Patrick Laure

Der Franzose Patrick Laure arbeitet als Spezialist für leistungssteigernde Drogen an der Universitätsklinik von Nancy.

Tages-Anzeiger

Homepage

Sport

Wirtschaft

Inland

Ausland

Hintergrund

Kehrseite

Zürich

Winterthur

Region

Kultur

Medien

Leserforum

Wissen

Computer

Auto

Technik

Savoir-vivre

Archiv+suchen

Forum

MessageBoard

ChatBox


23.08.2000



"Sich trotz der Kontrollen zu dopen, ist sehr leicht"

Eine Fülle neuer Medikamente wird im Sport zum Doping missbraucht - viele stehen nicht einmal auf der Liste der verbotenen Stoffe.

Mit Patrick Laure sprach Dominique Eigenmann

Man hat in letzter Zeit viel von Fortschritten im Kampf gegen Doping gesprochen. Welches sind die grössten Erfolge?

Den grössten Fortschritt haben die so genannten Gesundheitstests erbracht, wie sie beispielsweise im Radsport praktiziert werden. Dabei werden verschiedene Blutwerte der Athletinnen und Athleten über längere Zeit kontrolliert. Manipulatorische Abweichungen werden dabei sichtbar. Der Nachteil dieses Verfahrens besteht freilich darin, dass es kein eigentlicher Dopingtest ist, dessen Resultate vor Gericht mehrjährige Sperren rechtfertigen würde. Es ermöglicht bisher bloss, Sportler zu überwachen und sie im Falle einer Manipulation - aus Gesundheitsgründen, wie man sagt - für wenige Wochen zu suspendieren.

Es gibt aber auch Fortschritte bei den traditionellen Kontrollen.

Ja, der grösste Erfolg sind hier sicher die Tests, welche ab Sydney Epo nachweisen sollen. Daneben gibt es weitere Neuigkeiten. Der Nachweis des Wachstumshormons ist ebenfalls weit fortgeschritten. Seit 1999 ist es überdies möglich, die entzündungshemmenden Kortikosteroide im Urin nachzuweisen.

Was erwarten Sie sich von den Epo-Kontrollen an den Olympischen Spielen?

Ich weiss es nicht. Kann sein, dass Athleten ohne ersichtlichen Grund den Spielen fernbleiben, wie 1966, als bei der Tour de France erstmals Stimulanzien nachgewiesen werden konnten. Kann sein, dass die Leistungen in den Ausdauerdisziplinen abnehmen - wie in den Kraftdisziplinen 1976, als die anabolen Steroide erstmals kontrollierbar waren. Wir werden sehen.

Glauben Sie, dass der Epo-Test Olympia-Teilnehmer davon abhält, Epo zu spritzen?

Nein. Wer Epo braucht, wird das Mittel bis kurz vor den Spielen benützen und darauf zählen, dass seine Sauerstoffaufnahmefähigkeit noch ein, zwei Wochen künstlich erhöht bleibt, ohne dass ihm etwas nachzuweisen ist. Gleiches gilt für andere Produkte, die seit langem kontrollierbar sind - etwa die anabolen Steroide -, die aber während der Vorbereitung, oder niedrig dosiert auch in der Wettkampfphase, dennoch verwendet werden.

Die Wachstumshormone sind weiterhin nicht nachweisbar. Werden sie gebraucht?

Natürlich. Allerdings selten isoliert, sondern im Cocktail mit anderen Stoffen wie Testosteron in kleinen Dosen, Schilddrüsenhormone oder Insulin. Der Mix hilft Dopern nicht nur, Muskeln auf- und Fett abzubauen, sondern unterstützt auch die Erholung.

Dazu kommen zahlreiche neue Mittel, welche die alten, nachweisbaren ablösen. Um welche handelt es sich?

Die meisten Stoffe, von denen ich im Folgenden spreche, finden sich bisher nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen. Das heisst, man sucht in Dopingkontrollen nicht nach ihnen. Bei vielen handelt es sich um Medikamente, die auf dem Markt noch nicht frei erhältlich sind, die aber in einschlägigen Kreisen schon gebraucht werden. Da gibt es beispielsweise die Ecdysteroide. Das sind spezielle Hormone, die von Pflanzen und wirbellosen Tieren gewonnen werden. Sie sind enorm teuer - ein Gramm kostet 25 000 Franken -, haben aber eine muskelaufbauende Kraft, die jene von Testosteron oder Nandrolon übersteigt, und zwar ohne dass dazu körperliches Training nötig wäre.

Kurz vor der Marktreife steht ein "Epo-retard". Statt einer Spritze jeden Tag, genügt bei dieser Epo-Form eine Spritze im Monat. Ein weiterer Vorteil ist, dass diese Form von Epo nicht mehr gekühlt aufbewahrt werden muss. Was die Sportler allerdings noch nicht wissen, ist, dass "Epo-retard" im Urin sehr leicht nachzuweisen sein wird.

Was kommt nach "Epo-retard"?

In ein oder zwei Jahren gelangen Medikamente in den freien Verkauf, welche sozusagen die aktiven Teile des Epo-Hormons darstellen. Das heisst, sie wirken wie Epo, ohne dessen überflüssige Teile mitzutransportieren. Der Vorteil dieser Medikamente besteht darin, dass sie als Pillen geschluckt werden können - die Spritze kann man sich sparen. Offenbar wird ihr Nachweis aber einfach zu bewerkstelligen sein.

Analog werden zurzeit Stoffe getestet, welche die aktiven Substanzen des Wachstumshormons versammeln. Es sind Moleküle, welche den Körper anregen, mehr Wachstumshormone zu produzieren. Die bisherigen Erfolge damit sind spektakulär. Die Menge der Wachstumshormone im Blut der Versuchstiere wurde bis um das 20fache gesteigert. Ein Nachweis dürfte hier schwierig sein.

Wie steht es mit den so genannten Blutersatzstoffen, die als Epo-Nachfolger im Gespräch waren?

Hier sind die Resultate - aus Sicht der Medizin - enttäuschend. Die Anwendung von modifizierten Formen von Hämoglobin oder dem bekannten PFC hat sich als problematisch bis gefährlich erwiesen. Und ihre Effizienz ist vergleichsweise gering.

Gibt es auch Versuche mit Gen-Therapien?

Ja. Zum Beispiel ist es vor zwei Monaten gelungen, Pavianen genetisch veränderte Zellen einzupflanzen, die Epo produzieren. Die Steigerung betrug bis zu 2000 Prozent. Hier ist ein Nachweis praktisch unmöglich, weil der Körper ja mit Hilfe der verpflanzten Zelle zu 100 Prozent körpereigenes Epo produziert. Man müsste schon das Implantat aufspüren. Schliesslich gibt es auch Versuche, mittels Gentherapien direkt Muskeln oder Sehnen zu verstärken. Gerüchteweise soll ein Sportler von dieser Möglichkeit bereits Gebrauch gemacht haben.

Die Möglichkeiten zur künstlichen Leistungssteigerung scheinen unbegrenzt.

Das ist richtig.

Um zu bilanzieren: Wie einfach ist es für einen Spitzensportler, sich trotz der Kontrollen effizient zu dopen?

Für einen Sportler, der viel Geld hat und rücksichtslos den sportlichen Erfolg anstrebt, ist es sehr leicht. Ob er es tut, hängt wesentlich von seinem Umfeld ab. Eines bleibt aber zu bedenken. Dass ein Sportler gedopt ist, heisst noch lange nicht, dass er auch siegen wird. Sport spielt sich nicht unter Laborbedingungen ab. Technik und mentale Stärke entscheiden genauso über Sieg oder Niederlage wie der Körper.


Top