Dem Chef soll nun sein Stellvertreter folgen

In Sachen DDR-Staatsdoping soll weiter prozessiert werden

Neue Zürcher Zeitung, 23.4.1999

Mit der Verurteilung des Leiters des Sportmedizinischen Dienstes, Dietrich Hannemann, ist erstmals ein Urteil gegen einen Verantwortlichen der Planungsebene im DDR-Staatsdoping ergangen. Auch gegen Verantwortliche des ehemaligen DDR-Schwimmverbandes und den SMD-Vizechef Manfred Höppner könnten bald weitere Verfahren anstehen.

sos. Die vom deutschen Bundestag festgelegte Verjährungsfrist für in der DDR verübte Vergehen leichten bis mittelschweren Grades ist für die juristische Aufbereitung des DDR-Staatsdopings an Minderjährigen von entscheidender Bedeutung: am 3. Oktober 2000 werden diese Vergehen verjährt sein, sofern die zuständigen Gerichte nicht zu einem Urteil in erster Instanz gekommen sind. Ein eingeleitetes Verfahren, das noch nicht zum Abschluss gekommen ist, wird dannzumal auch ohne Verurteilung beendet sein. Diese Zeitspanne ist nach Einschätzung von Ermittlern und Juristen ausreichend, um zu erstinstanzlichen Verurteilungen zu kommen. Sie biete den Ermittlern jedoch "nicht mehr allzu viel Zeit", wie Berlins Justizpressesprecher Matthias Rebentisch einräumt. Gegenwärtig ermittelt die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (Zerv) allein in Berlin in rund zwanzig Verfahren wegen Körperverletzung durch das Verabreichen von Dopingsubstanzen an Minderjährige.

Bisher waren Verurteilungen nur gegen Coaches und Vereinsärzte ergangen. Nun aber ist die Berliner Staatsanwaltschaft mit der Verurteilung von Dietrich Hannemann der Leiterebene des DDR-Sports, und somit jenen, die aus intellektueller Perspektive die Verantwortung dafür tragen, sehr nahe gekommen. Der heute 64jährige Hannemann war von 1977 bis zum Mauerfall 1989 Leiter des Sportmedizinischen Dienstes der DDR (SMD), er war der direkte Vorgesetzte des als "Dopingchef" bezeichneten stellvertretenden SMD-Leiters Manfred Höppner, der massgeblich an der Ausarbeitung des dopingverordneten "Staatsplanthemas 14.25" beteiligt gewesen war. Hannemann wurde die Beihilfe zur Körperverletzung in 109 Fällen zur Last gelegt, 25 dieser Sportler aus den Bereichen Schwimmen und Leichtathletik hatten Strafantrag gegen ihn gestellt. Hannemann hatte die von Manfred Höppner alljährlich aufgestellte finanzielle Bedarfsplanung für Dopingmittel legitimiert und habe so zu Körperschäden bei den jungen Athletinnen wie etwa einer Beeintlussung des Fettstoffwechsels beigetragen. – Das gegen Hannemann verhängte Strafmass ist das bisher höchste, das gegen einen DDR-Sportmediziner verhängt wurde: Die Geldstrafe beläuft sich auf 45 000 Mark, was 250 Tagessätzen zu je 180 Mark entspricht. Die sechs Angeklagten im sogenannten Pilotprozess gegen Verantwortliche des SC Dynamo Berlin (die Sportarzte Bernd Pansold und Dieter Binus sowie die Schwimmtrainer Dieter Krause, Dieter Lindemann, Rolf Gläser und Volker Frischke) waren im vergangenen Jahr mit geringeren Geldstrafen oder Verfahrensbeendigungen unter Strafandrohung davongekommen. Die Verurteilung gegen Hannemann erging per Strafbefehl. Eine Hauptverhandlung war deswegen nicht erforderlich, weil Hannemann in allen Anklagepunkten geständig gewesen war und keinerlei Einsprüche geltend machen wollte.

Das gegen Hannemann ergangene Urteil könnte durchaus Auswirkungen auf mögliche künftige Prozesse gegen hohe Sportfunktionäre wie den Chef des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB), Manfred Ewald, haben. Gegen Ewald laufen Ermittlungen, ebenso kann der Schwimmverbandsarzt, Lothar Kipke, mit einem Prozess in naher Zukunft rechnen, denn Kipke ist durch Aktenmaterial massiv belastet, das bei einer polizeilichen Durchsuchung bei ihm gefunden worden ist. Der Heidelberger Dopingexperte Werner Franke, welcher der Zerv zahlreiche Fälle von Minderjährigendoping angezeigt hat, rechnet ebenso mit einem baldigen Prozess gegen Manfred Höppner: Höppner hatte als Spitzel für den Staatssicherheitsdienst der DDR (Stasi) unter dem Decknamen "IM:Technik>> zahlreiche Dokumente verfasst, welche die Praktiken im DDR-Staatsdoping präzise dokumentieren und Rückschlüsse auf andere Täter zuliessen. Bereits 1991 hatte der Sportmediziner gegen Bezahlung solche Dokumente an die Illustrierte "Stern" transferiert und damit eine Welle von Enthüllungen ausgelöst. Die Ermittlungen gegen Höppner laufen seit geraumer Zeit. In sechs polizeilichen Vernehmungen hatte Höppner umfangreich ausgesagt, nun aber auf Anraten seines Anwaltes weitere Aussagen verweigert. Gerüchte über Höppners Geständigkeit und einen möglichen "kurzen Prozess" wollte Justizpressesprecher Matthias Rebentisch wohl deshalb nicht bestätigen.