Fitnesswahn verführt Freizeitsportler zum Doping

Von Hanno Kautz, Ärztezeitung

Beim Blick auf den Laborbefund schrillen die Alarmglocken. "Sie haben Leberwerte wie ein Alkoholiker", versucht der diensthabende Arzt in der Notaufnahme der Berliner Charité patientengerecht zu übersetzen. Vergebens. Er erntet lediglich breites Grinsen. Der 20jährige Hüne vor ihm spielt lieber mit seinen Muskeln als mit seinem Verstand. Er habe die jüngste Anabolikakur wohl nicht so gut vertragen, meint er lakonisch. "Tiefstes Wedding  –  "unbelehrbar", wird sein Arzt später resigniert feststellen.

Europaweite Studie belegt Doping im Freizeitsport

Das Phänomen ist dem Doktor nur zu bekannt. Dass beim Versuch, zum Schwarzenegger-Verschnitt zu mutieren, der Griff in die medikamentöse Trickkiste eher die Regel als die Ausnahme ist, steht spätestens seit einer bundesweiten Studie aus dem Jahr 2000 fest. Danach dopen sich fast 40 Prozent der deutschen Bodybuilder zum Muskelmenschen.

Dass aber auch der normalsterbliche Fitnessjünger im Freizeit- und Breitensportbereich leistungssteigernde Mittel schluckt, konnte bislang nicht ausreichend belegt werden. Eine europaweite Studie bestätigt jetzt erstmals diesen Verdacht. Umfragen unter Besuchern von Fitness-Studios in Deutschland, Belgien, Italien und Portugal zeigen, dass beim Streben nach Schönheitsidealen europaweit gesundheitliche Schäden in Kauf genommen werden.

Fitness-Studios lassen sich ungern in die Karten gucken

Genau quantifizieren lässt sich das gesamtgesellschaftliche Doping-Problem allerdings nicht. Nur wenige der angesprochenen Fitness-Studios beteiligten sich an der Fragebogenaktion der EU. "Die Mitgliedsländer haben zum Teil sehr restriktive Anti-Doping-Gesetze", erklärt Anja Surmann, Leiterin des Sportreferats im niedersächsischen Innenministerium, das die EU-Studie ins Rollen gebracht hatte. "Viele Fitness-Studios und Sportler haben aus Angst vor Repressionen ihre Teilnahme verweigert."

Besonders die deutschen Studio-Betreiber zeigten sich nicht gerade kooperativ. Gerade einmal 100 Fragebögen konnten die Sportwissenschaftler hierzulande auswerten. Nicht genug, um zu repräsentativen Ergebnissen zu gelangen. Zusammen mit Vorläuferstudien allerdings genug, um ein Problem zu verifizieren.

100 Millionen Euro werden auf dem Schwarzmarkt umgesetzt

Zuletzt hatte die sogenannte Boos-Studie für Aufsehen gesorgt. 22 Prozent der Männer und sieben Prozent der Frauen, die sich an der anonymen Umfrage Ende der 90er Jahre in deutschen Fitness-Studios beteiligt hatten, nahmen Medikamente, um Trainingserfolge zu verbessern. Auch diese Umfrage konzentrierte sich auf eine Klientel jenseits der Bodybuilder-Szene: Freizeit- und Breitensportler.

In der Europa-Studie konnten diese Ergebnisse zwar nicht bestätigt werden, dafür aber die Tendenz. "Die Dimension der Missbrauchsbereitschaft wird deutlich", heisst es in der EU-Studie. Umfrageergebnisse kombiniert mit den Daten von Interpol, Zoll- und Landeskriminalämtern über den illegalen Handel mit Dopingmittel lassen darauf schliessen, dass die Zahlen der Boos-Studie auf Bundesebene übertragbar sind. Nach Schätzungen werden auf dem deutschen Schwarzmarkt 100 Millionen Euro jährlich für Anabolika, Antiöstrogene, Choriongonadotrophin, Tyroxinpräparate und Ähnliches ausgegeben. Besonders beliebter Marktplatz zum Shoppen für überambitionierte Freizeitsportler: das Internet.

"Anti-Doping-Gesetze werden diesen besorgniserregenden Trend im Freizeit- und Breitensport nicht stoppen können", meint Anja Surmann vom niedersächsischen Innenministerium. Viel wichtiger sei, an der Ursache des Medikamentenmissbrauchs anzusetzen. "Das Training auf die Wünsche der Kunden auszurichten, ist die beste Prävention", so Surmann.

Die Vorschläge in der vorliegenden EU-Studie zur Doping-Bekämpfung sprechen dieselbe Sprache. Zwar heisst es dort, die EU-Länder sollten schleunigst ihre Gesetze so harmonisieren, dass der illegale Handel mit Doping-Mitteln effektiv bekämpft werden kann. Auch wird auf die geplante Richtlinie der EU verwiesen, die die Zulassung von Nahrungsergänzungsmitteln europaweit regulieren soll.

Besonderes Anliegen ist aber, die Qualität der Fitness-Studios und Fitness-Trainer in Europa über einheitliche Ausbildungswege, allgemeingültige Anforderungsstandards an die Studios, Informationskampagnen und ein europaweites Zertifizierungssystem für die Studios zu steigern. Die Strategie dahinter: Wenn ein Trainer seinem Fitnessjünger vermittelt, wie dieser sein Schönheitsideal schnellstmöglich selbst ohne Drogen erreicht, dann braucht der Affe keinen Zucker.

Fazit

Eine EU-Studie zum Doping-Missbrauch in Fitness-Studios belegt: Doping ist kein Phänomen, das lediglich auf Leistungssport und Body-Building-Szene beschränkt ist. Selbst Freizeit- und Breitensportler greifen zu Arzneimittel, um Trainingserfolge zu verbessern. Bei allen vernünftigen Vorschlägen, wie dieser Trend bekämpft werden kann, wissen die Studien-Verfasser: "Massnahmen zur Dopingbekämpfung können erst dann wirklich greifen, wenn der Leistungssport sich auch in diesem Bereich als Vorbild präsentiert."