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Die Sportler werden zu "Laborratten"



Der Zürcher Sportarzt Walter O. Frey erklärt, warum Sportler zu Doping greifen, welche Risiken sie dabei eingehen und was es braucht, um dem Missbrauch vorzubeugen.

Mit Walter O. Frey sprachen Jürg Casanova, Dominique Eigenmann und Sabine Klapper vom Tages-Anzeiger

Das Sportjahr 1998 wurde stark vom Thema Doping geprägt: von der Schwimm- WM über die Tour de France bis zum italienischen Fussball. Wie haben Sie persönlich dieses Dopingjahr erlebt?

Überrascht war ich eigentlich nicht, das Thema ist ja nicht neu. Neu war im Laufe dieses Jahres die Thematisierung des Problems in breiten Kreisen der Bevölkerung.

Hat sich seither in Ihrer Arbeit konkret etwas verändert?

Meine Einstellung ist immer noch dieselbe. Ich habe nie Athleten gedopt und werde es auch nie tun. Aber die Athleten sind im vergangenen Jahr natürlich sensibilisiert worden. Wir haben häufiger über Doping diskutiert. Der Athlet ist skeptischer gegenüber seinem Umfeld und seinen Gegnern geworden und hat sich vermehrt die Frage gestellt: Ist dieser oder jener Konkurrent nun vorne, weil er gespritzt hat oder nicht? Die echten Probleme, mit denen wir konfrontiert wurden, waren jedoch dieselben wie früher.

Glauben Sie, dass die Dopingskandale dem Image des Sports geschadet haben?

Grundsätzlich finde ich es gut, wenn diese Dinge ans Tageslicht kommen. Solche Vorfälle erleichtern die Aufklärungsarbeit für jene Leute, die sich mit der Bekämpfung des Dopings beschäftigen. Die illegalen Praktiken zu verheimlichen, einen Deckel darüberzuhalten bringt nichts, denn eines Tages geht er doch hoch.

Wie verbreitet ist Doping im Hochleistungssport heute?

Es gibt keine Sportart, bei der man von vornherein sagen kann, hier wird nicht gedopt. Ob es sich dabei um Einzelfälle handelt oder ob flächendeckend gespritzt wird, ist ein anderes Thema. Besonders gefährdet sind grundsätzlich jene Sportarten, bei denen die physische Verfassung entscheidend ist und die Technik eher zweitrangig, und natürlich diejenigen Sportarten, bei denen viel Geld auf dem Spiel steht.

Können Sie Beispiele anführen, bei denen man aufgrund dieser Kriterien annehmen muss, dass Doping sehr verbreitet ist?

Dass dies im Radsport der Fall ist, hat man in diesem Sommer gesehen. Überall, wo die Fahnder zugegriffen haben, wurden sie fündig. Zum gefährdeten Kreis gehören generell die Kraft/Ausdauer-Sportarten wie Schwimmen, Leichtathletik, Langlaufen und Rudern. In den beiden letztgenannten Sportarten sind bislang noch nicht so viele Fälle aufgedeckt worden. Das bedeutet, dass entweder die Dunkelziffer sehr gross ist oder aber dass die Sportart doch noch nicht so verseucht ist, wie Experten vermuten.

Kann man in den erwähnten Sportarten Olympiasieger werden oder in den Final vorstossen, ohne gedopt zu haben?

Ich bin der Auffassung, dass es auch ohne Doping noch immer möglich ist, sehr weit nach vorne zu kommen. Der Sieg hängt ohnehin von vielen zusätzlichen Faktoren ab. Den Final im Rudern zu erreichen oder unter die Top ten zu laufen, das sollte eigentlich möglich sein. Diese These wird durch die Leistungen der Schweizer Langläuferinnen in Nagano gestützt, durch Brigitte Albrecht etwa oder den vierten Platz der Staffel - mit sauberen Athletinnen.

Von den eigenen Leuten sagen die Trainer immer, sie seien sauber - bis der Beweis für das Gegenteil vorliegt.

Ich will nicht blauäugig sein. Aber sowohl mein Kollege Beat Villiger, der Schweizer Langlauf-Teamarzt, wie auch ich, der sich um die Männer kümmert, wir beide distanzieren uns von Dopingpraktiken. Wir haben schon ausländische Läufer, die von uns betreut werden wollten, aufgefordert, sich schriftlich von gewissen Ärzten zu distanzieren. Wir wollen ein absolut sauberes Umfeld. Wir machen alle zwei Monate eine Blutkontrolle, so dass sich Unregelmässigkeiten feststellen liessen.

Können Sie dank dieser Methode ausschliessen, dass sich Athleten vielleicht anderweitig Dopingmittel besorgen?

Primär liegt meine Strategie darin, den Athleten klarzumachen, dass ich nicht dope. Im Gegenzug sichere ich ihnen zu, dass ich in der erlaubten Bandbreite die allerbeste medizinische Betreuung garantiere, unter Ausreizung aller möglichen Grenzbereiche, wobei ich zum Beispiel an die Ernährung denke. Der Athlet hat so die Gewissheit, sich in einem optimalen Umfeld zu befinden. Ich denke, das ist die wirkungsvollste Dopingbekämpfung in diesem Rahmen. Es muss absolutes Vertrauen herrschen. Dann kann Doping gar nicht aufkommen.

Warum nehmen eigentlich Sportler Doping, und warum geben Ärzte Doping ab?

Primär geht es um Leistungssteigerung. Diese kann man auf verschiedene Art erzielen, und entsprechend werden verschiedene Klassen von Medikamenten eingesetzt. Wenn man die Kraft verbessern will, kann man direkt auf die Muskulatur einwirken. In diesem Bereich gelten die Anabolika als Hauptklasse. Man kann aber auch versuchen, die Ausdauerfähigkeit zu vergrössern. Hier spielt Epo eine wichtige Rolle. Grundsätzlich wird es immer wichtiger, die Erholungszeit zu verkürzen, damit man mit höherer Intensität trainieren kann. Hier spielen Dopingcocktails eine Rolle.

In welcher Situation greifen Sportler und Sportlerinnen bzw. deren Ärzte zu Doping?

Das müssten Sie einen Arzt fragen, der mit Dopingmitteln arbeitet. Ich kann Ihnen nur eine theoretische Variante durchspielen. Nehmen wir als Ausgangssituation an, eine Athletin gerate in einen Zustand des Übertrainings.

Was ist Übertraining?

Übertraining entsteht, wenn man zu lange mit zu hoher Intensität trainiert hat. Der Organismus stellt sich dann auf Abbau um, statt sich aufzubauen. Ein sinnvolles Training ist in dieser Situation gar nicht mehr möglich. Im Gegenteil: Je mehr man trainiert, um so weiter bringt es einen den Berg hinab.

Jetzt soll der Arzt dafür sorgen, dass es wieder bergauf geht?

Richtig. Der Organismus befindet sich in der sogenannten katabolen, also abbauenden Phase, und jetzt sollte man das umpolen auf den anabolen, den aufbauenden Status. Am einfachsten ist es natürlich, das Hormon, das fehlt, das Anabolikum, direkt zuzuführen.

Anabolika sind in den Kontrollen relativ leicht nachzuweisen.

Ja, darum müssen gewisse Tricks angewendet werden. Sei es, dass man mit der Dosierung runtergeht, sei es, dass man ein Anabolikum mit einer relativ kurzen Halbwertszeit verwendet. Man muss diese Niedrigdosierung jedoch auffangen mit einem Mix, indem man zum Beispiel Wachstumshormone oder Epo hinzugibt. Das Anabolikum verstärkt die Wirkung des Epo und umgekehrt. Es gibt verschiedene Synergien zwischen den einzelnen Komponenten. Mit diesem Mix bleibt man einerseits unter jener Limite, ab der man entlarvt wird, und anderseits erreicht man eine optimale Leistungssteigerung.

Im Spitzensport geht es darum, soviel wie möglich zu trainieren, ohne in den abbauenden Zyklus zu geraten. Das würde bedeuten, dass Dopingmittel ein gewisses Sicherheitsnetz vermitteln.

Das ist richtig. Spitzensportler befinden sich immer auf der Gratwanderung zwischen zuwenig Training, optimalem Training und Übertraining.

Welche Möglichkeiten gibt es, einen Zustand des akuten Übertrainings abzubauen, ohne die verbotene Zuflucht zu den anabolen Hormonen zu nehmen?

Der legale Weg ist schwierig und langwierig. Zuerst muss mittels Leistungstests und Laboranalysen eine Standortbestimmung durchgeführt werden. Danach muss das Training entsprechend angepasst werden. Und man kann durch Umstellung der Ernährung versuchen, eine optimale anabole Wirkung zu erreichen.

Das Hauptproblem besteht darin, dass die Umpolung auf diesem natürlichen Weg Monate dauern kann. Das heisst, dass zum Beispiel ein Langläufer, der Anfang Winter ins Übertraining gerät, die Saison abschreiben muss. Auf dem medikamentösen Weg ist die Korrektur eine Angelegenheit von einer bis drei Wochen.

Es ist leicht vorstellbar, dass in Radrundfahrten oder auch bei längeren Turnieren im Fussball, Eishockey oder Tennis die künstlich verkürzten Erholungszeiten eine massgebende Rolle spielen.

Nicht nur hier, sondern generell überall dort, wo sich mehrere Einsätze in relativ kurzer Zeit folgen, zum Beispiel auch in der Leichtathletik, wenn bis zum Final mehrere Läufe anstehen oder wenn jemand in mehreren Disziplinen startet.

Die Diskrepanz zwischen erlaubtem und verbotenem Tun ist enorm - entsprechend die Versuchung.

Wichtig ist, dem Athleten nichts zu verheimlichen. Nicht, dass er von dritter Seite etwas erfährt und dann den Eindruck hat, man hätte ihm etwas unterschlagen.

Nicht nur der Athlet steht unter einem grossen Druck, sondern auch Sie als Betreuer. Der Sportler könnte sich ja einem andern Arzt zuwenden.

Bei Athleten, die ich von Anfang an betreut und geführt habe, war dies eigentlich noch nie ein Problem. Natürlich ist der Druck da. Aber man legt das Problem offen auf den Tisch. Die Athleten wissen, dass sie von mir nichts Verbotenes bekommen.

Aber Ihnen ist bewusst, dass diese Sportler allenfalls zu andern Ärzten gehen?

Das kann ich nicht ausschliessen. Die Athleten wissen jedoch genau, was sie bei wem bekommen und wo sie nichts bekommen. Ihre Entscheidung, welchen Weg sie gehen wollen, fällt, bevor sie erstmals einen Arzt aufsuchen.

Was weiss man in der Sportmedizin über den tatsächlichen Umfang der Leistungssteigerung mit Doping?

Primär muss ein Athlet schon einmal sehr, sehr gut sein, um überhaupt an die Spitze zu kommen. Frau Meier oder Herr Müller müssen nicht glauben, dass sie Weltmeister werden können, indem sie sich dopen - egal, um welche Sportart es sich handelt. Erst wer bereits Weltklasseniveau hat, kann dank zusätzlichem Doping unter Umständen Weltmeister werden. In Zahlen ausgedrückt, sind es vielleicht fünf bis sechs Prozent Steigerung, die durch Doping erreicht werden.

Was viel ist, betrachtet man die minimen Unterschiede an der Spitze.

Richtig. Aber es kommt darauf an, wie weit sich ein Athlet zuvor an sein Optimum von 100 Prozent herantrainiert hat. Wenn einer sich auf 98 Prozent gebracht hat, dann macht er die verbleibenden zwei Prozent vielleicht mit Doping wett; er macht dabei einen Sprung, sagen wir, von Rang 20 auf Rang 5. Ein anderer hört bei 95 Prozent seines Leistungsvermögens mit Training auf und schöpft fünf Prozent aus dem Doping, um auf das Maximum zu kommen. Es kommt immer darauf an, von welchem Ausgangsniveau aus wir mit Doping beginnen. Als Grundregel gilt: Im Spitzenbereich hat das Doping tendenziell eine weniger grosse Leistungssteigerung zur Folge als im Bereich unter der Spitze.

Wie kommen die Sportler an die Medikamente heran, die sie für Dopingzwecke missbrauchen?

Wo viel Geld im Spiel ist, findet jedes Produkt den Weg zu dem, der bereit ist, genügend dafür zu bezahlen.

Welche Rolle spielen die Sportärzte, die diese Medikamente verschreiben?

Es gibt Hausärzte, die, im Glauben, einem Athleten helfen zu müssen, Dopingmittel abgeben. Daneben gibt es unter den Sportmedizinern schwarze Schafe, die durchaus bekannt sind. Der Ausschluss von Doktor Blanc aus der Gesellschaft für Sportmedizin war ein Zeichen, dass wir Sportärzte uns von solchen Praktiken distanzieren.

Würden Sie neben ethischen auch medizinische Gründe dafür anführen?

Der Athlet hat sich dem Reglement gegenüber verpflichtet. Die Situation, in der es aus gesundheitlichen Gründen keine andere Möglichkeit mehr gibt als Doping, die besteht eigentlich nur bei akuter Lebensgefahr - bei Übertraining jedenfalls sicher nicht. Bei Übertraining ist es ja nur eine Frage der Zeit, bis es dem Athleten wieder bessergeht. Dieser Weg verlangt indes viel grössere Anstrengungen des Arztes, sowohl was die mentale wie auch was die physische Führung des Sportlers angeht. Dem Athleten im Vorzimmer von der Arztgehilfin eine Spritze ins Gesäss verpassen zu lassen ist sicher einfacher.

Wie würden Sie reagieren, wenn Sie morgen von einer Radprofi-Sportgruppe das Angebot erhielten, Mannschaftsarzt zu werden?

Ich würde mich erst einmal mit den Verantwortlichen zusammensetzen und eine Grundsatzdiskussion führen. Wir müssten schriftlich regeln, wie das Ganze laufen soll. Einfach, weil mir das Umfeld zu heiss wäre, um spontan zuzusagen. Aber es gibt im Radsport auch Ansätze, wie man zu einem natürlicheren Weg zurückfinden könnte, und ich würde es deshalb nicht richtig finden, denen zu sagen, ich will mit euch nichts zu tun haben, ihr seid geächtet.

Welches sind diese Ansätze?

Es gibt einige Projekte - aber man muss natürlich abwarten, was realisiert wird. Ich glaube aber, dass man im Radsport erkannt hat, dass man in einen Teufelskreis geraten ist, bei dem die Gefahr besteht, dass man nicht mehr hinausfindet. Es macht ja keinen Sinn, dass einfach wild gedopt wird und am Schluss der Oberdoper gewinnt. Das Ziel muss auch hier sein, dass die sportliche Leistung wieder im Vordergrund steht.

Wie gesundheitsschädlich ist eigentlich systematisches Doping?

Es kann durchaus sein, dass man dopt und gesundheitlich gar keinen Schaden erleidet. Es kann sogar das Gegenteil eintreten, dass man aus einem Übertraining so schön gezielt herauskommt, dass es für die Gesundheit sogar sinnvoll erscheint zu dopen, obwohl es eine verbotene Sache gewesen ist. Wie gefährlich es ist, hängt immer davon ab, wie Doping eingesetzt wird und in welcher Dosierung.

Es hat in den vergangenen Monaten mysteriöse Todesfälle von aktiven oder ehemaligen Sportlern gegeben, die mit Dopingspätfolgen in Verbindung gebracht worden sind. Was denken Sie sich dabei?

Heute muss man immer skeptisch sein und prinzipiell im Hinterkopf haben, dass ein ungewöhnlicher Tod in irgendeinem Zusammenhang mit Doping stehen könnte. Aber man darf das nicht als Beschuldigung offen aussprechen und damit die Angehörigen belasten, wenn man keine Beweise hat.

Haben Sie nicht den Eindruck, dass sich diese ungewöhnlichen Fälle häufen?

Man versucht halt, auch ohne Doping, immer mehr, die Grenzzonen auszuloten. Männlichen Geschlechts zu sein, älter zu werden und intensiv Sport zu treiben, das sind die drei hauptsächlichen Risikofaktoren für den plötzlichen Herztod. Irgendwo im menschlichen Motor gibt es immer einen Schwachpunkt. Wenn die Körperleistung mit allen verfügbaren Mitteln hochgetrieben und optimiert wird, ist halt die Chance um so grösser, dass zuletzt ein enges Herzgefäss zum Schwachpunkt wird - und an dieser lebenswichtigen Stelle der Schalter kippt.

Chad Silver, der ZSC-Eishockeyaner, war noch zwei Wochen zuvor ärztlich gecheckt worden, und man hatte keinerlei Anomalie am Herzen festgestellt.

Wie ist es denn in der Formel 1? Da wird auch minutiös gearbeitet, jedes Teilchen hundertmal untersucht, und 50 Meter nach dem Start fliegt trotzdem der Motor in die Luft. Wenn man diese hochgezüchteten Formel-1-Körperboliden hat, dann ist es einfach möglich, dass eine von diesen Milliarden von Schaltungen, die stimmen müssen, irgendwann einmal aussteigt.

Verschiedene Tatsachen belegen aber, dass Doping ein hoher zusätzlicher Risikofaktor ist: Erstens wird mit enorm hohen Dosierungen gearbeitet, zweitens weiss man nichts über Langzeitfolgen, und drittens werden immer mehr Medikamente verwendet, die noch nicht einmal fertigentwickelt sind.

Das ist richtig. Was zum Beispiel die Hormone anbetrifft, werden sie in der Medizin niemals in solch hohen Dosierungen angewendet wie bei den Sportlern. Kommt dazu, dass die Wissenschaft keinerlei Forschung betreibt, was die Risiken dieses Tuns anbelangt. Die Sportler werden in dieser Situation gewissermassen zu Laborratten. Es wird an ihnen ausprobiert, was passiert, wenn jemand gewisse Medikamente in extrem hohen Dosierungen über lange Zeit nimmt. Der Arzt, der dopt, kann sich bezüglich der Risiken auf keine gesicherten Erkenntnisse stützen. Sein Wissen um die Auswirkungen beschränkt sich einzig und allein auf die Erfahrung, die er mit seinen eigenen Athleten gemacht hat. Langzeitfolgen können noch aus einem weiteren Grund nie analysiert werden: Man schreibt ja am besten nichts auf, damit sie einem nichts beweisen können, wenn man ertappt wird . . .

Was würde passieren, wenn die Dopingmittel freigegeben würden?

Es würde ähnlich ablaufen, wie wenn man die Drogen freigeben würde. Dem Missbrauch wären Tür und Tor geöffnet, und es würde völlig unkontrolliert in irgendeine Richtung ausufern. Gewisse Sportarten würden zu reinen Hamsterzoos, in denen die bestpräparierten Nutzathleten Weltmeister werden.

Es gibt Stimmen, die für eine Abgabe von Doping unter ärztlicher Kontrolle plädieren. Liesse sich das medizinisch so kontrollieren, dass keine Gefahr dabei wäre?

Um das zu wissen, müsste man zuerst einmal Basisforschung betreiben. Ich wüsste nicht, wer diese Forschung bezahlen würde. Die Rede von der "medizinisch kontrollierten Abgabe" halte ich für einen Mythos. Denn um von Kontrolle zu sprechen, weiss man einfach zu wenig. Betreuer geben ihre Dopingmittel mit verbundenen Augen ab - ob diese unter der Kontrolle eines Arztes oder irgendwo sonst gespritzt werden, ist ohne schulmedizinisch gesicherte Erkenntnisse über die Risiken relativ unerheblich.

Auch die berühmt-berüchtigten Dopingärzte sind also Zauberlehrlinge?

Das sind sie ganz gewiss. Sie sind vielleicht geschickter oder geschäftstüchtiger als andere, aber mehr nicht.

Mit Dopingmitteln werden auch Geschäfte gemacht. Wieviel Geld ist da im Umlauf, und wohin fliesst es?

Ich glaube nicht, dass sich die Pharmaindustrie damit den entscheidenden Teil ihres Gewinnes verdient. Es ist vielmehr das engere Umfeld des Sportlers, das absahnt. Zum Vergleich: Für die Dopingbekämpfung setzt man in der Schweiz pro Jahr eine Million Franken ein, 200 000 für die Aufklärung, 800 000 für die Repression. Dieser Million stehen die mehrfachen Beträge gegenüber, die von Schweizer Sportlern in Doping investiert werden.

Erklären Sie uns, warum sich Manager oder Chirurgen aufputschen dürfen, um ihre Arbeit leisten zu können, ein Sportler, der seine Leistung erbringen will, hingegen nicht.

Das liegt am Reglement, das sich der Sport selber vorgegeben hat, ausgehend vom Internationalen Olympischen Komitee. Was ich als Normalbürger mit meinem Körper anstelle, ist mir freigestellt.

Warum gibt das IOK ein solches Reglement vor?

Es geht um den Gedanken des Fairplays, darum, dass eine Rangliste so herauskommt, wie es dem eigenen Training und der eigenen, nicht durch den Zusatz verbotener Mittel beeinflussten Leistung des einzelnen entspricht. Natürlich lässt sich darüber diskutieren, was unter diese verbotenen Mittel fällt, wo die Grenzen zu ziehen sind. Aber die Dopingliste ist Bestandteil des sportlichen Reglementes und deshalb verbindlich.

Sportler, die des Dopings überführt werden, schaden dem Unterhaltungsgeschäft Sport. Ist das der Grund, dass die Dopingbekämpfung seit zwei Jahrzehnten eigentlich nicht vom Fleck kommt?

Tatsächlich hat in der Sportwelt niemand ein Interesse daran, dass es zu einem Dopingskandal kommt. Das schafft natürlich in der Dopingfahndung, die von den Verbänden in eigener Sache betrieben wird, eine gewisse Ambivalenz. Ich will den Fahndern keinesfalls schlechten Willen vorwerfen. Aber manchmal leiden sie schon an akuter Blauäugigkeit. Zum Beispiel wenn sie glauben, dass negative Kontrollen ein Beweis dafür sind, dass nicht gedopt wird. Das ist gleich, wie wenn ich sagen würde, solange ich keine Diebstahlmeldung habe, ist auch nirgends eingebrochen worden.

Da viele Mittel nicht nachgewiesen werden können, haben die negativen Kontrollen hauptsächlich eine Alibi-Funktion?

Richtig. Primär muss man fragen: Wurden die Kontrollen richtig angesetzt, bei den richtigen Leuten zum richtigen Zeitpunkt? Da sind die grossen Fragezeichen zu setzen. Man untersucht zum Beispiel den Urin, der durch die Nieren bereits gefiltert worden ist, statt direkt die körperliche Grundsubstanz, das Blut. Und dort, wo man Blutkontrollen macht, analysiert man nur einzelne Werte, zum Beispiel Hämatokrit oder Hämoglobin, und forscht nicht nach allem, was man sonst noch herausfinden könnte.

Ich habe manchmal schon das Gefühl, dass die Fahnder nicht mit letzter Härte versuchen, den Dopingsündern auf die Schliche zu kommen.

Der Antidoping-Forschung stehen zuwenig Mittel zur Verfügung, weil Dopingfälle schlecht für das Geschäft sind.

Ich muss Ihnen insofern recht geben, als ich schon manchmal das Gefühl habe, die Kontrollen würden mit angezogener Handbremse durchgeführt. Bis sich ein internationaler Verband aufrafft, in einen neuen Kontrollbereich vorzustossen, braucht es massiven Druck. Obwohl längst offensichtlich ist, dass sich gerade in diesen Bereichen die Dopingsünder tummeln. Das ist für mich unverständlich. Da wird beim IOK ein wohlklingendes Statut auf die Beine gestellt, und dann sagen ausgerechnet Verbände wie Fussball, Radsport und Schwimmen, das anerkennen wir nicht. Dann sollen sie doch so ehrlich sein und sagen, wir erlauben Doping.

Es ging um die Mindeststrafen.

Ja, schon. Aber wenn wir nicht so bestrafen, dass es wirklich weh tut, dann machen wir uns doch lächerlich.

Welche Massnahmen drängen sich Ihrer Ansicht nach auf, um die Dopingbekämpfung wirksamer zu gestalten?

Die Kontrollen müssen so getimt sein, dass man eine echte Chance hat, die Sünder zu erwischen. Es ist eine Tatsache, dass vor einer Blutkontrolle dem Athleten eine Viertelstunde genügt, um den Hämatokrit auf den erlaubten Wert zu drücken. Innerhalb der Verbände sollte eine Gewaltentrennung geschaffen werden, damit sich unabhängige Instanzen mit der Dopingbekämpfung befassen können. Die Liste der verbotenen Mittel müsste dauernd à jour gehalten werden. Leider sitzen in den zuständigen Kommissionen oft Leute, die zu weit vom Geschehen entfernt sind oder auch von ihren Jahrringen her nicht mehr schnell genug reagieren können.

Die Sponsoren müssten sich vermehrt stark machen für Fairplay, in dessen Bereich die Ächtung des Dopings ganz besonders gehört. Es gibt also einen ganzen Fächer von Massnahmen, die ineinandergreifen müssten. Nur dann können wir uns vorwärtsbewegen.

Vorwärtsbewegen heisst aber nicht, dass es eine Lösung gibt.

Ich glaube nicht, dass einmal eine Zeit kommen wird, da nicht gedopt wird. So, wie es auch nie eine Zeit gegeben hat, da nicht gedopt worden ist. Aber das Ziel muss sein, Doping so weit einzudämmen, dass man von einer Randerscheinung sprechen kann. Dass man sagen kann, 90 Prozent sind sauber - und nicht umgekehrt. Der 41jährige Sportmediziner Walter O. Frey ist seit 1995 leitender Arzt an der Schulthess- Klinik in Zürich, wo er die Abteilung Sportmedizin / Rehabilitation aufgebaut hat. Seit 1996 ist seine Abteilung sportmedizinisches Zentrum des Schweizerischen Olympischen Verbandes (SOV). Frey hat seinen Standpunkt klar bezogen und spricht sich gegen Doping aus.

Nach verschiedenen Ausbildungsaufenthalten arbeitete er 1990 an der Rheumatologischen Klinik des Zürcher Unispitals. 1991 bis 1994 war er als Oberarzt an der thurgauisch- schaffhausischen Höhenklinik Davos tätig. Er arbeitet als Verbandsarzt unter anderem in den Sportarten Ski nordisch (Langlauf) und Bob. Frey war in Nagano 1998 als Teamarzt im Einsatz. Er betreut zudem unter anderen den Mountainbiker Thomas Frischknecht, Silbermedaillengewinner von Atlanta 1996.



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