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Ohne Bluttests sind auf Jahre hinaus keine Lösungen in Sicht

Der Schweizer Doping Spezialist Martial Saugy zu den aktuellsten Forschungstendenzen

Neue Zürcher Zeitung, 6.2.1999

Die Doping-Weltkonferenz des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) ist am Donnerstag mit der Verabschiedung der Lausanner Deklaration zu Ende gegangen. Die Sportfunktionäre jubelten, die politischen Instanzen meldeten ihre Bedenken an. Der Leiter des Swiss Laboratory for Analysis of Doping, Martial Saugy, äussert sich zum Verdikt von Lausanne, zu ethischen und medizinischen Fragen, zu Ängsten und Hoffnungen. Die Fragen stellte Jan Mühlethaler.
Zur Person von Martial Saugy

zz. Der Schweizer Martial Saugy ist wissenschaftlicher Direktor am Institut universitaire de médecine légale (IUML) und leitet dort das unabhängige Swiss Laboratory for Analysis of Doping (LAD). Das in Lausanne domizilierte LAD arbeitet eng mit dem Schweizerischen Olympischen Verband (SOV) zusammen und ist eines von wenigen vom Intemationalen Olympischen Komitee akkreditieren Dopinglabors. Das LAD hat unter anderem auch ein Mandat des Internationalen Radsportverbandes (UCI), für den es weltweit Dopingkontrollen durchführt.


Sie haben die vergangenen Tage in Lausanne interessiert mitverfolgt. Bringt uns die nun verabschiedete Deklaration im Kampf gegen Doping einen Schritt weiter?

Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass ich nichts Spektakuläres von der Doping-Weltkonferenz erwartet habe. Speziell auch deshalb, weil das IOK zurzeit noch viele andere Probleme hat und dies vielleicht nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt war, um sich auch noch mit grundsätzlichen Fragen wie Doping auseinanderzusetzen. Was mir dennoch positiv aufgefallen ist, ist der Umstand, dass nach den Vorkommnissen in der Tour de France schnell gehandelt wurde. Die Politik hat den Druck erhöht, das IOK wurde weiter geschwächt aber das Dopingproblem ist noch da.

Vielleicht können Sie noch etwas konkreter werden. Sie verfolgen die Antidoping-Diskussion seit vielen Jahren und gehören zu den ausgewiesensten Forschern in Sachen Doping. Glauben Sie, dass die Schaffung der in Lausanne beschlossenen Antidoping-Agentur als Erfolg zu bezeichnen ist?

Diesbezüglich bin ich gar nicht so skeptisch wie vielleicht andere Leute. Die Effektivität einer solchen Agentur hängt natürlich davon ab, ob sie, wie verlangt, vollständige Unabhängigkeit von allen Interessenvertretern geniesst. Die übrigen Resultate der Weltkonferenz sind sicher nicht umwerfend; besagter Antidoping-Agentur gebe ich aber eine reelle Chance, sofern in drei Monaten die richtigen Leute darin Einsitz nehmen.

Die Probleme sind doch die gleichen geblieben. Als Mediziner, der sich täglich mit Dopingsubstanzen auseinandersetzt, hinken Sie der Entwicklung nach wie vor einen Schritt hinterher. Aber vielleicht ändert sich diesbezüglich etwas, wenn wir wissen, dass der Forschung nun mehr Geld zur Verfügung gestellt werden soll, um beispielsweise den überzeugenden und wissenschaftlich haltbaren Nachweis von EPO zu erbringen?

Sicher hängt die Effektivität der Antidoping-Forschung stark vom zur Verfügung stehenden Geld ab, aber letztlich ist die ganze Problematik zuerst einmal eine Frage des Willens, wirklich etwas zu erreichen. Ist die Gesellschaft heutzutage überhaupt bereit, wirklich alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um gegen das Dopingübel anzukämpfen? Und wenn wir Hoffnung haben wollen, zumindest einen Schritt voranzukommen, dann müssen wir uns vom Urin abwenden und uns stattdessen vollständig auf Bluttests konzentrieren. Die medizinische Forschung hat einen riesigen Erfahrungsschatz in Sachen Blutanalysen, und die müssen wir nutzen, wenn wir gegenüber Betrügern den Hauch einer Chance haben wollen. Noch hindert uns daran aber der Umstand, dass Bluttests in Zusammenhang mit Doping als verbotener und ethisch umstrittener Eingriff in die Persönlichkeitsrechte gewertet werden.

Das ist richtig, aber damit betrügen wir uns nur selber. Schliesslich haben wir im Sport auch andere Regeln aufgestellt, und als eine solche müsste eben auch die Bluttest-Regel angesehen werden. Natürlich wären gewisse ethische Richtlinien einzuhalten, und bestimmte Grenzen sollten nach wie vor nicht überschritten werden. Diese Richtlinien sind aber in der medizinischen Welt gut verankert. Und diese Frage bezüglich Verletzung der Persönlichkeitsrechte ist vermutlich nicht mehr zeitgemäss, denn schliesslich verdienen einige Spitzensportler viel Geld mit ihrer Tätigkeit. Und auch in anderen Berufsfeldern etwa im Fall von Piloten, werden Bluttests angeordnet, um den Cholesteringehalt zu bestimmen.

Bluttests also als Lösung des Problems?

Ja, ja - (überlegt). Schauen Sie, ich habe noch keine Lösung des Problems. Aber eines kann ich dennoch mit Sicherheit sagen: Wenn wir weiter lediglich auf der Basis von Urin arbeiten, ist auf viele Jahre hinaus keine Lösung in Sicht.

Keine griffige Definition von Doping

Was in den letzten Tagen doch deutlich zu kurz gekommen ist, ist die Frage nach einer brauchbaren und verbindlichen Doping-Defnition. Warum beispielsweise ist EPO verboten, Kreatin aber erlaubt, um nur ein Beispiel zu nennen. Sind Sie diesbezüglich schlauer geworden?

Nein. Ihre Frage ist denn auch durchaus berechtigt. Ich weiss aber nicht, ob eine solche Konferenz der richtige Ort ist, um eine klare Definition des Begriffs Doping zu erarbeiten. Diesbezüglich sind zu viele verschiedene Meinungen geäussert worden. Doch ich glaube, dass besagte Antidoping-Agentur in der Lage sein sollte, eine solche Definition zu liefern; vielleicht bin ich aber auch zu optimistisch. Ich stimme mit Ihnen jedoch überein, dass eine klare Definition ein äusserst schwieriges Unterfangen ist. Und was Kreatin angeht, bin ich der Meinung, dass diese Substanz als Doping einzustufen ist, egal welche Definition angewandt wird. Mit der Abgabe von Kreatin wird kommuniziert, dass es möglich ist, Substanzen einzunehmen, die zu einer Leistungssteigerung führen können, die aber nicht auf der Dopingliste stehen.

Und doch hat das IOK an einer Exekutivsitzung im Januar entschieden, Kreatin nicht zu verbieten.

Das ist richtig. Es war allerdings ein falsches Signal. Aber vielleicht hat das IOK zurzeit auch nicht die richtige Struktur an Leuten beisammen, die entscheiden müssen, was Doping ist.

In welche Richtung müssen wir uns die Entwicklung von Dopingsubstanzen vorstellen? Zurzeit spricht alles von EPO, was folgt morgen?

Mit EPO ist die Richtung in etwa vorgegeben. Das Problem an EPO ist lediglich, dass es noch viel zu teuer ist. Das heisst, dass die Pharmazeuten Produkte entwickeln werden, die zwar deutlich billiger sind als EPO, aber ungefähr die gleiche Wirkung haben. Es geht darum, Substanzen zu entwickeln, die die Rezeptoren im Körper dazu bringen, den Wirkstoff letztlich selber zu erzeugen. So wie dies etwa bei EPO der Fall ist, das den Körper dazu bringt, rote Blutkörperchen zu produzieren. Es geht eindeutig in Richtung hormonähnliche Präparate. Und deshalb hat es auch einen Sinn, wenn wir in der Antidoping-Forschung dafür plädieren, junge Athleten mit einem Pass auszustatten, der Auskunft über deren Hormon-Profil gibt. Anhand eines solchen liesse sich ablesen, wenn es im Laufe weniger Monate zu einer Veränderung gekommen sein sollte.

Auf Grund der Einschätzung der Doping-Weltkonferenz ist Doping vor allem ein ethisches Problem und weniger ein medizinisches. Teilen Sie diese Meinung?

Für mich birgt Doping sowohl medizinische als auch ethische Fragen in sich. Auch wenn dies in Lausanne anders eingeschätzt wurde, muss die medizinische Frage allein deshalb gestellt werden, weil ja heute noch niemand genau weiss, welche Langzeitschäden zu erwarten sind.

Kommt man sich als Mediziner im Kampf gegen Doping nicht manchmal auf verlorenem Posten vor? Da überführen Sie jemanden des Dopings, und nur wenige Monate später wird eben dieser Athlet von seinem Verband reingewaschen weil er sich offenbar gut genug erklären konnte.

Ja. Doch auch diesbezüglich setzte ich grosse Hoffnungen in die Antidoping-Agentur. Diese müsste dann beim betreffenden Verband intervenieren, wenn einem ein Freispruch eines Athleten suspekt vorkommt.

Dopingfreigabe als praktikabler Weg?

Noch eine ganz andere Frage. Was halten Sie davon, wenn Doping einfach freigegeben würde und man sich dann nach drei, vier Jahren ein Bild des Ausmasses machen würde?

Ich bin gegen eine solche Freigabe. Ich glaube nicht, dass unsere Gesellschaft dies akzeptieren sollte. Doch dies ist letztlich eine Glaubensfrage. Schauen Sie, wenn beispielsweise mein Chef mir raten würde, Amphetamine einzunehmen, um auch um zehn Uhr abends noch leistungsfähig zu sein, dann wäre dies für mich ein Kündigungsgrund. Ich weiss allzu genau, dass es Athleten gibt, die einer Goldmedaille wegen zu verbotenen Substanzen greifen, aber dies legitimiert die Gesellschaft noch lange nicht, den freien- Doping-Verkehr zu proklamieren.

Glauben Sie, dass ein Sportler überhaupt noch Olympiasieger werden kann, ohne gedopt zu sein?

(Überlegt) Dies ist wiederum eine Frage der Definition von Doping. Doch ob dies wirklich ohne die Einnahme irgendwelcher Substanzen vorstellbar wäre? Ich wünschte es mir. Oder anders ausgedrückt: Es gibt Sportarten, in denen ich mir dies vorstellen kann. Doch in Sportarten, die auf nichts anderes als auf die körperliche Leistungsfähig keit ausgerichtet sind, bin ich skeptisch. Der Kampf geht eben weiter.



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