Vergangene Woche tat ein Reporter der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press einen Blick in den Garderobenschrank des Baseball-Stars Mark McGwire und erblickte dort auf dem obersten Regal eine Packung Androstendion. Das Präparat, in den USA frei erhältlich, produziert Testosteron und steht daher nicht nur auf der schwarzen Liste des Internationalen Olympischen Komitees, sondern auch auf jener der National Football League. Wie im Profi-Basketball und -Eishockey ist seine Verwendung im "grand old game" der Amerikaner dagegen zugelassen, weshalb McGwire sich vom indiskreten Blick in seine Privatsphäre keineswegs betupft fühlte und freimütig bestätigte, die Pillen schon seit über einem Jahr zu verwenden.

Weil der rotbärtige Zahnarztsohn aus Südkalifornien aber nicht irgendein Baseballspieler ist, sondern zurzeit Amerikas populärster Sportler überhaupt, steht er doch im Begriff, den 37 Jahre alten Home-Run-Saisonrekord (61 Stück) zu übertreffen, hat sein Bekenntnis bemerkenswerte Folgen. Junge bis jüngste Baseball-Amateure ziehen nun eiligst den bequemen Schluss, dass die Einnahme von Androstendion automatisch zur Schlagstärke Marke McGwire führe. Kraft durch Pillen sozusagen – und prangen im Health Food Store, wo einschlägige Produkte verkauft werden, denn nicht schon Plakate mit dem verlockenden Bild eines muskelbepackten Schlagmanns?

Früher kam die Power noch woanders her. Anno 1927 "präparierte" sich der Baseball-Heros Herman "Babe" Ruth bei seinem legendären Home-Run-Saisonrekord (60 Stück) mit Alkohol, der in den USA damals verboten war, sowie mehreren Hot dogs pro Match. In den vierziger Jahren trank Joe DiMaggio, Inhaber eines anderen Baseball-Rekords und später kurzzeitig Ehegatte von Marilyn Monroe, während der Spiele pausenlos Kaffee und rauchte Zigaretten. Als Roger Mans 1961 die Bestmarke des "Babe" übertraf, war es grosse Mode, vor jedem Einsatz ein dickes Steak zu vertilgen. Und welcher Arnerikaner ist nicht von Kindsbeinen an vertraut mit der Trickfilm-Figur von Popeye, dem Matrosen, der eine Dosis Spinat schluckt und dadurch blitzartig zum Herkules wird?

Zur Verbesserung des Rekords fehlen McGwire noch acht Home-Runs. Die Saison dauert bis im Oktober; Experten rechnen damit, dass der Star der St. Louis Cardinals irgendwann im September soweit ist. Dem zu erwartenden Jubel der Baseball-verrückten Amerikaner dürfte Jener in Kreisen der Androstendion-Produzenten vermutlich kaum nachstehen.