SV LImmat Schwimmverein Limmat Zürich


Zurück | Back: Home | Schwimmen Ratgeber und Tipps | Swimming Tips and Advice

Die Nandrolon-Seuche: Steigende Zahl der Befunde dank neuer Messtechnik?

Neue Zürcher Zeitung 20.8.99



Von Arnd Krüger

Der Autor, einst Mittelstreckenläufer, hat einen Lehrstuhl am Institut für Sportwissenschaft an der Universität Göttingen.



Seit einem Jahr grassiert unter Spitzensportlern verschiedener Sparten die Nandrolon-Seuche. Der Tennisprofi Petr Korda wurde mit einem zu hohen Nandrolon-Wert im Urin erwischt, musste eine Geldstrafe zahlen, verlor ATP-Punkte, wurde aber nicht gesperrt, der Olympiasieger und Weltmeister Linford Christie wurde überführt und erwartet seine Strafe, vier französische Fussballprofis (einschliesslich Christophe Dugarry aus dem Team des Weltmeisters) und Judo-Olympiasieger Djamel Bouras wurden mit zu hohen Nandrolon-Werten getestet. Während Bouras gesperrt wurde, darf Dugarry weiter mit Olympique Marseille spielen. Seit Mittwoch ist der Fall einer weiteren grossen Athletin bekannt, von Merlene Ottey, deren A-Probe einen zu hohen Gehalt des anabolen Steroids Nandrolon zeigt. Nandrolon war auch die Ursache für die Suspendierung des schottischen 200-m-Europameisters Doug Walker gewesen, der aber in letzter britischer Instanz doch freigesprochen wurde und nun auf sein Verfahren bei der IAAF wartet. Schliesslich ist aus der Schweiz der Triathlet Olivier Bernhard bekannt, der erst vom International Court of Arbitration vom Vorwurf des Nandrolon-Missbrauchs freigesprochen wurde. Die Schwimm-Olympiasiegerin Michelle de Bruin-Smith vertuschte mit Whiskey Nandrolon-Spuren in ihrem Urin und wurde nicht wegen Nandrolons, sondern wegen Vertuschens gesperrt. Es wären weitere, weniger bekannte Namen anzufügen, die Liste ist längst nicht vollständig.

Liegt die Vielzahl der Befunde an der neuen, verfeinerten Messtechnik - High Resolution Mass Spectrometry (HRMS) -, die seit den Olympischen Spielen von Atlanta eingesetzt wird und nun auch die Metaboliten eines Produktes zeigt und nicht nur die unmittelbaren Spuren des Produktes? Oder liegt es an Nandrolon? Was ist das Besondere an Nandrolon? Nandrolon gehört in die Frühzeit der Verwendung von Anabolika durch Sportler. Da es fettlöslich im Körperfett gespeichert wird, lässt es sich selbst vier Monate nach der Verwendung noch nachweisen. Im internationalen Wettkampfsport wurde es nur zwischen 1959 und 1976 eingesetzt. Mit dem Verbot von Anabolika verschwand es schnell vom Markt der Wettkämpfer. Im Bodybuilding ist es jedoch noch immer weit verbreitet, da es die Leber weniger belastet als andere Anabolika.

Heute gilt Nandrolon als eines der erfolgreichsten Produkte, wenn es darum geht, den körperlichen Verfall infolge einer HIV-Infektion aufzuhalten. Die Anabolika-Forschung im Sport hat jedoch mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass alle, die sich damit befassen, Doping begünstigen wollen. So ist heute über die sportlichen Folgen auch von Nandrolon wenig bekannt. Wegen seiner lang anhaltenden Wirkung ist es jedoch in der Landwirtschaft ein beliebtes Anabolikum in der Rinder- und Kälbermast. In den USA gilt die Verwendung als legal. Nachdem die Europäische Union nun auch den Import von hormonbehandeltem Fleisch zulassen hat müssen, wird die Anzahl dieser Art von Nandrolon-Spuren zunehmen. Fleisch, das mit Anabolika unmittelbar behandelt wurde, überträgt die Metaboliten auf den Konsumenten. Solches Fleisch wird wegen der kristallartigen Spuren nicht als Steak, sondern eher als Hackfleisch - zum Beispiel im Hamburger (NZZ 22. 7. 96) - verkauft. Lenny Paul, Bobfahrer, ein früherer Trainingspartner von Linford Christie, wurde 1997 vom Vorwurf des Nandrolon-Missbrauchs freigesprochen, weil er glaubhaft machen konnte, dass im Hackfleisch der Spaghetti Bolognese, die er am Tag vor dem Test verzehrt hatte, eben solches Nandrolon hätte sein können. Anderen, die sich auch hierauf oder Ähnliches berufen wollten, wurde die Geschichte nicht geglaubt.

Durch entsprechende Forschung weiss man inzwischen, dass auch der Körper selber Nandrolon produziert. 0,6 Nanogramm/Milliliter (ng/ml) Urin gelten gemäss dem bekannten amerikanischen Pathologen Black als normal, während die französische Sportministerin in einer Anfrage im Senat (19. Mai 1998) sogar von 0,7 ng/ml ausging. Das Internationale Olympische Komitee (IOK) hat daher Grenzwerte festgelegt, nämlich 2 ng/ml für Männer und 5 ng/ml für Frauen. Was hier so aussieht, als würden Frauen geradezu aufgefordert, sich mit Nandrolon zu «präparieren», hängt damit zusammen, dass die Nandrolon-Produktion im Falle von Schwangerschaft ganz erheblich ansteigt. Aus diesem Grunde wurden in der DDR und anderswo Sportlerinnen vorzugsweise in den ersten Wochen der dann abgebrochenen Schwangerschaft in den Wettkampf geschickt, da so scheinbar legal ein starkes körpereigenes Anabolikum eingesetzt werden konnte. Über den exakten Wert bei körperlichen Extremleistungen weiss man jedoch bisher viel zuwenig.

Im relativ niedrigen Grenzwert für Männer steckt jedoch auch ein statistisches Problem: Vom Mittelwert aus betrachtet hängt die Zuverlässigkeit der Aussage mit der Breite der Streuung zusammen. Diese ist bei Hormonen, die auf Anstrengung reagieren, sehr gross. Man muss deshalb davon ausgehen, dass die Standardabweichung (SD) vergleichsweise gross ist und wohl etwa bei 0,4 ng/ml Urin liegen dürfte. Innerhalb von 2 SD vom Mittelwert aus wurden 95 Prozent der bekanntgewordenen Fälle erreicht, für 99 Prozent braucht man 3 SD. Bei einem Grenzwert von wenig mehr als dem Dreifachen des Normalen besteht nicht einmal eine etwa 99,5prozentige Sicherheit. Das aber heisst, dass bei 1000 Tests 5 falsche positive in Kauf genommen werden, bei 10 000 Tests pro Jahr deren 50. 99,99prozentige Sicherheit gilt aber als eben noch akzeptabel, obwohl auch dies die Sportorganisationen vor den Gerichten teuer zu stehen kommen kann. Der Anwalt des Sprinters Doug Walker hatte zwei Argumente gegen die Sperre seines Mandanten ins Feld zu führen: zunächst die statistische Komponente, gemäss der Walker den zulässigen Grenzwert nur gering überschritten hatte. Der zweite Punkt überzeugte die Richter aber noch mehr: Die Metaboliten von Nandrolon (nach allen Regeln verboten) sind identisch mit den Metaboliten von 19-Norandrostenedion (bis jetzt nicht verboten) sowie 19-Norandrosteniodol (ebenfalls bisher nicht verboten). Nun liesse sich argumentieren, dass diese beiden auch unter die Generalklausel der Dopingbestimmungen fallen, gemäss der ähnlich wirkende Substanzen wie die in der offiziellen Verbotsliste aufgeführten logischerweise ebenfalls zu verbieten sind. Diesem Argument würden sich aber die für ihre saftigen Strafen bekannten amerikanischen Gerichte kaum anschliessen, denn die Gesundheitsbehörde (FDA) hat die nicht therapeutische Verwendung von Nandrolon ausdrücklich unter Strafe gestellt, die beiden anderen erwähnten Substanzen jedoch unter die frei verkäuflichen Ernährungszusätze (Supplements) eingestuft. Übrigens: 25 verschiedene Produkte mit diesen Substanzen sind im Internet angepriesen - jeweils mit dem lakonischen Hinweis versehen, sie seien legal.

Der Britische Leichtathletikverband übernahm auch deshalb das Urteil der unabhängigen Richter, da er schon einmal wegen eines Laborfehlers sich hatte reorganisieren müssen, um nicht vollständig in den Konkurs getrieben zu werden. Die Läuferin Diane Mohdahl konnte nach einem langen Prozess nachweisen, dass ihr Urin durch unsachgemässe Behandlung einen zu hohen Testosteron-Wert in einem portugiesischen Labor bekommen hatte. Seit dieser Zeit verlangen Verbandsvertreter, dass Kontrollen durch unabhängige Agenturen durchgeführt werden, damit sie nicht selber den Schaden von Analysefehlern begleichen müssen. Die Zahlungen, die Walker nach acht Monaten scheinbar ungerechtfertigter Sperre einklagen wird, werden noch hoch genug sein.

Was auf Doug Walker zutrifft, muss nicht bei jedem anderen Athleten der Fall sein. Linford Christie dürfte Schwierigkeiten haben nachzuweisen, weshalb der festgesetzte Höchstwert bei ihm nicht nur um wenige Prozent, sondern um etwa das Hundertfache überschritten wurde. Das lässt sich weder durch seine Ausnahmeerscheinung als Athlet statistisch noch durch die Supplements biochemisch erklären. Aber sein Fall wird sicher die notwendige Forschung weiter vorantreiben.



Zurück | Back: Home | Schwimmen Ratgeber und Tipps | Swimming Tips and Advice | an den Anfang | Top