Der Dopinganalytiker Wilhelm Schänzer über Epo und die Verantwortung der Sportverbände

Neue Zürcher Zeitung 24.7.99

«Wir können den Missbrauch nur einschränken»

Wenngleich positive Dopingproben an der Tour de France das Feld bisher nicht gelichtet haben, bleibt die Skepsis gegenüber dem Radsport doch bestehen. Der Kölner Dopinganalytiker Pr. Dr. Wilhelm Schänzer will das Dopingproblem jedoch nicht bloss auf den Radsport reduziert sehen. Seit dem Tode von Pr. Manfred Donike 1995 leitet der 47jährige Biochemiker das IOK-akkreditierte Dopingkontrollabor am Institut für Biochemie im Hause der Deutschen Sporthochschule Köln. Im Interview äussert sich Schänzer, der aktiv Zehnkampf betrieben hatte, zur mangelnden Finanzierung der Dopinganalytik durch das IOK sowie zu Leistungsrückgängen, die unmittelbar mit Dopingkontrollen im Training zusammenhängen. Die Fragen stellte Stefan Osterhaus.

Herr Schänzer, Befürworter einer kontrollierten Dopingvergabe nennen als Argument, dass die Sportler den gegenwärtigen Anforderungen des Leistungssports nicht mehr gewachsen seien. Widerlegen die Resultate der Dopingfahndung diese Behauptung?

Man sollte Spitzenleistungen nicht immer mit Dopingmitteln in Verbindung bringen. Der Mensch ist ganz sicher zu extremen Leistungen fähig. Dazu braucht er keine Dopingsubstanzen. In den Jahren vor Epo hat es an der Tour de France punkto Anforderungen keine gravierenden Unterschiede gegeben. Da sind genauso wie heute extreme Streckenprofile gefahren worden.

Wenn wir uns zum Beispiel die Entwicklung im 100-m-Lauf der Männer anschauen, hat es dort auch keine riesigen Leistungsexplosionen gegeben; auch nicht im Vergleich mit jenen Zeiten, als noch nicht mit Anabolika im Leistungssport gearbeitet wurde. Anders gestaltet sich die Situation vor allem in den Wurfdisziplinen der Frauen. Dort sehen wir, dass es seit der Einführung der Trainingskontrollen 1988/98 zu einem Rückgang der Leistungen gekommen ist. Die Kontrollen scheinen Wirkung gezeigt zu haben. Ich glaube, dass der Einsatz von anabolen Steroidhormonen, mit denen man gerade bei Frauen Leistungsverbesserungen erzielen kann, von anderen Substanzen nicht ohne weiteres kompensiert werden kann.

Umstrittener Nutzen des Epo

Der Einsatz der gegenwärtig beliebten Substanz Epo folgt doch eher dem Prinzip des Blutdopings.

Epo ist vor allem für den Ausdauerbereich von Interesse. Das ist eine ganz neue Dimension. Blutdoping wurde schon zu Beginn der siebziger Jahre praktiziert. Man nimmt Blut ab, und nachdem genügend Blutkörperchen nachgebildet sind, führt man Blut zu, um mehr rote Blutkörperchen zur Verfügung zu haben. Epo wird von aussen zugeführt. Nutzen und Gefahren beim Epo sind nach wie vor umstritten. Zuverlässige Informationen über den Leistungszuwachs bei Spitzensportlern liegen aber noch nicht vor. Bei unkontrollierter Einnahme kann es zu Nebenwirkungen bis hin zu Thrombosen kommen.

Ebenso fehlt es noch an einem zuverlässigen Nachweisverfahren. Als Indiz gilt lediglich der im Blut gemessene Hämatokritwert. Teilen Sie die Ansicht von Kritikern, die anmerken, der im Radsport gesetzte Toleranzwert von 50 sei willkürlich gesetzt?

Mit der Einführung des Hämatokritwertes hat der Radsportverband zumindest einen Versuch unternommen, den groben Missbrauch einzudämmen. Es ist aber keine Methode, die einen wissenschaftlich gestützten Epo-Nachweis ermöglicht. Man muss sich meines Erachtens an Referenzwerte halten, die man ermitteln muss; man muss ein statistisches Verfahren einsetzen und daraus Schlussfolgerungen ziehen. Ein Beispiel: Einer von 1000 Athleten liegt ausserhalb des Normbereichs, der hat möglicherweise mit Epo gearbeitet. Dass die UCI den Wert nun bei 50 gelegt hat, das ist meiner Ansicht nach schon willkürlich gewesen. Es gibt auch Fahrer, die kontinuierlich Werte von über 50 aufweisen und deshalb eine Freistellung erhalten. Das Ärgerliche im Falle des Hämatokritwertes ist, dass sich der Wert von aussen recht leicht beeinflussen lässt (so auch durch die reichliche Zufuhr von Wasser. Anm.). Das zweiwöchige Startverbot, das der Radsportverband bei Abweichungen erlässt, ist auch keine Dopingsperre. Der Fahrer gerät jedoch in den Verdacht des Dopings mit Epo, wie gegenwärtig Marco Pantani, mit dessen Fall sich in Italien die Staatsanwaltschaft beschäftigt. Dadurch entsteht oftmals vorschnell ein negatives Image, das nicht immer gerechtfertigt ist.

Fragwürdige Infusionen

Der ehemalige Radprofessional Rolf Wolfshohl berichtete, dass man Fahrern in der Freiburger Universitätsklinik Medikamente mitgegeben habe, ohne deren Inhaltsstoffe zu nennen. Man habe den Athleten lediglich gesagt, dass diese Medikamente leistungssteigernd wirken würden.

Das ist eine Sache, die im Leistungssport sehr häufig praktiziert wird: Man versucht, zu substituieren. Und zwar mit irgendwelchen Substanzen, die der Körper selber nicht produzieren kann oder die möglicherweise die körpereigene Produktion ergänzen. So versucht man permanent mit Mitteln, die nicht auf der Dopingliste stehen, Leistungsverbesserungen herbeizuführen. Kreatin zum Beispiel wird augenblicklich von sehr vielen Sportlern eingenommen. So ist aus meiner Perspektive schon das Verabreichen von Infusionen an Spitzensportler fragwürdig. Es ist zwar erlaubt, jedoch letztlich eine künstliche Massnahme der Regeneration durch Nährstoffzufuhr. Im natürlichen Fall erfolgt diese durch die Nahrungsaufnahme.

Ihr Vorgänger, Manfred Donike, hatte mitunter die Widerstände von Sportfunktionären gespürt. Ist Ihnen bei Ihrer Arbeit eine ähnliche Verweigerungshaltung seitens der Sportorganisationen widerfahren?

Probleme mit Verbänden habe ich eigentlich nicht. Natürlich würde ich mich freuen, wenn wir mehr finanzielle Unterstützung durch die Verbände erhalten würden. Man muss natürlich sagen, dass die Tendenz, mehr Gelder seitens der Sportorganisationen in die Dopinganalytik zu stecken, steigend ist. Im letzten Jahr sind von IOK-akkreditierten Laboratorien 107 000 Kontrollen durchgeführt worden. Das ist ein Anstieg gegenüber den Jahren zuvor. Man muss schauen, wie innerhalb der letzten Jahre die Kontrollaktivitäten der Verbände gewesen sind. Irgendwann kommt es natürlich zu einer Stagnation: Man sagt, die entstandenen Kosten reichen aus, zusätzliche Unterstützung sei nicht möglich. Das muss jeder Verband selbst evaluieren und schauen, ob die Kontrollen effizient gewesen sind. Eine solche Beurteilung sollte allerdings nur durch Experten erfolgen.

Die finanziellen Aufwendungen des IOK beliefen sich in den letzten Jahren auf maximal drei Millionen Dollar pro Jahr. In welchem Verhältnis steht dies zum Mittelbedarf der vom IOK akkreditierten Laboratorien?

Es gibt im Augenblick 26 vom IOK akkreditierte Laboratorien, die 107 000 Kontrollen jährlich durchführen. Die Kosten für die Analyse einer Probe liegen bei etwa 300 Mark. Hinzu kommt der Aufwand für die Probenentnahme, die ich auf etwa 250 bis 300 Mark schätze. Wenn man dies addiert und multipliziert, kommt man auf Summen, die deutlich höher liegen. Die Finanzierung unseres Labors vollzieht sich durch Bundesmittel sowie durch Kontrollen, die wir für nicht geförderte Verbände durchführen. Ein Labor wie das unsere, das etwa 7000 bis 8000 Dopinganalysen pro Jahr vornimmt, veranschlagt einen Etat von etwa 2 Mio. Mark pro Jahr.

Wenig Unterstützung vom IOK

Im vergangenen Jahr sagten Sie, es werde viel Geld für die Dopinganalytik aufgewendet. Ausgenommen davon hatten sie das IOK.

Das ist richtig. Wenn das IOK tatsächlich über diese immensen Einnahmen verfügt, was kaum jemand bezweifelt, dann könnte es mehr Gelder in die Dopinganalytik investieren. Es werden lediglich an den Olympischen Spielen Dopingkontrollen über den Veranstalter vom IOK koordiniert. Im übrigen ist mir nicht bekannt, dass das IOK Gelder in die Dopinganalytik investiert. Zwar unterhält es die Subkommission «Doping und Biochemie», die sich um eine Harmonisierung im Bereich der Dopinganalytik kümmert und zudem die Vergabe der Akkreditierungen an die Laboratorien kontrolliert. Die Subkommission verursacht sicher auch Kosten. Aber das sind keine grossen Beträge.

Gegenwärtig wird viel Wind um die Anti- Doping-Agentur gemacht. Der IOK-Präsident Juan Antonio Samaranch hätte gern den Vorsitz der Agentur übernommen. Zudem verweist das IOK auf die Anschubinvestitionen von 25 Millionen Dollar und möchte die Agentur deshalb gern im IOK-Sitz Lausanne ansiedeln, was auf heftigen Widerstand der EU-Sportminister trifft.

Zum Stichwort Anti-Doping-Agentur muss man vorausschicken, dass die Voraussetzungen zur Akkreditierung eines Labors schon sehr hoch sind. Dazu braucht man keine Anti-Doping-Agentur. Verbesserungswürdig ist die Harmonisierung der weltweiten Trainingskontrollen. Auch diese müssten meiner Ansicht nach eine Akkreditierung erhalten, was bedeutet, dass die Kontrolleure sehr gut geschult sein müssten. Grundsätzlich aber gilt auch in der Dopinganalytik: Unabhängigkeit ist immer zu bevorzugen. Deshalb sind die Forderungen der EU-Sportminister berechtigt.

Ist das Eingreifen von Staat und Justiz, wie etwa in Deutschland durch eine Novellierung des Arzneimittelgesetzes, nicht ein Indiz dafür, dass die sogenannten Selbstreinigungskräfte des Sports endgültig versagt haben?

Die staatliche Unterstützung ist zumindest in Deutschland immer schon dagewesen. Die Förderung der Kontrollaboratorien durch Bundesmittel existiert seit den Olympischen Spielen von 1972 in München. In anderen Ländern ist es sicher ähnlich gewesen. Weltweit ist das Interesse stärker geworden: Immer mehr Länder gehen dazu über, mehr finanzielle Mittel für die Dopingfahndung aufzuwenden. Das ist eine positive Entwicklung. Selbst wenn Samaranch den Vorsitz der Agentur übernehmen möchte: Wichtig ist, dass zum einen endlich eine nennenswerte Summe vom IOK zur Verfügung steht und dass die Agentur ihre Gelder unabhängig an die entsprechenden Stellen verteilen kann, von denen die Mittel zur Analytik und zur Finanzierung von Trainingskontrollen benötigt werden.

Was die Strafverfolgung von Medikamentenhandel im Sport betrifft, so bin ich schon der Ansicht, dass sich der Gesetzgeber in solchen Fällen einschalten muss. Das Bewusstsein muss auch bei den Sportlern geschärft werden: Sie tun etwas, was nicht legal ist. Bisher mögen sie der Ansicht gewesen sein, lediglich gegen eine Sportregel verstossen zu haben.

Suche nach neuen Substanzen

Ihr Mitarbeiter Andreas Breidbach äusserte sich gegenüber der NZZ pessimistisch: Wenn endlich ein Nachweisverfahren für Epo existiere, hätten sich die Professionals längst anderer Substanzen bedient.

Das sehe ich anders. Wenn eine Substanz da ist, die effektiv eine Leistungsverbesserung bringt, das haben wir bei den anabolen Steroiden gesehen, werden diese immer wieder auffällig. Man kommt von diesen Substanzen erst dann weg, wenn man zuverlässige Nachweisverfahren zur Hand hat und die Athleten so gezwungen sind, sich anderen Präparaten zuzuwenden. Die Frage ist nur: Gibt es solche Präparate auf dem Markt? Die Anabolika sind in den sechziger Jahren auf den Markt gelangt. Und immer noch sehe ich keine Mittel, die den Effekt von Anabolika auch nur annähernd kompensieren können.

Wie lange dauert es, bis ihnen zuverlässige Informationen über neue Dopingsubstanzen vorliegen?

Das ist sehr unterschiedlich, zumal man diese Informationen auch auf ihre Zuverlässigkeit überprüfen muss. Wir haben schliesslich keine Leute in die Professionalszene eingeschmuggelt, die uns mit Informationen beliefern können. Zumeist stammen die Informationen von Kontrolleuren, denen etwas zugetragen wurde, in anderen Fällen auch von Athleten, die wir des Dopings überführt haben. Im Falle von Epo lagen Donike und mir Informationen seit 1993 vor, also etwa zwei Jahre nachdem die Sportler mit dem Experimentieren begonnen hatten.

Skeptiker merken an, dass der Einsatz von Epo die Richtung weise zu Genmanipulationen im Leistungssport. Wenn der Körper die Produktion von Hormonen selbst übernehmen könnte, wie wäre es dann um die Nachweisbarkeit bestellt?

Der genmanipulierte Sportler? Das ist natürlich die Horrorvision für die Zukunft. Wenn es den genmanipulierten Menschen gibt, wird es auch den genmanipulierten Sportler geben, davon gehe ich aus. Voraussetzung ist, dass therapeutische Verfahren existieren, die einsetzbar sind. Aber die gibt es bisher noch nicht. Inwieweit sich dadurch Leistungsverbesserungen erzielen lassen, ohne den Körper zu schädigen, das werden wir erst mal noch nachweisen müssen. Wenn Versuchstiere Muskelmasse ansetzen und später dann zusammenbrechen, sind wir sicherlich mit einer bedenklichen, offenen Frage konfrontiert. Aber ich bin nicht davon überzeugt, dass es gelingen wird, Menschen genetisch so zu «züchten», dass es zu permanenten Spitzenleistungen kommt.

Sauberer Sport eine Illusion

Begreift man den Sport als einen Teil der Gesellschaft, erschliesst sich ein betrübliches Bild: Der Sport wird sich des Dopings sicher nicht entledigen können.

Ja, so ist es eben. Wir können lediglich den Missbrauch einschränken. Im Spitzensport ist schon viel erreicht worden. Aber zu sagen, wir bekommen den Spitzensport sauber, das ist eine Illusion. Das Einschränken von Missbrauch wird sich weiterhin nur erfolgreich gestalten lassen, wenn weltweit auf dem gleichen Niveau in der Dopinganalytik sowie bei den Trainings- und Wettkampfkontrollen gearbeitet wird.