Neue Zürcher Zeitung Mittwoch, 18.10.2000

Mehr als nur olympisches Anhängsel

In Sydney sind die XI. Paralympic Games ein eigenständiger Event mit grosser Resonanz

Von unserer Mitarbeiterin Corinne Schlatter

Die Rückkehr nach Homebush Bay weckt seltsame Gefühle: Auf dem Areal, wo sich vor zwei Wochen noch Hunderttausende von Menschen gedrängt haben, gähnt Leere. Geradezu gespenstig klingen die Musik und die Tierlaute, die aus den Lautsprechern rund ums Stadium Australia rieseln. Und die paar wenigen Besucher wirken auf dem langen Olympic Boulevard unendlich klein, sie verlieren sich in den Schluchten zwischen den Gebäuden. Die Party ist vorbei, der Alltag ist eingekehrt. Das Olympia-Happening, das den Blick der Welt auf Sydney und auf Australien zog, pulsiert nur noch in gedanklich weiter Ferne.

Neues Leben

Diese Geisterstadt-Stimmung dürfte im Zuge verblassender Erinnerungen allerdings schon sehr bald als normal empfunden werden. Bescheiden ist im Olympic-Park das Programm der Zukunft mit drei bis vier bedeutenden Rugby-Spielen pro Jahr, einigen Konzerten sowie der Landwirtschaftsausstellung an Ostern. Das wird das «business as usual» sein, angereichert mit Touristen und Tagesausflüglern. Freilich ist es noch nicht ganz so weit. Von Mittwoch an wird sich Homebush Bay erneut mit an Facetten reichem Leben füllen. Während der nächsten anderthalb Wochen finden hier die Paralympic Games statt. Rund 4000 behinderte Athletinnen und Athleten aus 125 internationalen Verbänden sind gemeldet, um in 18 Sportarten um 561 Medaillensätze zu kämpfen (an den Olympischen Spielen wurden in 28 Sportarten 300 Medaillensätze vergeben).

Durchgeführt werden die Spiele aber nicht nur in den bestehenden olympischen Sportanlagen in Homebush Bay. Auch das Dunc Gray Velodrome in Bankstown, das Equestrian Centre in Horsley Park und die Schiessanlage in Cecil Park sind abermals Schauplätze der Wettkämpfe. Als Veranstalter fungiert das Sydney Paralympic Organising Committee (SPOC), das von der Regierung von New South Wales 1995 eingesetzt wurde. Der australische Staat und der Gliedstaat unterstützen den Anlass mit je 35 Millionen australischen Dollar. Die Gesamtkosten werden mit 120 Millionen Dollar beziffert.

Bereits steht fest, dass im Gegensatz zu früheren Spielen der Behinderten-Sportler die elftenParalympics nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. 820 000 Eintrittskarten sind schon verkauft (zum Vergleich: in Atlanta wurden insgesamt 500 000 Tickets abgesetzt), darunter 600 000 Tagespässe und mehr als 80 000 Karten für die (ausverkaufte) Eröffnungsfeier. Wer es sich nicht hatte leisten können, bis 2000 australische Dollar (ungefähr gleich viele Franken) fürdas olympische Eröffnungsspektakel hinzublättern, scheint nun die preiswertere Variante zu nutzen (die Tickets kosten zwischen 60 und 170 Dollar). Unter dem Titel «Grösste Schulreise desJahrhunderts» lädt das Sydney Paralympic Organising Committee (SPOC) zudem 320 000 Kinder und Jugendliche aus ganz Australien zum Anlass nach Sydney ein.

Eigenständiger Event

Dass der Behindertensport-Event auf dem fünften Kontinent nicht als olympisches Anhängsel, sondern als eigenständiger Grossanlass verstanden wird, drückt sich nicht nur im florierenden Vorverkauf aus. So werden etwa in der vorsommerlich gestimmten City - am Martin Place und in Darling Harbour - die Wettkämpfe auf zwei Grossleinwänden übertragen (während Olympia gab es sieben solcher Live Sites). Ausserdem sollen Konzerte und andere kulturelle Darbietungen die Stadt erneut in ein festliches Parfum hüllen.

Dafür wurden vor einer Woche schon die blauen «Sydney-2000»-Fahnen gegen Hunderte von grünen Flaggen mit dem Paralympics- Emblem ausgetauscht. Vor allem aber finden noch keine allgemeinen Abbrucharbeiten statt. Diese beginnen in Homebush Bay, wo manche Infrastruktur nur temporären Charakter hat, erst nach den Paralympics. Selbst von den Behinderten-Sportlern nicht genutzte Anlagen bleiben bisEnde Oktober stehen. Eine Lehre aus den Gegebenheiten in Atlanta, wo sich die lokalen Organisatoren mit Aufräumarbeiten während der Paralympics 1996 viel Kritik eingehandelt hatten.

«Ehrlicher Enthusiasmus»

«Die Atmosphäre hier ist speziell», hält deshalb auch Christian Egli fest, der Chef de Mission der Schweizer Delegation. Den Teams sei ein freundlicher, herzlicher Empfang bereitet worden, rundum sei spürbar, dass das Engagement der Athleten als vollwertig betrachtet werde und man ihre sportliche Betätigung akzeptiere. Dies zeige sich mitunter auch darin, dass viele Politiker und Repräsentanten renommierter Verbände oder Unternehmen einen Besuch im paralympischen Dorf abstatteten und die Besucher willkommen hiessen. «In Atlanta war sehr vieles auf Profit ausgerichtet. In Sydney spüren wir ehrlichen Enthusiasmus und Support», freut sich der Delegationschef, der im Weiteren auf den hohen Standard der Unterkünfte hinweist.

Innert weniger Tage ist die Anlage in Newington vom Olympiadorf zum rollstuhlgängigen Paralympic Village umgebaut worden. Zu den einzelnen Häuser führen Rampen, Aufzüge in die oberen Stockwerke gibt es indessen keine. Zu kritisieren gilt es höchstens, dass die Olympia-Athleten ihr Bettzeug mit nach Hause nehmen konnten, die Paralympians hingegen müssen Vorlieb nehmen mit gereinigten Secondhand-Decken aus dem Media-Village. Insgesamt leben bis Ende Oktober 7000 Menschen - 4000 Athleten und 3000 Betreuer - auf dem Gelände am Rande des Olympic Park, das nach den Spielen zu einem neuen Stadtteil von Sydney wird.

Leistungen wie in Atlanta

cos. Das Schweizer Paralympic-Team besteht aus 9 Athletinnen und 45 Athleten sowie 30 Betreuern. Im Gros der 18 Sportarten werden 9 beschickt. Die Delegation ist im Vergleich mit Atlanta 1996 um 15 Leute grösser (10 Spieler und 5 Betreuer im Rollstuhl-Rugby). Laut Missionschef Christian Egli soll versucht werden, das Resultatniveau von Atlanta 1996 (Gewinn von 21 Medaillen) zu erreichen, wobei laut derzeitigen Leistungsausweisen nur 18 Medaillen realistisch sind. Als hoffnungsvollste Anwärter auf mehrere Auszeichnungen gelten Lukas Christen (100 m, 200 m, Weitsprung), die Rollstuhl-Leichtathleten Heinz Frei und Franz Nietlispach, der Fünfkämpfer Urs Kolly, der Radfahrer Beat Schwarzenbach, der Schwimmer Daniel Künzi und der Tischtennisspieler Christian Sutter.