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Doping: Mehr Worte als Taten bringen die Bekämpfung keinen Schritt weiter

Neue Zürcher Zeitung 4.8.99

Das Grauzonen-Phänomen Doping

Von Helmut Digel Die Diskussion über Doping im Sport hat den Charakter einer unendlichen Geschichte. Immer häufiger wird dabei sichtbar, dass sich diese Diskussion eher durch rhetorische Qualitäten auszeichnet, als dass konkrete Resultate erreicht werden. Problemlösungen werden dadurch eher verstellt, und die entscheidenden Schritte im Kampf gegen Doping können nicht getan werden. Vielerorts hat man auch den Eindruck, dass diese Schritte gar nicht gewollt sind.

Wer ein glaubwürdiger Diskussionspartner in einer Debatte über Doping sein möchte, der müsste auf eine ganze Reihe von Fragen befriedigende Antworten finden. Die wohl wichtigste ist jene, auf wessen Seite man steht. Dabei gibt es nur eine Alternative: Entweder steht man auf der Seite der sauberen Athleten, jener Sportler, die die Prinzipien des Fair play beachten, oder man steht auf jener Seite, auf der Athleten sich mittels medizinischer Manipulation um unerlaubte Leistungsvorteile bemühen. Also auf der Seite der Betrüger. Und leider erwecken nach wie vor sehr viele Athletinnen und Athleten, Trainer und Trainerinnen, Funktionäre und Funktionärinnen zumindest über ihre Argumente den Anschein, als ob Doping ein Kavaliersdelikt und zwangsläufiges Merkmal des Hochleistungssports sei, mit dem man sich abzufinden habe. Die Alibi-Diskussion hat längst ihren eigenen Stil entwickelt. Verbände stellen sich vor ihre Athleten, obwohl sie sehr genau wissen, dass sie betrogen wurden. Topstars werden nicht verfolgt, nur weil sie Topstars sind. Der Schwarze Peter wird meist jenen zugeschoben, die öffentlich über Doping sprechen, weil diese Leute angeblich dem Leistungssport dadurch schaden, und die bösen Buben sind die Labors und die Kontrolleure.

Wenig Interesse am sauberen Athleten

Beobachtet man die Doping-Diskussionen, die seit mehr als 20 Jahren geführt werden, so kann man sehr schnell erkennen, welche Partei die Diskutanten ergreifen. Nur wenige stehen dabei mit Überzeugung auf der Seite der sauberen Athleten. Die grosse Mehrzahl ist nach wie vor bereit, über Pseudo-Argumentationen die Betrüger zu schützen - und damit Partei zugunsten jener zu ergreifen, die das System des Hochleistungssports gefährden. Nicht weniger wichtig sind die Fragen nach dem konkreten Handeln und im besonderen nach den finanziellen Taten, die einen erfolgreichen Kampf gegen Doping prägen können oder möglicherweise diese Bemühungen auch diskreditieren: Solche Fragen sind an das Internationale Olympische Komitee (IOK), an die internationalen Sportfachverbände, an die Europäische Union, an die Industrienationen, an den Deutschen Sportbund, an das Nationale Olympische Komitee, an die deutschen Sportfachverbände, an die Trainer, an die Athleten, an Justizminister, an die Verantwortlichen der Massenmedien und an weitere Verantwortliche im Gesamtsystem des Sports zu richten. Auf der Suche nach Antworten müssen wir erkennen, dass der Kampf gegen Doping nur von wenigen ehrlich und aufrichtig geführt wird; dass er häufig nur als rhetorischer Kampf in Parlamentsdebatten, bei Sportverbands-Tagungen, in Resolutionen und in Kommissionssitzungen stattfindet; dass die wirklichen Probleme damit nicht erfasst werden und dass die Erfolge leider immer nur sehr kleine Erfolge sind, die in den vergangenen Jahrzehnten auf diesem Gebiet zu bilanzieren sind.

Manipulation in der Privatheit

Das ärgerlichste Problem, mit dem all jene konfrontiert sind, die sich gegen Doping engagieren, ist ganz offensichtlich das der mangelnden Unterstützung. Erschwerend kommt hinzu, dass mehrere Sachprobleme vorliegen, deren Lösung auch heute noch längst nicht in Sicht ist. Das wohl alles entscheidende Problem liegt darin, dass Dopingmanipulation in Situationen stattfindet, die sich einer öffentlichen Beobachtung und Kontrolle entziehen. Der Betrug vollzieht sich in einem Prozess, an dem in der Regel mehrere Personen beteiligt sind. Konkret findet er dort statt, wo der Athlet ein Medikament zu sich nimmt, das nicht erlaubt ist, oder ihm eine dritte Person ein Medikament in der Absicht verabreicht, auf diese Weise die Leistung unerlaubt zu manipulieren. Diese Situation ist durch Privatheit gekennzeichnet. Der sportliche Betrüger und sein Umfeld fühlen sich unbeobachtet und sind sicher, dass der Betrug möglich ist und dass er zum Erfolg führt. Über den eigentlichen Vorgang der Dopingmanipulation gibt es deshalb nur ein sehr unzureichendes Wissen. Häufig handelt es sich dabei um indirekte Beschreibungen, um Verdächtigungen, um Mutmassungen. Die Angaben über die Manipulation sind Aussagen von Dritten über Dritte, sie lassen weder empirisch kontrollierbare Schlussfolgerungen zu, noch können sie Grundlage für juristische Konsequenzen sein. Das wirkliche Ausmass des Dopingproblems ist deshalb unbekannt. Nicht einmal Schätzungen über den Umfang des Betruges im Hochleistungssport sind derzeit möglich. Doping ist somit im besten Sinne des Wortes ein Grauzonen-Phänomen.

Ein Definitionsproblem

Das zweite, nicht weniger bedeutsame Problem im Kampf gegen Doping ist die völlig unzureichend beantwortete Frage, was denn unter einer «unerlaubten Leistungsmanipulation» im Hochleistungssport zu verstehen sei. Damit ist das Definitionsproblem angesprochen. Es wird vor allem aber auch die Frage nach der Grenzziehung zwischen erlaubter und unerlaubter Manipulation gestellt. Und es wird die Frage nach dem Konsens aufgeworfen, den das Prinzip des Fair play prägen und von dem dieses Prinzip getragen sein müsste. Körpereigen - körperfremd, natürlich - künstlich, Substitution - Manipulation, oral - infundiert: das sind die bezeichnenden Gegensatzpaare, mit denen die Grenzziehung ermöglicht werden soll. Werden diese Begriffe angewendet, so wird deutlich, dass die Abgrenzung nicht gelingt. Gutachten steht gegen Gutachten, Meinung gegen Meinung. Der kleinste gemeinsame Nenner sind Verbotslisten, wie sie das IOK verabschiedet hat. Das Prinzip des Fair play wird damit jedoch nur bedingt in den Mittelpunkt der Dopingbekämpfung gestellt. Schon gar nicht wird die Frage beantwortet, die die Weltdopingkonferenz in Lausanne diskutierte und die sie mit ihrem Antidoping-Beschluss noch verschärfte: Was ist Doping? Doping wird im neugefassten «Antidoping- Code» des IOK als der Gebrauch von pharmazeutischen Substanzen oder als die Anwendung von Methoden definiert, die gefährlich für die Gesundheit des Athleten und/oder geeignet sind, die Leistung des Athleten auf unerlaubte Weise zu steigern. Damit stellt sich die Frage nach den unerlaubten Methoden auf eine völlig neue Weise. Im weitesten Sinne stellt sich die Frage nach den Sportgeräten und den Sporttechniken, die den Athleten bereitgestellt werden, um ihnen optimale Leistungen zu ermöglichen. Ohne Zweifel wird mit dieser erweiterten Definition das Prinzip des Fair play in den Mittelpunkt der Dopingdiskussion gerückt - ohne dass dabei allerdings die Frage angemessen beantwortet wird, welche Methoden dem Hochleistungssport entsprechen beziehungsweise welche dieses Prinzip verletzen.

Ein ungeklärtes Problem ist auch die Nachweisbarkeit jener Substanzen, mittels deren Athletinnen und Athleten versuchen, ihre Konkurrenten zu betrügen. Beispielhaft wird dieses Problem derzeit an der Substanz Erythropoietin (Epo) diskutiert. Prinzipiell muss davon ausgegangen werden, dass angesichts der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungsprozesse innerhalb der pharmazeutischen Industrie immer wieder neue Substanzen auf den Markt kommen, die zur Leistungssteigerung missbraucht werden können und deren Nachweisbarkeit in den Labors nicht als gesichert gelten kann. Der Kampf gegen Doping gleicht somit einem Hase-Igel-Rennen, das nicht gewonnen werden kann. Erschwerend kommt hinzu, dass neuere Erkenntnisse in der Genforschung und bestimmte gentechnische Praktiken die Annahme nahelegen, dass ein geklonter Athlet zumindest denkbar ist.

Verfahrensfehler und Schadenersatz

Ein äusserst folgenreiches, viertes Problem, das vor allem jene beschäftigt, die konsequent gegen Doping kämpfen, ist das Problem des Schadenersatzes. Dieses Problem entsteht dann, wenn im Kampf gegen Doping - von wem auch immer - Fehler gemacht wurden und damit möglicherweise Schaden verursacht wurde. Dabei sind viele Fehler möglich. Während der Kontrolle können gegenüber dem Athleten Verfahrensfehler begangen werden, bei denen der Schutz der Privatsphäre gefährdet ist. Die Kontrolle kann technisch mangelhaft vorgenommen werden. Die erhobenen Proben können beim Transport zum Labor gefährdet beziehungsweise manipuliert werden. In den Labors können Analysefehler auftreten und in der Kommunikation über die Proben Unstimmigkeiten auftauchen, die zu folgenschweren juristischen Massnahmen führen können.

Bisher haftet bei allen Verfahrensfehlern, die sich bei Dopingkontrollen nachweisen lassen, der verantwortliche Sportfachverband. Hingegen haben sich alle übrigen Beteiligten einer Haftung entzogen. Wenn zum Beispiel nach einem Jahr ein Labor einem Fachverband mit Bedauern mitteilt, dass es fälschlicherweise auf Grund eines Verfahrensfehlers eine Probe als positiv deklariert hat - was zur Sperre eines Athleten führte -, so bleibt dem Verband lediglich, sich bei dem betroffenen Athleten zu entschuldigen und zu hoffen, dass dieser keine Schadenersatzansprüche gegen ihn richtet. Angesichts der fortschreitenden Kommerzialisierung und Professionalisierung des Hochleistungssports ist diese Hoffnung jedoch in nahezu allen Fällen vergeblich. Nachgewiesene Verfahrensfehler führen vielmehr zu Schadenersatzforderungen, welche die gegen Doping kämpfenden Sportfachverbände in ihrer Existenz gefährden können, ohne dass diese Verfahrensfehler von ihnen verschuldet wurden.

Sperren und ihre Durchsetzbarkeit

Das am häufigsten diskutierte Problem ist die Frage nach der angemessenen Bestrafung und nach der Durchsetzbarkeit von Sperren. Es geht dabei vorrangig um die Frage nach einem sinnvollen Verhältnis zwischen einer autonomen Verbandsgerichtsbarkeit und einer staatlichen Rechtsordnung, die derjenigen des Verbandes übergeordnet ist. Folgt man dabei einer pragmatischen Vorstellung über diese Arbeitsteilung, so ist es die naheliegende Aufgabe der Fachverbände, über die selbstgesetzten Regeln ihrer Sportart zu wachen. Eine besondere Bedeutung hat dabei das Prinzip des Fair play, das teilweise in schriftlich niedergelegten Regeln, teilweise im Sinne eines unausgesprochenen Vertrages zum Tragen kommen muss. Die Sportfachverbände haben dabei vor allem auf einen chancengleichen und fairen Wettkampf in ihrer Sportart zu achten und die sauberen Athleten zu schützen. Deshalb ist es die Aufgabe der Sportorganisationen, bei einem Betrug die potentiellen Betrüger aus dem Verkehr zu ziehen. Bezogen auf Doping bedeutet dies: Liegt eine Meldung über eine positive Urinprobe - weitergereicht über eine unabhängige Agentur - bei einem Sportfachverband vor, so muss der betroffene Athlet suspendiert werden. Auf diese Weise werden die sauberen Athleten vor einem potentiellen Betrüger geschützt. Nach der Suspendierung müsste gemäss dieser Auffassung eine Anhörung des Athleten erfolgen, in der er eine Stellungnahme zu der vorliegenden positiven Probe abgeben kann. Unmittelbar danach müsste die Suspendierung des Athleten in eine Sperre übergeleitet werden, die bei gleichen Delikten zeitlich verbindlich und einheitlich festzulegen ist.

Bei solchen Verbandsverfahren kann es dabei nicht um einen individuellen Schuldnachweis gehen. Es wird vielmehr davon ausgegangen, dass die Athleten für jene Substanz haften, die in ihrem Urin gefunden wird. Ein solches Vorgehen ist schon allein deshalb sinnvoll, weil den Verbänden in der Regel tragfähige Instrumente für weiterführende juristische Beweisverfahren nicht zur Verfügung stehen. Schon gar nicht können Verbände ordentliche Gerichte ersetzen. Deshalb muss von den Verbänden prinzipiell anerkannt werden, dass jedem Athleten und jeder Athletin jene Rechte zugebilligt werden, die ihnen als Grundrechte wie jedem Bürger in unserer Gesellschaft zustehen: vor ein ordentliches Gericht zu gehen oder ein vereinbartes Schiedsgericht anzurufen.

Fühlt sich ein Athlet ungerecht behandelt, glaubt er, ein Opfer einer Manipulation zu sein, so müssen ihm deshalb diese Wege offengehalten werden. Gelingt es dem Athleten, seine Unschuld nachzuweisen, so ist seine Sperre aufzuheben. Schadenersatzforderungen kann der Athlet jedoch an seinen Verband nur dann richten, wenn dem Verband Verfahrensfehler nachgewiesen werden, das heisst, wenn er fahrlässig oder grobfahrlässig seine eigenen Regeln nicht beachtet hat. Hat hingegen ein Verband konsequent die Regeln, die er mit dem Athleten vereinbart hat, beachtet, so ist er nicht zu belangen. Dieser verbandsjuristischen und verbandspolitischen Position stehen heute jene Argumente entgegen, die im speziellen von einer Gruppe von Juristen des IOK oder des Internationalen Fussball-Verbandes vorgetragen werden. Diese vertreten die Auffassung, dass grundsätzlich jeder Athlet, bevor er bestraft werden kann (diese Gruppe spricht dabei nicht von Sperre), einem Verfahren zum Nachweis einer individuellen Schuld zu unterwerfen sei.

Abstrakte juristische Diskussion

Dabei wird von einigen Sportfachverbänden - so etwa vom Fussball und vom Radsport - die Position eingenommen, dass Bestrafungen von Athleten von der potentiellen Dauer der Karriere des Athleten abhängig sein und dass altersabhängige Strafen erfolgen müssten; also dass bei gleichem Delikt unterschiedliche Strafen auszusprechen sind. Es wird dabei ferner die Auffassung vertreten, dass eine Mindestsperre von zwei Jahren angesichts der beruflichen Problematik einiger Athleten, die ihren Hochleistungssport als «Beruf auf Zeit» ausüben, einem Berufsverbot gleichkäme und deshalb nicht rechtens sei. Es wird dabei allerdings verkannt, dass entsprechende Gerichtsurteile diesbezüglich entweder nicht vorliegen oder lediglich die Auffassung stärken, dass eine Mindeststrafe von zwei Jahren - zumindest für Deutschland - durchsetzbar ist.

Die juristische Diskussion, die hierüber geführt wird, hat einen auffällig abstrakten Charakter. Sie weist nicht selten machtpolitische Gesichtspunkte auf und erweckt zumindest teilweise den Verdacht, dass sie im Interesse jener geführt wird, die im Sport die Betrüger sind. Und dass dabei nicht jene im Blick sind, die sich für einen sauberen Sport einsetzen. Dessenungeachtet müssen die rechtlichen Bedenken anerkannter Juristen ernst genommen werden, und es muss eine Lösung herbeigeführt werden, bei der die vom Sport ausgesprochenen Sanktionen nicht mit dem jeweiligen staatlichen Recht kollidieren. Es muss somit ein Weg gefunden werden, der vom Sport zugunsten der sauberen Athleten erfolgreich und konsequent begangen werden kann.

Freigabe - die dümmste Lösung

Jedes der hier nur skizzenhaft vorgetragenen Probleme ist komplex und mehrdeutig. Einfachere Lösungen scheint es ganz offensichtlich nicht zu geben. Die angeblich einfachste Lösung, nämlich Doping freizugeben, ist dabei die gefährlichste und dümmste zugleich. Das System des Hochleistungssports benötigt für sein Überleben einen qualifiziert ausgebildeten Nachwuchs. Dies kann auf Dauer nur gesichert werden, wenn der Sport von Kindern und Jugendlichen auf pädagogisch tragbare Weise fundiert ist. Nicht zuletzt deshalb ist der Problemdruck im Hochleistungssport derzeit enorm, und gerade deshalb sind Bemühungen um nachvollziehbare Lösungen zwingend erforderlich. Notwendig ist, dass ein internationales Kontrollsystem aufgebaut wird; dass ein juristisch tragfähiger Nachweis der unerlaubten Substanzen gelingt und dass jene finanziell abgesichert werden, die konsequent gegen Doping kämpfen. Dabei bedarf es sowohl nationaler als auch internationaler Anstrengungen. Gehen die internationalen Bemühungen nicht mit der nationalen Dopingbekämpfung einher, so wird der nationale Kampf gegen Doping in seiner Substanz gefährdet. Deshalb sind die internationalen Repräsentanten des deutschen Sports aufgefordert, einen konsequenten und glaubwürdigen Weg im Kampf gegen Doping zu gehen. Entschiedener denn je wird es darauf ankommen, dass die internationalen Fachverbände und das IOK glaubwürdige und vor allem tragfähige Schritte im Kampf gegen Doping unternehmen.

Helmut Digel ist Inhaber des Lehrstuhls für Sportwissenschaftan der Technischen Hochschule Darmstadt und ab 1. Oktoberauch in Tübingen. Im Ehrenamt fungiert Digel als Präsident desDeutschen Leichtathletik-Verbandes. Dieser Artikel ist auch inder «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» erschienen.



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