Neue Zürcher Zeitung Nr. 255 vom 3.11.98

Drei Zeugen hatte die 34. Grosse Strafkammer des Berliner Kriminalgerichts im Verfahren gegen Bernd Pansold, den letzten verbliebenen Angeklagten im Doping-Prozess gegen Sportärzte und Schwimmtrainer des SC Dynamo Berlin, geladen, doch der Erkenntniswert für die Anklage erschöpfte sich sehr schnell. Zwar trat Manfred Höppner, der stellvertretende Leiter des Sportmedizinischen Dienstes (SMD), in den Zeugenstand – eine Schlüsselfigur im DDR-Staatsdoping -, doch Höppner sagte erwartungsgemäss nicht aus. Der Coach Bernd Esser hatte sich entschuldigen lassen, er hält sich bis zum 5. November in einem Trainingslager in Italien auf. Auch Rolf Gläser, der bereits im selben Prozess wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt worden war, belastete den Sportmediziner nicht, der im österreichischen Olympia-Stützpunkt Obertauern als Leistungsdiagnostiker arbeitet und jüngst im Zusammenhang mit den Doping-Spekulationen um den von ihm betreuten Skistar Herrnann Maier in den Brennpunkt geraten war.

Rolf Gläser skizzierte in seiner Aussage ein freundschaftliches Verhältnis zu Pansold. Über Anabolika hätten sie sich nie ausgetauscht, das Dopingmittel Oral Turinabol habe er nicht von Pansold zur Weitergabe an die Sportlerinnen erhalten. Statt dessen habe Pansold ihm gegenüber geäussert, es sei möglich, ohne Dopingmittel Spitzenwerte im Hochleistungssport zu erzielen. Dass ebendies im DDR-Sport nicht zwingend der Fall war, dafür zeichnet massgeblich Manfred Höppner verantwortlich. Als stellvertretender Leiter des sportmedizinischen Dienstes war er federführend bei der Ausarbeitung des Staatsdopings. Das Dokument, das die flächendeckende Abgabe von Anabolika und männlichen Hormonen im Leistungssport festschrieb, heisst "Staatsplanthema 1425".

Um 11 Uhr 30 betrat Höppner den Zeugenstand. Doch sein Auftritt war kurz und unspektakulär. Seine Beredtheit beschränkte sich auf einen kurzen Dialog. Der Vorsitzende Hansgeorg Bräutigam fragte: "Wollen Sie von Artikel 55 Abs. 2 des Strafgesetzbuches Gebrauch machen?" Höppner entgegnete: "Ich werde von Artikel 55 des Strafgesetzbuches Gebrauch machen." Damit war nicht etwa ein Eventualfall eingetreten, denn Höppner tat nichts weiter, als sein Recht-auf Zeugnisverweigerung in Anspruch zu nehmen. Gegen ihn ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft; somit hätte sich der Sportmediziner durch Aussagen selbst belasten können. Das Aktenmaterial spricht ohnehin gegen ihn. Als Stasi-Mitarbeiter unter dem Decknamen "IM Technik" hatte Höppner stapelweise Berichte verfasst. Die ihm in einem anstehenden Verfahren zum Verhängnis werden könnten.

Bernd Pansold hingegen mag den nächsten Prozesstagen gelassener entgegensehen können. Bisher ist er durch keine Zeugenaussage massiv belastet worden, wenngleich viele Verdachtsmomente gegen ihn vorliegen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, in insgesamt 19 Fällen Sportlerinnen geschädigt oder sie der Gefahr einer gesundheitlichen Schädigung ausgesetzt zu haben. Einen Antrag auf Verfahrensbeendigung wie im Falle der mitangeklagten Volker Frischke, Dieter Lindemann und Dieter Krause, die eine Geldbusse zu entrichten hatten, zieht Pansolds Verteidiger Henly Lange nicht in Betracht. "Wir werden Freispruch beantragen", sagte Lange. Christian Paschen, der die Nebenklägerin im Ge:richtsverfahren vertritt, mag den Optimismus seines Kollegen nicht teile~. "Zahlreiche Dokumente, die im Selbstleseverfahren in die Beweisführung aufgenommen wurden, sind noch nicht ausgewertet." Möglicherweise befindet sich unter diesen Akten das eine oder andere Dokument, das Pansold belastet. Ein Urteil ist noch im November zu erwarten, wenngleich der Prozess bezüglich seiner Länge jegliche Erwartungen übertroffen hat. Es war der 37. Verhandlungstag in Berlin. Ursprünglich hatte der Prozess im Juni enden sollen.

Von Stefan Osterhaus