Mittwoch, 6. September 2000
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NZZ Tagesausgabe

Neue Zürcher Zeitung SPORT Mittwoch, 06.09.2000 Nr.207   53

Doping - Sport als gesellschaftliches Problem IV

«Aus meiner Sicht gibt es nur ein Mittel, das nützt: EPO»

Eine Innensicht eines ehemaligen Schweizer Radprofessionals

Aufgezeichnet von Elmar Wagner, Zürich

Als der Radrennfahrer X.* nach etlichen grossen Siegen zurücktrat, hatte er mehr als zehn Jahre Profikarriere hinter sich. Lange hatte er sich gegen Doping gewehrt. Doch irgendwann ging es auch für ihn nicht mehr ohne. Nun spricht der Schweizer über die dominante Rolle von EPO, den Doping-Alltag und die ernüchternde Zeit nach der «Skandal-Tour» 1998.

Erstmals mit Doping konfrontiert wurde ich Anfang der neunziger Jahre in meinem italienischen Team. Doch eigentlich ging es da gar nicht um Doping, weil das fragliche Mittel noch nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen stand. Es ging um Erythropoietin, um EPO. Der Teamarzt versuchte gar nicht erst, uns etwas vorzutäuschen. Er klärte uns ziemlich genau auf, um was es sich bei EPO handelt. Okay, vielleicht wurden wir ein bisschen manipuliert, indem er uns sagte, EPO sei nicht schädlich. Der Teamarzt zwang uns aber nicht zum Konsum dieser Substanz, er überliess es jedem einzelnen Sportler. Doch er sagte uns auch, dass EPO schneller machen würde - und dass es alle Konkurrenten bereits konsumieren.

Ich machte lange keinen Gebrauch von EPO. Ich sagte zu Beginn klar Nein zu dieser Substanz, weil ich zuvor in einer dermassen heilen Welt gelebt hatte, dass ich von der neuen Möglichkeit überrumpelt wurde. Ich war in einem Schweizer Team Profi geworden, und all die Jahre danach war Doping überhaupt nie ein Thema. Meine Rennen gewann ich damals nur mit Wasser und Brot, und ich dachte, das würde ewig so weitergehen. Anfänglich war es kein Problem, dass ich mit EPO nichts zu tun haben wollte. Aber irgendwann blieben die Resultate aus - und der Druck wurde grösser. Von überall her war er spürbar: einerseits von mir selber, andererseits von der Mannschaftsleitung her.

Irgendwann sagte ich: Okay, dann nehme ich halt was. Der Mannschaftsarzt gab mir EPO, das ich allerdings nie injizierte. Zu Hause warf ich alles weg - und so hatte ich vorderhand Ruhe. Die Resultate wurden natürlich nicht besser, und so tauchte der Mannschaftsarzt eines Tages wieder auf. Er fand heraus, dass ich nichts nahm. Doch ich wurde weiterhin nicht zu Doping gezwungen. Ich vermutete jedoch, dass ausser mir alle EPO nehmen - innerhalb der Mannschaft wurde offen darüber geredet.

Der Entscheid für EPO

Eines Tages im Herbst 1994 sagte ich mir: Ich beweise allen, dass es auch ohne EPO geht. Dafür trainierte ich den Winter hindurch pickelhart. Ich kam wirklich super in Form, hatte aber nie eine Chance auf den Sieg. Obwohl ich im Finale stets dabei war, wenn die anderen Gas gaben, fiel ich weg. Ich stellte mir die Grundsatzfrage: Höre ich auf mit dem Velofahren oder mache ich weiter, und zwar mit reellen Erfolgsaussichten? In der Woche, in der ich den Entscheid fällte, fühlte ich mich miserabel. Ganz allein hatte ich die Verantwortung zu tragen: Ich entschied mich fürs Weitermachen. Oder genauer: Ich entschied mich für EPO, und zwar für die Minimalvariante. Von jenem Zeitpunkt an ging es mir psychisch wieder besser, und ich gewann nach einer zweijährigen Durststrecke schnell wieder Rennen.

Durch das Hinzukommen von EPO wurde das Training viel härter und umfangreicher. Zuvor hatte es natürliche Leistungsdifferenzen gegeben, doch die wurden nun verwischt. EPO hob alle Profis auf dasselbe Niveau, den Unterschied konnte man nur noch durch das Training machen. Ich wusste, dass andere Mittel im Umlauf waren. Doch auf diese ist der Rennfahrer nicht angewiesen. Aus meiner Sicht gibt es nur ein Mittel, das nützt: EPO. Allein damit lassen sich Rennen gewinnen. Man könnte es vielleicht so sagen, aus dem Bauch heraus: EPO macht dich 10 Prozent schneller, und alles andere zusammen bringt noch ein halbes Prozent zusätzlich.

Zugegeben, ich weiss nicht, wie viel mir andere Dopingmittel noch gebracht hätten. Ich stelle nur fest, dass ich eine sehr gute Muskulatur habe, ohne dass ich dafür viel tun musste. Ich sehe nicht ein, weshalb ich mit Anabolika noch mehr Muskeln hätte zulegen sollen. Aber der Unterschied zwischen einer Hochform mit und einer ohne EPO war enorm. Bei mittelmässiger Form lässt sich selbst mit EPO nicht viel ausrichten, doch wenn die Form da ist, kann man superschnell fahren. Das ist ein unglaubliches Gefühl: eine Steigung, die man sonst mit 20 km/h erklimmt, plötzlich mit 25 km/h erklimmen zu können.

Offene Kommunikation

Bis zur Tour de France 1998 wurde offen über EPO geredet, innerhalb der Mannschaft und unter den Teams. Das heisst: EPO hat die ganze Kommunikation über Doping offener gemacht. Man redete darüber, weil jeder wusste: Ohne EPO ist nicht viel möglich. Diese Substanz war stets ein Thema. Zum Beispiel, wer dafür bezahlen musste und wer nicht. In meinen Mannschaften hatten wir für EPO zu bezahlen, das bedeutete, dass ich anfänglich für etwas Geld ausgab, das ich zu Hause gleich wieder fortwarf. Das war ein teurer Spass. Als bei uns in der Mannschaft erstmals EPO auftauchte, setzte der Teamarzt die Schwelle bei einem Hämatokritwert von 48 Prozent fest. Ein Jahr später lag der interne Schwellenwert bereits bei 50 Prozent, ein weiteres Jahr später bei 52 Prozent. Er wäre immer weiter gestiegen, hätte der Weltverband UCI 1997 nicht eingegriffen und den maximal erlaubten Wert auf 50 Prozent festgesetzt. Das war das Beste, was die UCI machen konnte.

Als ich in Frankreich unter Vertrag genommen wurde, war ich über die Praktiken einiger französischer Fahrer geschockt. Die hatten dort das Gefühl, EPO allein genüge nicht, und spritzten sich alles Mögliche. Ich versuchte ihnen klarzumachen, dass ich nur EPO nehme, daneben aber hart trainiere. Trotzdem kannte ich keine EPO- Sucht, weil ich genau wusste: Es hilft nur bei Hochform, und diese Form hat man sechs, sieben Wochen pro Jahr, länger nicht. Und je mehr man zuvor ohne EPO leidet, desto besser wirkt es nachher auch im Kopf. Allein der gezielte Einsatz von EPO war daher sinnvoll. Wobei ich Rennfahrer kenne, die im Dezember mit EPO-Injektionen beginnen und erst im September damit aufhören. Doch die fahren keinen Deut besser.

Kein Thema für die Familie

Zu Hause war EPO nie ein Thema, weil ich genau wusste, dass es verboten ist, selbst als es noch auf keiner Dopingliste stand. Auch meiner Frau erzählte ich nichts. Auf Grund ihres Berufes hatte sie genau gewusst, worum es da geht. Sie wäre garantiert dagegen gewesen. Ganz am Anfang unternahm ich zwei, drei Anläufe, ihr alles zu sagen. Doch dann sagte ich mir: Das ist meine Sache. Ich wollte niemanden sonst mit hineinziehen. Auch nach der Tour-de-France-Affäre haben wir nicht darüber gesprochen. Ich hatte ein starkes Mitteilungsbedürfnis, das ich allerdings nur mit Kollegen im Radsport ausleben konnte. Andere Personen hatten das Ganze nicht begriffen. Dieses offene Reden miteinander war mir sehr wichtig. Dabei thematisierten wir auch das schlechte Gewissen. Anfänglich war es ziemlich stark, es bereitete mir seelische Probleme. Aber irgendwann akzeptierte ich, dass Doping zu meinem Beruf gehört.

Die verschiedenen Typen

Meines Erachtens gibt es vier Typen von Radrennfahrern.

-
Der erste Fahrer verschwendet keinen kritischen Gedanken zum Thema Doping. Er lässt
alles mit sich machen. Von denen gibt es viele,
denn der Rennfahrer ist von Natur aus keine
Intelligenzbestie.

-Der zweite Fahrer rennt jedem potenziellen
Dopingmittel nach, weil er der Überzeugung
ist, ohne liesse sich nichts machen. Diese
Typen waren bekannt, weil sie selbst vor
kleinsten Rennen mit Pillen und Spritzen hantierten.

-
Der dritte Fahrer nimmt quasi gezwungenermassen Dopingmittel, weil der Druck inner-
und ausserhalb des Teams sehr hoch ist. Zu
diesem Fahrertyp gehört der weitaus grösste
Teil der Profis, ich schätze rund 80 Prozent. Sie
nehmen zwar EPO, würden aber viel lieber
ohne fahren.

-Der vierte Fahrer nimmt gar nichts. Dieser
Typus war selten. Schliesslich war's bis zur
Tour de France 1998 so: Wer pur fahren
wollte, war nach zwei Jahren mangels Erfolgen
weg vom Fenster. Dazu gibt es sehr viele Beispiele, besonders in der Schweiz.

In der Apotheke

EPO musste ich mir selber besorgen. Obwohl das heikel war, kam ich in der Schweiz relativ einfach an EPO. Ich ging immer in Apotheken, beschritt also den offiziellen Weg. Mit einem ärztlichen Rezept konnte ich EPO in jeder Apotheke beziehen. Die Apotheker sind nicht blöd, die wussten genau, wofür ich das brauchen würde. Beim ersten Mal dachte ich zwar, der Mann hinter der Ladentheke würde mich nicht kennen. Doch bereits bei meinem zweiten Besuch sprachen wir übers Velofahren. Die Apotheker äusserten keine Bedenken, die waren froh, dass sie so leicht den Umsatz erhöhen konnten. Ich hatte trotzdem immer grosse Mühe, eine Apotheke zu betreten. Es brauchte dazu mehrere Anläufe, und der Puls war dabei höher als im Training. Wenn im Laden andere Leute standen, kaufte ich einfach Lutschtabletten, ging wieder und versuchte es später wieder. Es war eine Tortur. Aber ich wollte EPO nicht einfach über eine Relaisstation beziehen. Ich hatte einfach zu grosse Angst vor unsauberen Substanzen und dass irgendwann was auffliegen würde.

Die Veränderungen

Der Dopingskandal an der Tour de France 1998 entwickelte sich ziemlich langsam. Als die Meldung von der Festnahme des Festina-Pflegers Willy Voet eintraf, war mir sofort klar, dass er Dopingmittel mitgeführt hatte. Ich sagte mir, dass es ja irgendwann so weit kommen musste. Mich interessierte einzig, welche Substanzen Voet bei sich hatte. In der Öffentlichkeit wurde das Ganze aufgebauscht. Ich wusste ziemlich genau, was bis zu jenem Zeitpunkt in Sachen Doping gelaufen war, und das war nicht so schlimm, wie die Medien behaupteten. Am meisten ärgerte ich mich aber, dass Leute, die vom Radfahren keinen Schimmer haben, plötzlich grossflächig über Doping berichteten. Radsport, Radsport, immer nur der Radsport. Da gingen mir die Augen auf, ich merkte, wie die Medien funktionieren, die sogenannt seriösen berichteten keinen Deut präziser als die andern. So wurde etwa suggeriert, dass sich an den Rennen alle mit EPO dopen würden. Das ist Unsinn: An der Tour de Suisse nahmen vielleicht 20 Prozent EPO, die andern spritzten an anderen Rennen. Niemand stand das ganze Jahr hindurch unter EPO.

Eigentlich war ich froh, dass der Knall endlich erfolgte. Obwohl danach das Leben als Radprofi viel härter wurde: Jeder misstraute jedem. Selbst unter Kollegen sprach man nicht mehr offen über Doping. Es war das Ende der offenen Kommunikation. Selbst den Leuten in der eigenen Mannschaft traute ich nicht mehr. Damals realisierte ich wieder, dass wir tatsächlich etwas Verbotenes tun.

Die Sprachregelung

Okay, wir Sportler haben uns sicher auch gegen aussen nicht optimal verhalten. Nur haben wir in der Dopingdiskussion lediglich zwei Möglichkeiten: lügen oder nichts sagen. Ich musste eine eigene Sprachregelung finden. Die Kunst dabei war, nicht zu lügen und doch nicht alles zu sagen. Ich musste sehr überlegt formulieren. Ich habe nur ein einziges Mal gelogen, und zwar in einer Fernsehsendung auf die Frage, ob ich gedopt habe oder nicht. Damals muss mir jeder die Lüge angesehen haben, ein dermassen schlechtes Gewissen hatte ich. Ich hatte mich einfach überrumpeln lassen. Diese Unwahrheit bereue ich noch heute. Sonst war ich der konkreten Frage immer ausgewichen.

All jene, die auf die Frage mit Nein antworteten, verloren unter den Radkollegen an Ansehen. Weil sie suggerierten, dass sich alle andern sehr wohl dopen würden. Ich habe auch sonst einige Aussagen von einstigen Konkurrenten mitbekommen, die mich an den Kopf greifen liessen. Mit diesen Leuten möchte ich heute lieber nichts mehr zu tun haben. Es gab auch einige, für die mein Respekt gewachsen ist. Zum Beispiel für die drei Schweizer, die den Dopingkonsum gestanden. Die hielten für uns den Kopf hin. Für uns, die wir kein bisschen besser waren. Anstatt Zülle, Dufaux und Meier zu bestrafen, hätte man besser sämtlichen Profis Straffreiheit garantiert und sie über die Dopingpraktiken sprechen lassen. Aber so ging die ganze Lügerei weiter. Schade, dass die grossen Radstars nicht aufstanden und auspackten, dann wären ihnen alle andern gefolgt. Aber vermutlich hatten wir alle Angst vor den finanziellen Konsequenzen.

Wenig gebracht

Bis zur Tour de France 1998 galt es als Fairplay, sich zu dopen, weil das alle andern auch taten. Doch erst im Frühjahr danach gab es das richtige Fairplay wieder. Ich bin überzeugt, dass beim Saisonstart 1999 fast hundert Prozent der Profis sauber fuhren. Als Rennfahrer merkt man das einfach. Ganz kurz hatte ich die Hoffnung, dass alles gut werden würde. Bald schlichen sich aber Zweifel ein: Warum fuhr plötzlich dieser oder jener so stark? So begann sich das Rad wieder langsam zu drehen. Die Angst vor den Kontrollen verflog jedenfalls schnell, weil wir merkten, dass das allein zur Verbesserung des Images initiiert worden war. Es konnte schlicht nichts bewiesen werden.

Ja, was hat sich seit der Tour 1998 eigentlich verändert? Es ist sich jeder wieder bewusst, dass er etwas Verbotenes macht, wenn er EPO injiziert. Das verändert im Kopf einiges.

Die Spritze

In der Schweiz war die Sportmedizin lange hinter dem Mond. Als Junior und Amateur wurde ich hier nie mit Doping konfrontiert. Gut, wir haben ab und zu darüber gesprochen. Aber es kam nie so weit, dass wir sagten: Jetzt probieren wir es mal. In der Schweiz ist die Doping-Welt noch heute fast heil. Das hat damit zu tun, dass eine Spritze hierzulande immer noch als etwas Gefährliches betrachtet wird. Wer als Schweizer eine Spritze will, muss zum Arzt gehen. In Italien hingegen kann man Spritzen im Supermarkt kaufen. Die Italiener setzen sich lieber eine Spritze, als dass sie eine Pille schlucken. So nach dem Motto: lieber etwas ins Blut geben als sich den Magen verderben. Mein Glück war, dass ich stets Angst vor der Spritze hatte. Irgendwann schaffte ich es doch, mir unter die Haut zu spritzen, doch in die Venen, das war mir nie möglich.

Ich bereue nichts, ich würde alles nochmals genau gleich machen. Auch die ganze Dopingsache brachte mir viel, sie zwang mich zum Nachdenken, über mich und die Welt. Dank dem Sport bin ich sehr weit gekommen, auch persönlich. Ich fand heraus, dass ich Erfolg will, um fast jeden Preis. Manchmal bereue ich es, nicht skrupelloser gewesen zu sein. Dann wäre meine Zukunft finanziell besser abgesichert, und ich könnte nur noch nach dem Lustprinzip arbeiten. Aber nun werde ich als «normaler» Berufstätiger aus monetären Gründen zum Teil Dinge machen müssen, hinter denen ich nicht hundertprozentig stehen kann.

Stolz bin ich aber auf meine Siege, für die ich die moralische Limite nicht wirklich überschreiten musste. Aber Letzteres interessiert ja niemanden.

* Der ehemalige Radprofi zieht es vor, anonym zu bleiben. Zum einen möchte er die eigene Berufskarriere mit seinen Aussagen nicht gefährden. Zum andern ist er der Überzeugung, dass der Name in diesem Zusammenhang nicht wesentlich sei. Seine Doping-Erfahrungen seien sozusagen exemplarisch.

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