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NZZ Tagesausgabe

Neue Zürcher Zeitung SPORT Mittwoch, 30.08.2000 Nr.201   53

Zusatzinformation: Textkasten: Neue Bucherscheinung im NZZ-Verlag

Doping - Spitzensport als gesellschaftliches Problem III

Sprechende Bilder

Wie und seit wann wird über Doping gesprochen?

Von Peter Schnyder, Zürich

Das idealisierte Bild der antiken Olympischen Spiele, auf das sich die Vordenker der modernen olympischen Bewegung unter der Ägide von Pierre de Coubertin gegen Ende des 19. Jahrhunderts beriefen, war in vieler Hinsicht ein Zerrbild, ein Zerrbild freilich, das in einer reichen und fruchtbaren Tradition klassizistischen Denkens stand. Sowohl in der Kunst wie in der Bildung hatte das überhöhte Vorbild der Antike schon seit Jahrhunderten auf das abendländische Kulturleben gewirkt, und es überrascht deshalb nicht, dass schliesslich auch der antike Sport wieder entdeckt wurde. Überraschend ist höchstens, dass diese Wiederentdeckung erst so spät geschah und zu einem Zeitpunkt, da die Vorbildfunktion der Antike in der Kunst und ansatzweise auch im Bildungsdiskurs schon erschüttert war. Der Sport wurde mithin zu einem letzten Residuum unkritisch klassizistischen Geistes, obschon bereits Zeitgenossen Pierre de Coubertins - wie zum Beispiel Friedrich Nietzsche und dessen Basler Universitätskollege Jacob Burckhardt - auf die Fragwürdigkeit eines einseitig apollinisch verklärten, marmorn-klassizistischen Bildes der Antike verwiesen haben.

«Doping» - Faktum des 20. Jahrhunderts

Ein kritischer Blick zeigt, dass man auch schon in der Antike künstliche Mittel zur Leistungssteigerung kannte. Zugleich wäre es allerdings irreführend, die Praktiken der antiken Athleten einfach mit Dopingpraktiken im ausgehenden 20. Jahrhundert gleichzusetzen. «Doping» ist ein Phänomen, das erst im Zusammenhang mit der beginnenden Etablierung des modernen, professionellen Sports um 1900 und durch eine neuartige, damit einhergehende Verflechtung medizinischer, juristischer und sportethischer Diskursstränge zustande gekommen ist. Oder provokativer formuliert: Das Faktum «Doping» ist erst im Zuge spezifischer diskursiver und institutioneller Veränderungen im 20. Jahrhundert entstanden.

Das Auftauchen dieses neuen Faktums ist auch an der Sprache ablesbar: Erst im beginnenden 20. Jahrhundert erscheint das Wort «Doping» in deutschen Wörterbüchern. Nach Kluges Etymologischem Wörterbuch wurde es aus dem Englischen übernommen, seine weitere Herkunft sei aber nicht sicher geklärt. Trotz aller gebotenen Vorsicht lohnt es sich aber, an dieser Stelle noch einen Blick in den Oxford English Dictionary zu werfen: Sowohl das Substantiv «dope» wie das Verb «to dope» und das davon abgeleitete substantivierte Partizip «doping» tauchen gemäss den dort gegebenen Erstbelegen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf. Dabei konnte das Substantiv ganz unterschiedliche Dinge - von «Flüssigkeit» über «Dummkopf» bis zu «Information» - bedeuten.

Medien und Publikum verbal gedopt?

Das in unserem Zusammenhang wichtigste Element in diesem weiten semantischen Feld ist die Bedeutung «(zähe) Flüssigkeit», denn auch Opium, besonders das dickflüssige Präparat, das beim Opium-Rauchen verwendet wurde, hiess «dope». Von daher hat sich die Bedeutung dann auch auf andere Drogen und stimulierende Substanzen übertragen. Hat man einmal die Verbindung von «dope» zu Opium und anderen Drogen hergestellt, wird auch (wenigstens teilweise) deutlich, wie es zur Bedeutung dope = Dummkopf kommen konnte, ist doch der Konsum vieler Drogen mit einer Einschränkung der Denkfähigkeit verbunden. Besonders reizvoll ist aber der Konnex, der sich dadurch zur Bedeutung dope = Information ergibt. Im entsprechenden Abschnitt des OED wird «dope» unter anderem umschrieben als «information, statement, designed to disguise facts». Solche Information wird also wie eine Droge oder Doping eingesetzt. Denkt man aber daran, wie viele solche Informationen und Statements gerade den Dopingdiskurs prägen, drängt sich gleichsam von der Sprache her der Gedanke auf, dass im Falle der Dopingproblematik nicht nur gewisse Sportler (physisch), sondern auch die Medien und das weitere Publikum (verbal) gedopt sind.

Aber abgesehen von solchen spielerischen Assoziationen stellt sich noch die Frage nach der Vorgeschichte des Wortes «dope» vor seinem Aufkommen im späten 19. Jahrhundert. Wie Ludwig Prokop meint, soll das Wort aus einem afrikanischen Dialekt als «dop» in die Burensprache gekommen sein, in der es einen Schnaps bezeichnet habe, «der bei den Kulthandlungen der Kaffern als Stimulans verwendet» worden sei. Nun gab es in Südafrika tatsächlich einen «dopbrandy», doch da sich die ersten lexikalischen Nachweise dafür erst nach dem Aufkommen des Wortes «dope» finden, ist der Verweis auf die Herkunft des Letzteren aus einem südostafrikanischen Dialekt doch etwas gewagt. Zumal es viel naheliegender zu sein scheint, dass sowohl das burisch-niederländische «dop» wie das englische «dope» auf einen gemeinsamen Bedeutungskern «Flüssigkeit» zurückgehen.

Sowohl in Afrikaans- bzw. Niederländisch- als auch in Englisch-Wörterbüchern finden sich Hinweise auf einen solchen Kern, und mehr noch, es wird deutlich, dass die Worte «dop» und «dope» beide zur germanischen Wortfamilie von «Taufe» gehören, also ursprünglich auch mit einer sehr besonderen Verwendung von «Flüssigkeit» zu tun haben. Ist man einmal für diesen Zusammenhang sensibilisiert, stösst man im älteren Englisch auch auf das Verb «to dop», dessen Bedeutung heute teilweise durch «to dip» abgedeckt wird, das aber über das alltägliche, säkulare «Eintauchen in eine Flüssigkeit» hinaus vor allem auch das sakrale Eintauchen, eben das Taufen («to baptize»), meinte. Und das erklärt schliesslich auch, weshalb beispielsweise von den Baptisten als «the sect of the dop(p)ers» gesprochen werden konnte.

Auch hier ist die Versuchung zu spielerischen Assoziationen natürlich gross: Klingt die Formulierung «Die Sekte der Doper» nicht nach einem besonders gelungenen Titel für einen Enthüllungsbericht etwa aus dem Radsport? Schliesslich hat zum Beispiel auch Willy Voet als einer der Protagonisten im Dopingdrama um die Tour de France 1998 sein Team explizit als «Sekte» bezeichnet. Aber damit ist bereits die Grenze von der Etymologie zur Metaphorik überschritten, und es scheint der Moment gekommen, hier auch einen kurzen Blick auf die auffälligsten Vergleiche und Metaphern im Dopingdiskurs zu werfen.

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