bluff, wie Sie es nennen, durchschaut?

1981. Nachdem ich als Nationaltrainer der 400-m-Läufer Erfolge erzielt hatte, zum Beispiel Gewinn von Staffel-Bronze an den Olympischen Spielen 1980 in Moskau, wurden mir auch die Mittelstreckenläufer anvertraut. An einer Trainerfortbildung lernte ich einen gewissen Francesco Conconi von der Universität Ferrara kennen. Er gab mir zu verstehen, dass er mit Blutdoping bemerkenswerte Resultate erzielt habe; dass man beispielsweise über 10 000 m 30 bis 40 Sekunden schneller laufen könne dank Bluttransfusion, über 1500 m noch immer 3 bis 5 Sekunden. Ich war mir der Dimension seiner Ausführung sofort bewusst: eine Methode von ungeheurem Potential . . .

. . . und erst noch legal!

Damals ja. Aber darin zeigt sich die Heuchelei in der Welt des Sports. Gemäss der Definition von Doping durch das IOK konnte es sich bei der exogenen Zufuhr einer unnatürlich hohen Konzentration roter Blutkörperchen doch nur um Doping handeln. Als solches wurde es dann ja auch erkannt und deklariert - Jahre später. Doch damit nicht genug. Conconi sprach auch von seinen guten Erfahrungen mit Testosteron. Mir wurde schnell klar, dass Conconi mich für ein Dopingprogramm gewinnen wollte. Ich schlug das Angebot sofort aus. Es war der Auftakt eines langen Kampfes, u. a. gegen meinen eigenen Arbeitgeber. Denn meine mir anvertrauten Athleten machten zwar Fortschritte, aber nicht in dem Masse, wie sich das die Verbandsführer vorgestellt hatten. Sie forderten mich unverblümt auf, Blutdoping anzuwenden.

Wer forderte Sie auf?

Der Technische Direktor Enzo Rossi wie auch der damalige Präsident des italienischen Leichtathletikverbandes, Primo Nebiolo. Letzterer erfuhr von Conconi persönlich, wer an seinem Programm teilnahm und wer nicht. Weil ich es trotz wiederholten Aufforderungen nicht tat, wurde auch Druck ausgeübt, mit Entlassung gedroht. So dauerte das drei Jahre.

Und die Athleten?

Sie hatten Vertrauen in mich und mein Training. Ich fragte sie, ob sie auf Conconis Vorschläge eintreten wollten. Alle haben abgewinkt.

Der Machtmensch Nebiolo liess sich Ihre Extratour gefallen?

Unmittelbar vor den Olympischen Spielen von 1984 in Los Angeles setzte der Verband jeden meiner sieben Läufer unter Druck, forderte jeden einzelnen auf, endlich auf Conconis Linie einzuschwenken. Alle lehnten wiederum ab. Da habe ich eines begriffen: Es gibt nicht a priori ehrliche und unehrliche Sportler. Aber ehrliche und unehrliche Trainer, ehrliche und unehrliche Verbandsführer, ehrliche und unehrliche Ärzte, die die Athleten in die eine oder andere Richtung steuern. Nach den Spielen wurde mir die Zuständigkeit für die Mittelstrecken entzogen, ich übernahm darauf wieder die Sprinter . . .

. . . die, wie sich spätestens 1988 in Seoul herausstellen sollte, nicht alle «sauber» sind.

Ja, aber in Italien wurde der Sprint damals mit Pietro Mennea, dem Weltrekordhalter und Olympiasieger von 1980 über 200 m, gleichgesetzt. Und Mennea, dafür lege ich meine Hand ins Feuer, war Weltklasse ohne Doping, und damit der Sprint generell dopingfrei damals in Italien.

Das Thema Doping liess Sie nicht mehr los.

Die drei Jahre Ungewissheit und persönliche Anfeindung hatten Spuren hinterlassen, die sich nicht so schnell verwischen liessen. Eines Morgens entschied ich mich, die Politik mit dem Thema Bluttransfusion zu konfrontieren. Einen Monat später wurde in Italien die Bluttransfusion im Sport verboten. Das war 1985. Einige Wochen später zog das IOK nach und setzte die Methode auf die Dopingliste. Doch die Reihenfolge der Ereignisse zeigt deutlich: Der Sport wusste sich nicht selbst zu helfen und hinkte den offenkundigen Gegebenheiten hinterher.

Damit war das Kapitel Blutdoping zu Ende. Aber Conconis Stern leuchtete so hell wie zuvor.

Und zwar noch während vieler Jahre. Dabei habe ich Conconis Rolle schon 1989 durchleuchtet und in meinem Buch «Campioni senza valori» nachgezeichnet. Aber ich kam mir vor wie ein Rufer in der Wüste. Noch schlimmer: Als das Buch nach wohlwollender Besprechung durch einige namhafte Journalisten in den Buchhandlungen hätte aufliegen sollen, hiess es plötzlich, es gebe Lieferschwierigkeiten. Das Buch wurde nie ausgeliefert. Jahre später habe ich herausgefunden, dass der Verlag bestochen worden war. Das ganze System der sogenannten Sportförderung in Italien und die führende Rolle Conconis waren Gegenstand dieses Buches.

Der Tifoso steht im Ruf, den Erfolg über alles zu stellen. Die Wahrheit interessiert ihn vielleicht nur am Rande.

Will das Schweizer Publikum die Wahrheit über seine sogenannten Sporthelden erfahren? Glauben Sie mir, die Heuchelei ist überall dieselbe. Sobald eigene Vorzeige-Athleten betroffen sind, reagiert das Publikum äusserst gereizt auf Dopinganschuldigungen. Das war der Fall in Dänemark mit Riis, in Deutschland mit Ullrich und in Frankreich mit Virenque. Die Öffentlichkeit hat sich ihren Glauben an die Aufrichtigkeit ihrer Stars nicht nehmen lassen. Ich nehme an, in der Schweiz verhält es sich genauso, seitdem Radfahrer im Zusammenhang mit Conconi genannt werden. Oder täusche ich mich?

Nein. Zülle jedenfalls erlebte nach seinem Geständnis an der Tour de France 1998 eine Welle der Sympathie von seiten der Fans. Wie sehen Sie es: Kann man im professionellen Radsport «sauber» überhaupt Rennen gewinnen?

Nein. In den letzten Jahren war zum Siegen nicht einfach Doping notwendig, sondern ein regelrechtes Dopingprogramm. Die Untersuchungen in Frankreich und vor allem in Italien erhärten den Verdacht, dass Radfahrer eine ganze Palette unerlaubter Mittel zu sich nehmen: EPO, Steroide, Testosteron, Wachstumshormone - der Radprofi ist ein regelrechtes Dopinglabor.

Mit seinen aussergewöhnlichen Leistungen erobert er die Herzen der Zuschauer. Diese Leistungen sind wirklich aussergewöhnlich, und sie werden oft unter grossen Risiken erbracht. Was die Zuschauer nicht begreifen - und diesbezüglich unterscheiden sie sich nicht von den Radfahrern -, ist die Rolle des Spitzensportlers in unserer Gesellschaft: Er hatte eine Verantwortung inne, die der Vorbildwirkung auf die Jugend. Doch was tut der Spitzensportler? Er leistet sich kraft seines Einkommens erstklassige Betreuung, lässt den Einsatz von Doping überwachen und optimieren. Die Gesundheitsrisiken kann er durch alle möglichen Analysen etwas reduzieren, einer gewissen Kontrolle unterwerfen. Aber was machen die Amateure, die Junioren, die Hobbyfahrer, die diese ärztliche Betreuung nicht haben? Sie schnappen vom Hörensagen auf, was ihr Vorbild so alles nimmt, decken sich auf dem Schwarzmarkt für viel Geld ein und dopen fröhlich drauflos. Ein gefährliches Spiel . . .

. . . aber systembedingt, sagen die Betroffenen.

Natürlich ist der Radprofessional zugleich auch Opfer, denn die Anforderungen hat nicht er aufgestellt. Den Entscheid, seine Ziele unter Beihilfe von Doping zu erzielen, hat er jedoch selbst gefällt. Sein Umfeld mag ihm eingeredet haben, dass anders Topleistungen gar nicht zu erzielen seien. Leistungen notabene, die man besser Wunder nennen sollte. Ein Beispiel: Wie ist es möglich, den Stundenweltrekord Eddy Merckx' um rund 7 km/h zu verbessern? Merckx war ja nicht irgendwer. Er war ein Phänomen, zwar einmal positiv getestet, aber seinen Gegnern weit überlegen. Dieses Phänomen stellte also einen Weltrekord auf: 49,432 km in einer Stunde. Und heute? Der Rekord liegt bei 56,375 km oder  gut 7 km mehr. Der Luftwiderstand bei 57 km/h ist aber um ein Vielfaches höher als bei 49 km/h. Und der Rekord bei den Frauen? 48,159 km. Fast so gut wie derjenige des Phänomens Merckx.

Verbesserungen, wie sie mittels besseren Materials und aerodynamischerer Sitzposition nicht zu erreichen sind?

Sie wollen mich zum Lachen bringen! Francesco Moser, der als erster Merckx' Rekord verbesserte, tat dies auf ganz andere Weise. In der Höhe von Mexico City hatte er mit weniger Luftwiderstand zu kämpfen - allerdings unter Inkaufnahme eines geringeren Sauerstoffgehaltes in der Luft. Vor- und Nachteile eines Rekordversuchs in Mexico City würden sich also etwa die Waage halten. Warum ging Moser dennoch nach Mexiko? Weil er in der Lage war, nur vom Vorteil des geringeren Luftwiderstandes zu profitieren, den Nachteil des reduzierten Sauerstoffgehaltes machte er mit Blutdoping wett, wie er Jahre später eingestand. Die Geschichte des Stundenweltrekords ist also auch eine Geschichte des Dopings. Diejenigen Fahrer, die den Rekord bis heute weiter verbesserten, können erzählen, was sie wollen.

Der Schweizer Rominger sprach immer von der Zusammenarbeit mit seinem Trainer Ferrari.

Und wie erklärt Rominger seine Blutwerte, die gemäss den von der Staatsanwaltschaft Bologna beschlagnahmten Unterlagen Hämatokrit- Schwankungen von 10 bis 15 Prozent unterlagen? Etwa mit dem Gang nach Lourdes?

Rominger beteuert, von Ferrari nur Trainingsprogramme erhalten zu haben.

Dabei ist Ferrari gar kein Trainingsexperte, sondern Arzt. Als solcher hat er Hunderte von Sportlern empfangen und ihnen minutenschnell irgendwas verordnet, aber bestimmt keine Trainingsweisheiten erzählt. Denn diese erlangt man nur in jahrelanger Feldarbeit mit vielen Athleten und vielen Tausenden auszuwertender Daten. Ferrari ist ein Schlaumeier, kein Trainer. Glauben Sie, dass Hunderte von Athleten aus der ganzen Welt nach Ferrara gefahren sind, weil Ferrari ein Trainingsfachmann war? Weil Conconi ein Trainingsfachmann war? Wollen uns diese Sportler weismachen, dass es sich hier um eine neue Kategorie von Wunder handelt? Ähnlich wie der Gebrechliche, der in Lourdes auf Genesung hofft, pilgert der Athlet nach Ferrara, wo sein Hämatokrit, o Wunder, von unter 40 dank ein paar Trainingseinheiten auf über 55, ja 60 Prozent steigt.  Dann dominiert er Giro oder Tour, und bei nächstbester Gelegenheit fährt er dem Feld wieder hinterher. So als ob das Wunder mal ein-, dann wieder aussetzt.

Das Coni deckte das ganze Treiben in Ferrara . . .

. . . und die ganze internationale, nicht nur italienische Radsportelite profitierte davon: Indurain, Rominger, Riis, Sörensen, Roche, sie alle gingen ebenso nach Ferrara wie ihre italienischen Konkurrenten. Das war spätestens 1993 ein offenes Geheimnis. Bei persönlichen Recherchen innerhalb des professionellen Radsportmilieus wurde mir von vielen Seiten, von Verbandsärzten und technischen Direktoren, bestätigt, dass EPO flächendeckend eingesetzt wird und Ferrara der eigentliche Umschlagplatz dieses Medikamentes ist. Einen 13seitigen Bericht dieser Nachforschungen habe ich übrigens dem damaligen Coni-Präsidenten Mario Pescante zukommen lassen.

Und was ist geschehen?

Der Bericht verschwand in einer Schublade. Drei Jahre später, im Dezember 1996, tauchte er plötzlich auf der Redaktion der französischen Sportzeitung «L'Equipe» auf und wurde von dieser unter grosser Aufmachung publiziert.

Und wiederum ist nichts geschehen?

Auf seiten der Verbände und Behörden nicht. Und zwar in keinem der Länder, aus denen die Ferrara-Klientele stammte. Ich dagegen wurde von den im Bericht genannten Fahrern und Betreuern mit Drohungen eingedeckt. Von den rund 50 angedrohten Klagen wurde jedoch keine einzige eingereicht. Gegen was hätten sie auch klagen sollen? Dass mein Dossier die tatsächlichen Gegebenheiten wiedergab, beweisen ja die Ergebnisse der momentan laufenden Untersuchungen verschiedener Staatsanwaltschaften. Eines hat der Bericht, wenn auch mit dreijähriger Verspätung, dennoch bewirkt: Das Interesse der Medien an den grassierenden Dopingmissständen wurde geweckt. Wenn ich mich recht erinnere, gehörten die Schweizer Medien bisher nicht dazu.

Lassen Sie uns Versäumtes nachholen!

Eine marginale Rolle spielte die Schweiz im ganzen Dopingschlamassel nicht, wo es ein leichtes war, an Dopingmittel heranzukommen. Gewisse Apotheker und Ärzte haben so eine Zeitlang mitkassiert. Der Problematik des Betrugs und der Gesundheitsgefährdung standen sie gleichgültig gegenüber, das Geschäft ging ihnen über alles. Aber auch Apotheken ausserhalb der Schweiz waren einschlägig bekannt, zum Beispiel in San Marino oder im Vatikan.

Auch wenn es sich um ein international verflochtenes Problem handelt, so ist es doch interessant, zu verfolgen, welche Anstrengungen in Italien unternommen werden und ob diese die herrschenden Missstände effizient bekämpfen können.

Wissen Sie auch, warum Italien mittlerweile auf diesem Gebiet führend ist? Weil ich Jahre und Jahre meines Lebens in diesen Kampf investiert habe. Unfreiwillig, wie ich betonen möchte, denn eigentlich war ich mit Leib und Seele Trainer gewesen. Doch an dem Tag, an dem ich begriff, dass ehrliches Training immer mehr an Bedeutung verliert und dass der Sport als Ganzes gefährdet ist, habe ich Gegensteuer geben wollen. Nichts einfacher als das, dachte ich damals, ein, zwei Gespräche mit Trainerkollegen, und die Opposition gegen Doping steht. Nun, ich habe mich getäuscht, viele meiner Kollegen waren blind vor Ehrgeiz oder hatten Angst um ihre Stelle. Aus dem Aufbäumen wurde so ein einsamer Kampf gegen den kollektiven Wahnsinn Doping, der die Ideale eines wunderschönes Phänomens wie des Sports verrät und auf ein gefährliches Spiel mit Arzneien reduziert.

Was haben Sie erreicht mit Ihrem einsamen Kampf?

Zuerst einmal, dass mein Kampf nicht mehr ein ganz so einsamer ist. Kaum war mein Dossier 1996 veröffentlicht worden, führte die UCI als erster Sportverband Blutkontrollen ein. Das Coni zog nach und verfeinerte die Kontrollen. Heute sind sie viel aussagekräftiger als diejenige der UCI . . .

. . . die im Radsport weiterhin alleine massgebend sind . . .

. . . natürlich, denn die UCI will ja nicht, dass es für die auf zwei Rädern vollbrachten Wunder plötzlich eine ganz profane Erklärung gibt. Der Hämatokrit-Grenzwert von 50% wurde also mit den Fahrern vereinbart, im Wissen, dass alle sich damit arrangieren können und Pannen nur selten vorkommen. Das ist heuchlerisch, absurd, unverantwortlich. Aber wer weiss, dass Francesco Conconi noch immer die medizinische Kommission der UCI präsidiert und Mitglied des IOK ist, kann sich nicht wundern.

Das Coni aber hat mit Conconi gebrochen.

Ja, aber erst 1997. Wenn Italien also daran ist, seine Hausaufgaben endlich zu machen, ist das vielleicht auch ein bisschen mein Verdienst. Wichtiger ist aber, dass nun viele am gleichen Strick ziehen, dass der Konsens in der Dopingbekämpfung breit und demokratisch abgestützt ist. Denn die Ermittlungen der 16 italienischen Staatsanwaltschaften deuten darauf hin, dass Doping kein nationales, sondern ein globales Phänomen ist: der Handel mit Doping, der zunehmend grösser werdende Schwarzmarkt mit immer mehr Medikamenten unbekannter Herkunft - um diese teilweise kriminellen Strukturen zu zerschlagen, braucht es internationale Kooperation auf polizeilicher, sportpolitischer und Regierungsebene. Auch die Pharmahersteller sollten sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Bis heute kalkulieren sie doch in ihren Produktionsmengen eine Marge ein, die über den Bedarf der Kranken hinausgeht, auf dem Schwarzmarkt und dann beim Sportler landet. Oder wo glauben Sie, sind die 4,6 Millionen Ampullen EPO hingekommen, die letztes Jahr auf Zypern gestohlen worden sind?

Wie kann sich die internationale Gemeinschaft einigen, wenn sich in dieser Frage nicht einmal der Sport weiterzuhelfen weiss?

Der Sport ist der letzte Ort, wo eine solche Einigung zustande kommen könnte. Alle Verbände scheuen Veränderungen. Sie begeben sich zwangsläufig in den Teufelskreis der Dopingabhängigkeit, weil sie ihr wirtschaftliche Interessen über sportliche stellen und ein Spektakel statt ein Produkt verkaufen wollen. Damit aber werden sie zum gesellschaftlichen Risiko. Ein Beispiel: In Mailand haben kürzlich Carabinieri 35 kg Testosteron beschlagnahmt, eine Menge, die ausreicht, Tausende von Athleten trotz fehlender medizinischer Indikation und mit der Gefahr übermässiger Dosierung zu «versorgen».

Glauben Sie, dass die Wada, die internationale Anti-Doping-Agentur, den Weg weisen wird?

Vielleicht, aber erst muss sie sich vom IOK lösen, denn da sitzen Experten der Irrtümer, Experten der Verantwortungslosigkeit. Ein Beispiel für die Verantwortungslosigkeit des IOK: Kurz nach den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles gab einer der amerikanischen Teamärzte, Professor Kerr, zu, dass mehr als die Hälfte aller US-Teilnehmer Wachstumshormone verwendet habe. Das war vor 16 Jahren. Was hat das IOK in diesen 16 Jahren gemacht? Es hat die Suche nach einem - zugegebenermassen schwierigen - Nachweisverfahren in keiner Weise gefördert. Ähnlich sieht das Szenario mit EPO aus: Seit 1988 wissen Insider vom EPO-Gebrauch, das IOK aber hat bis 1994 gewartet, um eine Studie in Auftrag zu geben. Dass der Auftrag an Conconi ging, der nun von der Justiz verdächtigt wird, unter dem Deckmantel des IOK-Mandats flächendeckend EPO verabreicht zu haben, ist nur ein weiterer Beweis dieser eklatanten Verantwortungslosigkeit.

Im Radsport glaubte man, in EPO ein Wundermittel gefunden zu haben, das erstens nicht nachweisbar ist und zweitens die Gier des Publikums nach immer schnelleren Rennen befriedigt.

Nur sind schnellere Rennen im Radsport viel langweiliger. Nehmen wir ein Fahrerfeld, das mit Tempo 50 fährt. Eine Flucht ist damit von vornherein ausgeschlossen, denn ein Radfahrer braucht eine Unmenge mehr Kraft, wenn er noch schneller fahren will. Der Luftwiderstand nimmt allein schon aus physikalischen Gründen um ein Vielfaches zu. Also suchen die Organisatoren das Heil in immer mehr Steigungen, um die Fahrer müde zu kriegen. Und die Fahrer wiederum tun alles, um nicht müde zu werden. Auch hier: ein Teufelskreis.

Im Fussball darf sich angesichts des anspruchsvollen Programms ebenfalls niemand mehr erlauben, müde zu werden.

Fussball lässt sich nicht mit Radsport vergleichen. Zwar bin ich überzeugt, dass im Fussball der Gebrauch von schmerzstillenden und entzündungshemmenden Pharmaka exzessiv ist. Doch im Fussball gibt es gemäss meinen Erkenntnissen momentan keinen derart massiven Dopingmissbrauch, Einzelfälle ausgenommen, wie in reinen Ausdauer- und Kraftsportarten.

Die Argumentation, wonach der Radsport seit dem Tour-Skandal 1998 für alle Sünden im Sport allein büssen muss, ist also nicht zulässig?

Auf keinen Fall. Der Radsport steht auf Grund des grossen Interesses der Öffentlichkeit und der Hunderten von Stunden an TV-Live-Übertragungen im Scheinwerferlicht wie keine andere Ausdauersportart. Diese privilegierte Stellung wurde von einem Grossteil der Fahrer schamlos ausgenutzt.

Im Alter von 53 bleibt Ihnen noch viel Zeit, um den Kampf gegen Doping fortzuführen.

Ehrlich gesagt möchte ich so bald wie möglich damit aufhören. Ich habe diese Aufgabe nicht gesucht, sie ist lästig, schmerzhaft, unbeliebt. Natürlich gab es in letzter Zeit auch Momente der Genugtuung in Form von Auszeichnungen. Auch habe ich viele Personen kennengelernt, die sich des Problems zunehmend bewusst werden und etwas dagegen unternehmen. Das alles stellt eine Befriedigung dar. Aber kann diese den Hass, den viele Trainer und Sportler mir gegenüber bis heute verspüren, aufwiegen?



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