"FŸr den Kšrper ist Fasten existenzbedrohend" Tages-Anzeiger; 2002-02-13; Seite 42 Ein gŠnzlicher Nahrungsverzicht ist gefŠhrlich. Wer hingegen in der Fastenzeit auf Genussgifte verzichtet, tut seinem Kšrper Gutes. Mit Sven-David MŸller* sprach Anke Fossgreen Am heutigen Aschermittwoch beginnt fŸr Christen die 40-tŠgige Fastenzeit. In allen grossen Weltreligionen ist der Nahrungsverzicht als Form der Askese bekannt. Nachdem das deutsche Institut fŸr ErnŠhrungsmedizin und DiŠtetik vor den gefŠhrlichen Nebenwirkungen des Heilfasten warnte, protestierten Fastenkliniken und Naturheilkundler heftig. Bleiben Sie bei Ihrer Aussage, dass ein vollstŠndiger Verzicht auf Nahrung fŸr einige Tage gesundheitsschŠdlich ist? Auf jeden Fall. Das so genannte Heilfasten bedeutet, dass man eine sehr energiearme Kost - also keine oder nur bis zu 600 Kalorien pro Tag - zu sich nimmt. Unser Organismus ist nun aber auf eine Vielzahl von Nahrungsinhaltsstoffen angewiesen, die tŠglich oder zumindest im Wochenrhythmus ausgewogen zur VerfŸgung stehen mŸssen. Die DiŠt beim Heilfasten ist sehr eiweissarm, enthŠlt keine essenziellen FettsŠuren und kaum Vitamine und Mineralien. Der Kšrper leidet Hunger und greift die eigenen Reserven an. Aber genau das ist doch beim Heilfasten erwŸnscht. Es sollen Giftstoffe abgebaut und "Schlacke" ausgeschwemmt werden. Im menschlichen Kšrper fŠllt schlichtweg keine Schlacke an. NatŸrlich gibt es im Organismus Giftstoffe, aber die lagern sich nicht ab. UnnŸtze Stoffwechselprodukte werden kontinuierlich Ÿber die Nieren, die Leber und die Atmung entgiftet und ausgeschieden. WŠre das nicht der Fall, wie beispielsweise bei einer Leberzirrhose oder Niereninsuffizienz, dann vergiftet der Mensch. Offensichtlich verliert man bei einer NulldiŠt an Gewicht. Kann das fŸr Menschen, die ein paar Pfunde loswerden mšchten, positiv sein? Nein, denn die NulldiŠt ist keine Methode zum Abnehmen. Das sagen selbst die Fastenkliniken. Die Gewichtsabnahme durch eine derartige Radikalkur ist ja gerade die Gefahr, denn der hungernde Mensch verliert zunŠchst einmal Wasser und baut dann Muskelmasse ab, und zwar pro Tag zwischen 25 und 50 Gramm. Nach 14-tŠgigem Fasten fehlt ein halbes Kilo an Muskulatur. Dies ist der Grund fŸr den "Jojo-Effekt". Das heisst, nach einer Fastenkur nimmt man mehr zu, als man zuvor abgenommen hat. Was passiert dabei im Kšrper? Durch den Verlust an Muskelmasse reduziert sich der Energiebedarf, der so genannte Grundumsatz, des Kšrpers. Der ist nŠmlich abhŠngig von der aktiven Kšrpersubstanz, also den Muskeln. Bei einem durchschnittlichen Erwachsenen sinkt nach dreiwšchigem Fasten der Energiebedarf um etwa 10 Prozent, also um 200 Kalorien. Dieser verringerte Bedarf bleibt aber auch dann niedrig, wenn man wieder isst. Und dann bildet sich nicht etwa Muskulatur, sondern Fett. Warum ist ein Abbau von Muskelmasse ein Problem? WŸrde sich nur der Oberschenkelmuskel etwas zurŸckbilden, dann wŠre das vielleicht nur eine Frage des Aussehens. Doch gleichzeitig wird auch der Herzmuskel angegriffen. FŸr junge gesunde Menschen ist das kein Problem. Doch die Fastenklientel besteht zumeist aus Šlteren Menschen, die zudem an Krankheiten leiden. Selbst 45-JŠhrige kšnnen schon unter Arteriosklerose leiden oder auch schon einen Herzinfarkt gehabt haben. Diese Menschen sollten in keinem Fall fasten, ebenso diejenigen, die eine Stoffwechselerkrankung haben. FŸr insulinpflichtige Diabetiker ist Heilfasten absolut tabu. Sie beschreiben die Gefahren des Fastens. Es gibt aber auch Menschen, die sich durch das Hungern auf sich selbst konzentrieren und dabei GlŸcksgefŸhle empfinden. Wenn ein junger, gesunder Mensch fasten mšchte, um zu sich selbst zu finden oder um eine Fastenklinik reich zu machen, ist das nicht weiter bedenklich. Es gibt aber keine medizinische Notwendigkeit fŸr einen derartigen Nahrungsverzicht. Warum soll man den Kšrper in einen Hungerstoffwechsel versetzen, der fŸr ihn existenzbedrohend ist. FŸr den Kšrper ist das eine Stresssituation. . . . und die kann zu Nebenwirkungen fŸhren. Welche beispielsweise? Das kšnnen KonzentrationsschwŠchen, Elektrolytstšrungen oder ein FlŸssigkeitsmangel sein, der zu Kreislaufproblemen fŸhrt. Es kann aber auch der HarnsŠurespiegel ansteigen, was einen Gichtanfall auslšsen kann. Ohne Nahrung entleert sich zudem die Gallenblase nicht regelmŠssig. So kšnnen sich Gallensteine bilden und eine Gallenkolik auslšsen. Es kann bei vorbelasteten Menschen zu Herzrhythmusstšrungen kommen und damit theoretisch auch zum Herzinfarkt und zum Tod. Bei dieser Reihe an mšglichen Komplikationen ist es besonders gefŠhrlich, wenn jemand diese radikale Hungerkur alleine zu Hause nur mit einem Fastenbuch macht. Gibt es andere Formen zu fasten, die Sie sinnvoll finden? Wer aus religišsen oder kulturellen GrŸnden beispielsweise auf bestimmte Nahrungsmittel und Genussgifte verzichtet, um sich auf sich selbst zu besinnen, tut seinem Kšrper etwas Gutes. Es gibt Menschen, die zwischen Aschermittwoch und Ostern ganz bewusst auf Nikotin, Alkohol, Schokolade, Fastfood oder Kaffee verzichten. Dieses Fasten will keine Gewichtsreduktion, das ist schlicht und ergreifend gesund. * Sven-David MŸller ist DiŠtassistent und GeschŠftsfŸhrer des Deutschen Instituts fŸr ErnŠhrungsmedizin und DiŠtetik.