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Die neuen Doping-Nachweise brauchen noch Zeit

(Tages-Anzeiger vom 24. Juni 1999)

Angebliche Durchbrüche beim Nachweis von Hormondoping sorgten in den letzten Monaten für Schlagzeilen. Doch führende Forscher mahnen zur Geduld.

Von Dominique Eigenmann

Glaubt man den Ankündigungen, so hat die Dopinganalyseforschung in den vergangenen Monaten einen grossen Teil ihrer Probleme gelöst. Vor einer Woche trat der französische Forscher Gérard Dine vor die Presse und behauptete, der Nachweis für künstliches Epo sei gelungen und könnte von den Sportverbänden umgehend eingeführt werden. Im März hatte eine Wissenschaftlergruppe um den Münchner Christian Strasburger eine Nachweismethode für künstliches Wachstumshormon veröffentlicht. Ebenso ist es offenbar gelungen, gespritztes Testosteron von natürlichem zu unterscheiden sowie künstlich verändertes Hämoglobin und gentechnisch hergestellte (Schmerz stillende) Kortikoide nachzuweisen.

Die öffentliche Klage

Die Fortschritte sind anscheinend so gross, dass renommierte Experten wie Jacques de Ceaurriz, Leiter des französischen Antidopinglabors, öffentlich klagte: "Wir können heute praktisch alle Stoffe nachweisen. Doch noch immer drücken sich die Sportverbände um die Einführung der neuen Methoden."

Die Ungeduld einzelner Forscher und der öffentlichkeit ist verständlich, haben doch die klassischen Urinkontrollen heute für Sportler und Verbände kaum noch mehr als eine Alibifunktion. Dennoch warnen führende Wissenschaftler vor übertriebenen Erwartungen und überstürzten Massnahmen. "Es ist richtig, dass wir zurzeit Fortschritte machen", sagt etwa Martial Saugy, wissenschaftlicher Leiter des Antidopinglabors von Lausanne, "aber alle vorgeschlagenen Methoden müssen zuerst wissenschaftlich überprüft werden. Und dann braucht es in den Verbänden erst noch einen Gesinnungswandel, um die neuen Nachweise zu akzeptieren und durchzusetzen."

Was unterscheidet die "neuen Dopingnachweise" von den traditionellen? In der traditionellen Kontrolle hatte es genügt, einen verbotenen Stoff (z. B. Anabolika oder Amphetamine) im Urin einer Sportlerin oder eines Sportlers festzustellen, um Dopingfälle zweifelsfrei ausmachen zu können und eine entsprechende Sanktion vor Gericht auch durchzusetzen.

In den vergangenen zwei Jahren hat sich nun aber bei den Dopinganalytikern weltweit die Meinung durchgesetzt, dass das Doping mit körpereigenen Hormonen (wie Epo oder Wachstumshormonen) in dieser Art niemals nachzuweisen sein wird. Der Grund liegt darin, dass die künstlich zugeführten Hormone im Blut innert Stunden "verschwinden" und sich nicht mehr von den körpereigenen Hormonen unterscheiden lassen. Die Hormonspiegel unterliegen überdies grossen natürlichen Schwankungen, und ihre Werte sind individuell höchst unterschiedlich.

Relative statt absolute Verfahren

Diese Situation hat die Forscher gezwungen, ihre Methodik zu ändern. "Zu den klassischen qualitativen Beweisen kommen neu die quantitativen und indirekten Nachweise dazu", sagt Wilhelm Schänzer, am Antidopinglabor in Köln Nachfolger des legendären Manfred Donike. Alle in den vergangenen Monaten vorgeschlagenen Nachweise verwenden indirekte Verfahren, die auf Grund von statistischen Beurteilungen verschiedener Blutwerte "wahrscheinlich" machen, dass jemand manipuliert hat oder nicht.

Der bevorstehende Übergang von absoluten zu relativen Verfahren hat bei den Dopingbekämpfern des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) bereits scharfe Kritik ausgelöst: "Wir können es uns nicht leisten, einen Sportler auf Grund von blossen Wahrscheinlichkeiten zu verurteilen", erklärte vorige Woche der Chef der Medizinischen Kommission, Alexandre de Mérode. Wilhelm Schänzer hingegen ist überzeugt, dass die Forschung keine andere Wahl hat: "Richtig ist, dass man von diesen Nachweisen grundsätzlich nicht die gleiche Präzision erwarten kann wie von den bisherigen Tests. Doch die jüngsten Fortschritte legen nahe, dass die Aussagekraft an den Punkt gebracht werden kann, wo eindeutige Aussagen möglich sind."

Angst vor Prozessen

Dazu sind jedoch ausgedehnte Studien nötig, Studien, welche helfen, die anfallenden Testresultate zu interpretieren und die neuen Methoden zu überprüfen. Schänzer weist darauf hin, dass indirekte und quantitative Testverfahren nicht nur in der Medizin seit langem routinemässig angewendet werden, sondern im Grunde auch in der Dopinganalyse. Seit 1984 etwa gilt ein Grenzwert für Testosteron (T/E-Quotient), seit 1997 messen Langläufer und Radrennfahrer den Blutdickewert (Hämatokrit), um einem Missbrauch des Blutkörperchen bildenden Epo vorzubeugen.

Beide Beispiele zeigen aber auch die Krux der indirekten Verfahren. "Heute ist die Interpretation der T/E-Quotienten wissenschaftlich absolut zuverlässig. Wir können beweisen, ob ein Athlet einen natürlich oder einen künstlich erhöhten Wert aufweist. Aber kurz nach Einführung der Methode war die Unsicherheit gross", erinnert sich Wilhelm Schänzer. In den USA gingen mehrere vor Gericht gebrachte Testosteronfälle verloren, und die Sportverbände haben aus jener Erfahrung eine grosse Vorsicht zurückbehalten.

"Wenn Leute wie Gérard Dine heute mit angeblich sicheren Nachweismethoden voreilig an die Presse gelangen, dann verstehe ich die Zurückhaltung der Verbände", sagt Martial Saugy. "Tatsache ist, dass wir zwar eine Fülle neuer Indizien und Erkenntnisse haben, aber noch nicht wirklich erprobte Nachweisverfahren."

Da die Dopingbekämpfer des IOK der neuen Methodik skeptisch gegenüberstehen, kommt einzelnen Verbänden bei deren Erprobung die Vorreiterrolle zu. Der Radsport-Weltverband UCI hat mit der Einführung der so genannten Gesundheitskontrollen einen Anfang gemacht. Die dort gesammelten Blutwerte und deren Interpretation helfen den Forschern, beim Routineeinsatz der neuen Methoden Erfahrungen zu sammeln, ohne sich vorzeitig juristischen Angriffen auszusetzen.

Übereinkünfte statt Beweise

Martial Saugy glaubt, dass mangels sicherer Beweise in Zukunft mit "hoher Wahrscheinlichkeit" geführte Nachweise durchaus akzeptiert werden könnten. "Man sieht es am Beispiel Pantani. Dieser wurde wegen eines zu hohen Hämatokrits aus dem Giro d'Italia ausgeschlossen, obwohl wir Fahnder ihm den Epo-Gebrauch nicht direkt beweisen können. In ähnlicher Art werden wir künftig für immer mehr Blutparameter Grenzwerte einführen, die Manipulationen immer schwieriger machen. Entscheidend für die Durchsetzung der entsprechenden Sanktionen ist dann nicht mehr der wissenschaftliche Nachweis eines Betrugs, sondern die Übereinkunft von Sportlern, Verbänden und Fahndern, die jeweiligen Grenzwerte zu akzeptieren." Die abschreckende Wirkung dieses Vorgehens ist für Saugy wie für Schänzer eine wichtige Begleiterscheinung.

Allzu grosser Optimismus wäre zum heutigen Zeitpunkt dennoch fehl am Platz. Abgesehen von den wissenschaftlichen Problemen, die gelöst werden müssen, ist fraglich, ob sich die neuen Nachweise sportpolitisch durchsetzen lassen werden. Solange sich das IOK und grosse Sportverbände wie die der Leichtathleten oder Schwimmer nicht einmal dazu durchringen können, endlich Blutkontrollen einzuführen, ist Skepsis jedenfalls angezeigt.




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