SV LImmat Schwimmverein Limmat Zürich


Schwimmverein Limmat Zürich: Zurück zur Homepage | Doping-Archiv

Die Mär vom sauberen Sport

Neue Zürcher Zeitung 31. Juli 1999

Der moralische Druck in Dopingfragen ist auch auf die Schwimmer massiv gestiegen


kla. Istanbul, 30. Juli

Die Zeit ist längst vorbei, als im Sport Wunder bestaunt wurden. Doch der Sport bleibt letztlich eine Vertrauenssache. In dem Masse, wie die Bedeutung von Geld, Prestige und Macht im Schwimmsport gewachsen ist, scheint das gegenseitige Vertrauen seit den Weltmeisterschaften in Perth vor 19 Monaten zu schwinden. Nachdem in Australien im Gepäck einer chinesischen Brustschwimmerin 13 Ampullen des hormonellen Dopingmittels Somatropin entdeckt, vier weitere Athleten mit Triamteren, das zur Verschleierung von Dopingsubstanzen angewandt wird, erwischt worden waren, die USA mit ihrer Clearingstelle, die schon verschiedentlich Dopingfälle unter den Tisch fallen liess, nicht gerade Vorbildfunktion einnahmen, aus dem Trainingscamp in Canberra sich Geschichten zum Thema «Wunderkinder» häuften, Michelle Smith de Bruin definitiv des Betrugs überführt und für vier Jahre gesperrt wurde, weiss man, dass sich der Schwimmsport auch nach der DDR-Zeit nicht nur im sauberen Wasser bewegt.

Flächendeckend verseucht

Dennoch: An der Dopingfront ist im Bereich Schwimmen - traut man den Beobachtungen in der Türkei - eine leichte Beruhigung eingetreten. Der moralische Druck auf die Sportler ist offenbar gestiegen. Der Rundumschlag der beiden deutschen Spitzenschwimmer Chris-Carol Bremer und Mark Warnecke, die Schwimmszene sei flächendeckend verseucht, weil die geltenden Bestimmungen unmissverständlich zum Dopingmissbrauch auffordern würden, hatte im vergangenen Herbst viel Staub aufgewirbelt. Als Konsequenz gründete der deutsche Verband eine Anti- Doping-Kommission. Bis heute tat sich dort noch sehr wenig; eine einzige konstituierende Sitzung ist das Resultat der Bemühungen. Mehr nicht.

Dafür hat nun das Verbandspräsidium mit Rüdiger Tretow die Initiative ergriffen und kurz vor den Europameisterschaften den Vorschlag unterbreitet, dass sämtliche Fachverbände einheitlich die Dopingsünder für die nächsten Welt- und Europameisterschaften zu sperren haben. Und für das Nationale Olympische Komitee würde eine vergleichbare Regelung gelten. Heute sperren die Fachverbände auf Zeit, der Internationale Schwimm-Verband (Fina) gar vier Jahre. Diese Strafen kommen einem Berufsverbot gleich, das in demokratischen Ländern gemäss Tretow von jedem Jurastudenten im ersten Semester vor einem ordentlichen Gericht angefochten werden könnte. Damit begibt sich der deutsche Verband auf einen gefährlichen Konfrontationskurs mit der Fina und dem IOK, das vor kurzem in Lausanne wegen rechtlicher Bedenken eine zweijährige Regelsperre abgelehnt hatte. Tretow glaubt allerdings, die Athleten mit einer Sperre für internationale Meisterschaften in ihrem Marktwert, dem Einkommen aus Sponsorenverträgen, entscheidend treffen zu können. Denn nur Erfolge an Grossveranstaltungen garantieren auch Popularität und hohe Verdienste. In den nächsten Wochen soll der Deutsche Sportbund über den Vorschlag diskutieren und abstimmen.

Sich über Doping eingehend zu informieren, ist auch in Istanbul, wo alle Proben bisher negativ verliefen, fast aussichtslos. Der Mantel des Schweigens ist verfilzt. Der Schweizer Chefcoach Tony Ulrich könnte heute allerdings für seine Equipe die Hand ins Feuer legen, dass sie «sauber» sei, und der Dopingbeauftragte des Schweizerischen Schwimmverbands, Roland Hunziker, doppelt gleich nach. So wurden die Schweizer Spitzenschwimmer im vergangenen Jahr bis zu zwölfmal kontrolliert, zum Teil am späten Abend. Flavia Rigamonti (Hämatokritwert an diesen EM 39) wird alle sechs Wochen einem medizinischen Bluttest unterzogen, damit ihre Leistungsschübe nicht plötzlich in den Bereich der Pharmazeutik verlegt werden. Ulrich wie Hunziker sind allerdings überzeugt, dass sich inskünftig jeder Athlet weltweit verpflichten müsste, sich jederzeit Blutproben nehmen zu lassen und diese der Forschung zur Verfügung zu stellen. Die Athleten müssten das Isotopenverfahren anerkennen, das den direkten Nachweis körperfremden Testosterons im Körper führt, und sich schliesslich verpflichten, ihr Steroidprofil erstellen und weiterführen zu lassen. Damit würde jede Unregelmässigkeit ihres Hormonhaushalts aktenkundig.

Doch bis dieser gläserne Schwimmer geschaffen ist, wird noch viel Chlor in die Becken geleert werden. Die Kosten (300 Franken) und der Aufwand für sporadische Kontrollen sind auch im Schweizerischen Olympischen Verband (SOV) relativ hoch. Zudem verzichteten im Vorfeld von Grossveranstaltungen sowohl Fina wie LEN auf intensive Kontrollen; und nicht alle (nationalen) Massnahmen scheinen seriös vorbereitet. Dabei ist längst klar geworden, dass den Sportverbänden in der Dopingfrage nur von aussen geholfen werden kann. Als die Schweizer in Vittel im Trainingslager waren, kam beispielsweise eines Tages ein französischer Kontrolleur (vom SOV aufgeboten) und erkundigte sich bei der Teamleitung, welche Schwimmer denn heute kontrolliert werden könnten . . . Und die Ungarn weigern sich noch heute, im eigenen Land Urinproben abzugeben. Nicht nur sie wollen trotz weissen Fassaden die optimale Reinigung kaum. Was ist das aber für eine Welt, in der die Annahme herrscht, ein sauberer Sport mache das Geschäft kaputt. Erst wenn die Beweislage erdrückend ist, wird gehandelt.

Auch im Schwimmsport haben sich die Funktionäre meist halbherzig oder dann naiv auf die Spur der Sünder begeben. Wer beschmutzt schon sein eigenes Nest mehr als unbedingt nötig? Allerdings sind sich viele europäische Fachleute einig, dass im Schwimmen heute kein Wundermittel auf dem Markt ist, auch wenn diese Aussagen in einer verlogenen Sportwelt sogleich zu relativieren sind. Anabolika zur Bildung von Muskelmassen haben laut Tony Ulrich offenbar an Attraktivität eingebüsst, was durch die wesentlich filigraner gewordenen Athleten auch bildhaft verdeutlicht wird. Und EPO nützt ohnehin erst im Ausdauerbereich ab 30 Minuten, das heisst höchstens im Aufbautraining. Ein Buch mit sieben Siegeln scheint allerdings weiterhin das Verhältnis Testosteron/Epitestosteron zu sein, das eine Sperre nach sich ziehen kann, wenn es grösser als 6:1 ist; normal sind Werte zwischen 1:1 und 2:1. Ein guter Sportarzt bringt den Athleten auf Werte von 5:1 - und perfekt ist die Leistungssteigerung. Alles andere fällt unter Anomalie. In diesem Bereich müssten noch viele Schwimmer unter Anomalie leiden. Oder anders ausgedrückt: Das kontrollierte Doping ist wohl schon alltäglich.



Schwimmverein Limmat Zürich - Zurück: Homepage | Doping-Archiv | Top