Dopingkontrollen in der Schweiz: Neues Kontrollkonzept

Tages-Anzeiger vom 21.7.99

Die Dopingkontrolleure des Schweizerischen Olympischen Verbandes (SOV) haben jüngst in zwei Fällen keine gute Figur gemacht. Jetzt soll das System geändert werden.

Von Peter Haab

Zwei Aktionen von Dopingkontrolleuren des Schweizerischen Olympischen Verbandes haben in den vergangenen Wochen in der Öffentlichkeit für Schlagzeilen gesorgt. Erst gabs die Konfusion um eine Verwechslung im Fall von Radprofi Armin Meier. Und beim Tennisturnier in Gstaad wurde ein SOV-Kontrolleur mit dem Hinweis, dass die Doping-Rechtshoheit bei der ATP liege, höflich, aber bestimmt von der Anlage gewiesen. Zwei Vorfälle, die der Glaubwürdigkeit des Olympischen Verbandes in Sachen Dopingbekämpfung nicht förderlich waren.

"Mit einem guten Kontrolleur wäre der Fall Meier nicht passiert", bestätigt Fred Ernst, Koordinator der Fachstelle für Dopingbekämpfung beim SOV. "Doch der Vorfall in Gstaad hat mit der Person des Kontrolleurs wenig zu tun. Dort ergab sich ein Problem, weil die zwei verschiedenen Rechtssysteme der ATP und des SOV miteinander kollidiert sind."

180 Kontrolleure im Milizsystem

Dem Dopingfachmann des SOV ist jedoch klar, dass das SOV- Kontrollsystem nicht mehr ganz zeitgemäss ist. Die Kommission für Dopingbekämpfung arbeitet mit 180 Kontrolleuren, die nach dem Milizsystem organisiert sind. Die Personalrekrutierung funktioniert in gleicher Weise wie das Schiedsrichterwesen im Fussballverband. Das heisst, die Mitgliederverbände müssen dem SOV Personen melden, die sich für die Aufgabe des Dopingkontrolleurs zur Verfügung stellen. Die Freiwilligen werden anschliessend von den zuständigen Funktionären des SOV einen Abend lang für ihre künftige Aufgabe ausgebildet.

Im Verhältnis zur Wichtigkeit ihrer Funktion erscheint diese Ausbildungszeit der neuen Kontrolleure etwas gar knapp. Für Fred Ernst ist sie aber absolut ausreichend: "Die paar Stunden reichen aus. Es ist ja schliesslich keine Hexerei, ein Urinfläschchen zu versiegeln." Um Klüngeleien unter Sportkollegen zu vermeiden, werden die Kontrolleure ausschliesslich sportartenfremd eingesetzt. Die rekrutierten Kontrolleure aus dem Skiverband kontrollieren also zum Beispiel Tennisspieler oder Handballer, werden aber nie zur Überprüfung eines Skirennfahrers aufgeboten.

Die Problematik in Bezug auf die Ausbildung liegt darin, dass im heutigen sensiblen Umfeld der Dopingkontrolleur am besten gleich Arzt und Jurist in einer Person sein müsste. Falls einer gleichzeitig noch ein paar Fremdsprachen beherrscht, ist das natürlich überaus hilfreich. Darüber hinaus müssten derart qualifizierte Personen auch noch bereit sein, ihre Dienste für einen Tagesansatz von 70 Franken plus Spesen zu verrichten. "Bei dieser Ausgangslage versteht es sich wohl von selbst, dass nicht alle 180 Milizkontrolleure Spitzenfunktionäre sind", unterstreicht Fachkommissions-Koordinator Ernst.

Vier vollamtliche Stellen geplant

Jetzt liegt beim Olympischen Verband, der im Dopingkontrollbereich seit 1990 mit dem relativ kostengünstigen Milizsystem arbeitet, ein neues Konzept vor: Der SOV möchte künftig zwei vollamtliche Teams (je ein Mann und eine Frau) anstellen, die in erster Linie selbst Kontrollen durchführen, gleichzeitig aber auch als Fachausbildner und Ratgeber für rund 60 weitere Milizkontrolleure zuständig sind. Dieses Modell wäre ein erster wichtiger Schritt nach vorn. Unklar ist noch, wie er finanziert werden soll. Bisher waren für die Fachstelle für Dopingbekämpfung 800000 Franken pro Jahr budgetiert. Falls in Zukunft vier neue Leute fest angestellt und die 60 Milizionäre besser entschädigt werden, dürften die jährlichen Kosten auf rund 1,6 Millionen Franken steigen. Diese Budgetaufstockung kann nur das Sportparlament des Olympischen Verbandes' anlässlich seiner Versammlung vom 6. November im Haus des Sports in Bern bewilligen. "Das wird ganz sicher nicht einfach", vermutet Fred Ernst. "Weil die zusätzlichen Mittel ja irgendwo abgezweigt werden müssen, wird diese Abstimmung zum Politikum."

Was die zukünftige rechtliche Handhabe des SOV gegenüber Veranstaltungen von internationalen Verbänden auf Schweizer Boden betrifft, verweist Ernst auf das Internationale Olympische Komitee (IOK). "Das IOK muss die geplante Dopingagentur ins Leben rufen und gleichzeitig international gültige Rechtsgrundlagen schaffen, denen auch die mächtigen Sportverbände unterworfen sind." Heute ist es noch so, dass der Radsport-, der Leichtathletik- oder der Fussballverband die Dopinghoheit nicht an nationale olympische Verbände abgeben wollen, weil all diese Sportinstitutionen für sich in Anspruch nehmen, über das beste Dopingkontrollsystem zu verfügen.