"Sportler nehmen Kortikoide wie Lebensmittel ein" – Andres als EPO sollen Kortikoide nachweisbar sein – Verbandsfunktionäre in der Zwickmähle

Neue Zürcher Zeitung Nr. 161 vom 15. Juli 1999

Ein "echter" Dopingskandal hat die diesjährige Tour de France bis zur Stunde noch nicht erschüttert, auch ein Fall von Gesundheitsvorsorge wie am Giro d'Italia (Pantani) hat die Organisatoren auf ihrem Weg der Erneuerung bisher nicht gestoppt. In der Gerächteküche brodelt es dagegen. Demnach soll der Radsport-Weltverband (UCI) ein neues Testverfahren, mit dem der verbotene Gebrauch von Kortikoiden im Urin nachgewiesen werden kann, während der Tour zur Anwendung kommen lassen. Die auf Grund der Aussagen von Dopingexperten zu erwartenden Sanktionen sind bisher aber ausgeblieben: ein Zeichen für sauberen Sport oder die Korrumpiertheit der UCI?

Von Anne Marowsky

Diese Meldung wärde einschlagen wie eine Bombe, da war sich die französische Tageszeitung "Liberation" vergangene Woche ganz sicher. Gemeint war die Ankündigung des nationalen Dopinglabors in Chatenay-Malabry, dass sich mit einem von ihnen entwickelten Test Kortikoide direkt im Urin nachweisen lassen. Die neue Methode basiert auf der Massenspektrometrie von Kohlenstoffisotopen und gilt unter Fachleuten als ausgesprochen sicher. "Dieser Nachweis ist sehr prüzise, hochsensibel und somit geeignet, auch geringste Spuren zu entdecken", kommentiert Martial Saugy, Leiter des Swiss Laboratory for Analysis of Doping in Lausanne. Sein französischer Kollege Patrick Laure von der Uniklinik Nancy vermutet denn auch, diese leistungssteigernden Substanzen verlören wohl demnächst an Popularität in Sportlerkreisen, denn interessant sei natürlich nur, was nicht nachweisbar ist. Bisher war das bei den Kortikoiden der Fall, und so griffen die Sportler deswegen gerne und viel zu. Kortikoide, schon seit Anfang der sechziger Jahre zur Leistungssteigerung geschluckt, zählen nach einer Studie aus dem Jahr 1998 zu den drei meistverwendeten Dopingmitteln im Sport. "Die Athleten", so auch Saugy, entnehmen die Kortikoide wie Lebensmittel ein."

Breite Palette an Nebenwirkungen

Obwohl chemisch eng verwandt mit einem anderen Dopingmittel, dem Testosteron, besitzen die Kortikoide gänzlich andere Eigenschaften. So wirken sie nicht muskelaufbauend wie das Geschlechtshormon, sondern entzündungshemmend, setzen zudem die Schmerzgrenze hinauf und bekämpfen die Müdigkeit – gerade von Radprofessionals erwünschte Effekte. Dafür nehmen die Leistungssportler jedoch eine breite Palette an Nebenwirkungen in Kauf: In hohen Dosen eingenommen, kann das Mittel aus der Kortison-Familie im schlimmsten Fall zu Diabetes fähren, zu Muskel- und Knochenschwund, bei Jugendlichen gar zu einem Wachstumsstopp. Trotzdem lassen sich Kortikoide ausgesprochen einfach – und billig – beschaffen. Jeder Arzt darf die Schmerzmittel verschreiben, jeder Sportler sie bei Abgabe eines Attests ganz legal als Medikament, in eingeschrünkten Mengen allerdings, einnehmen.

Um den Kortikoide-Missbrauch in den Griff zu bekommen, fordert deswegen Patrick Laure, müsste auch das Schlupfloch "medizinische Indikation" geschlossen werden. "So erhöht sich lediglich die Quote an Asthmatikern im Peloton", befürchtet der Mediziner, denn gemeinhin ist es diese Patientengruppe, die auf kortisonhaltige Prüparate angewiesen ist. Welche Auswirkungen der neuentwickelte Urintest letztlich auf das Dopingverhalten der Sportler haben wird, vermag zwar noch niemand zu sagen. "Aber", so hofft zumindest Saugy, "vielleicht übt der Test zumindest einen prüventiven Effekt aus; allein seine Existenz hält vielleicht einige von der Einnahme von Kortikoiden ab." In jedem Fall aber zwinge das Verfahren, so Saugy, die Funktionäre zum Handeln. "Eine politische Entscheidung steht an: Die UCI wird sich jetzt überlegen müssen, wie sie mit überführten Kortikoide-Konsumenten weiter verfahren will."

EPO-Nachweis-Verfahren willkürlich?

Eine Situation, wie sie im Zusammenhang mit dem prominentesten Dopingmittel, Erythropoietin oder EPO, wohl noch lange nicht zu erwarten ist. Das Hormon, ein notwendiges Medikament für Dialysepatienten, kurbelt die Bildung von roten Blutkörperchen an und erleichtert so den Sauerstofftransport im Körper. Gentechnisch her gestellt ist es vom körpereigenen nur schwer zu unterscheiden, zudem sinkt seine Konzentration bereits durch "Tricks" wie das Hochlagern der Beine, Kopfstand oder Zufähren von flüssigkeit

Statt auf ein eindeutiges Nachweisverfahren konnten sich die Kontrolleure deswegen bisher nur auf den Hämatokritwert als Indiz stätzen. Dieser gibt das Verhältnis von festen Blutbestandteilen – unter anderem gehören dazu die roten Blutkörperchen – zu flüssigen, dem Blutplasma, an. Liegt er über 50, wird ein Radsportler für zwei Wochen gesperrt – allerdings nicht wegen erwiesenen Dopings, sondern aus gesundheitlichen Gründen. Denn, so warnen Sportphysiologen, ab diesem Wert kann die starke Vermehrung der Zellbestandteile zu Verklumpungen fähren. So entstandene Blutgerinsel könnten dann einen Schlaganfall oder Herzinfarkt verursachen.

Doch auch wenn der magische Grenzwert von 50 aus medizinischen Gründen durchaus sinnvoll ist – als Nachweisverfahren für EPO, da sind sich die Wissenschaftler einig, taugt er nichts. Als absolut willkürlich bezeichnet ihn Andreas Breidbach vom IOK-akkreditierten Dopinglabor in Köln. Und sein Lausanner Kollege Patrice Mangin fägt hinzu, dass der Wert viel zu hoch sei und daher eine hohe Marge zur Einnahme von EPO lasse. Fieberhaft suchen die Forscher daher nach einer verlässlichen Analysemethode. Zwar hatte Gerard Dine, Direktor des Instituts für Biotechnologie in Troyes, schon im Mai auf einer Tagung in Barcelona verkündet, ein indirekter EPO-Test stehe zur Verfägung. "Wir messen zehn zelluläre und molekulare Parameter und erstellen daraus ein sogenanntes biologisches Profil von jedem Fahrer", erklärte er das Verfahren gegenüber der "Liberation". Weiche dann ein im Wettbewerb ermittelter Blutwert von den Referenzwerten ab, könne das als indirekter Nachweis gelten. Doch die UCI reagierte mit Skepsis auf Dines Analysemethode und bezweifelte deren Verlässlichkeit.

Gewissenhafte Prüfung nötig

Auch die Forscherkollegen nehmen Dine den schnellen Erfolg nicht ab und reagieren zurückhaltend. Er sei zu voreilig mit seinen Ankündigungen, meint etwa Mangin. "Zwar hat er die Parameter festgelegt, sie aber nicht genügend auf ihre Gültigkeit untersucht." Weil ein solcher Test im Falle eines positiven Ergebnisses fatale Folgen für einen Fahrer habe, müsse dieser extrem gewissenhaft geprüft werden, sagt Mangin. Ebenso wie Dine arbeitet das Kölner Dopinglabor an einem indirekten Verfahren. Wie der Franzose setzen auch die Rheinlünder auf ein Bündel von Referenzwerten, die von der absoluten EPO-Konzentration bis zu der Anzahl seiner Andockstellen (Rezeptoren), der Zahl der roten Blutkörperchen und der der Vorläufer der roten Blutkörperchen reichen.

Bisher seien sie immer noch am Datensammeln, winkt Breidbach bei der Frage ab, wann ihr Test denn einsatzbereit sei. "Noch sind wir nicht soweit, dass wir einem Sportler die Einnahme von EPO nachweisen können. Wir können lediglich feststellen, dass er aus dem Referenzbereich rausfällt." Die Gründe hierfür sind allerdings vielfältig und noch nicht unterscheidbar: Neben EPO sorgt etwa auch Höhentraining auf ganz legale Weise für eine Zunahme der roten Blutkörperchen und ein veründertes Blutbild.

Urinproben als reine Alibiübung?

Dem französischen wie auch dem deutschen Nachweisverfahren steht jedoch nicht nur die Wissenschaft, sondern auch das Reglement der Verbünde im Weg. Dieses hat bisher die Entnahme von Blut (ausser aus gesundheitlichen Gründen wie beim Hämatokritwert) verboten und wertet den Einstich gar als Körperverletzung. Doch nur über Blutproben lasse sich EPO irgendwann einmal nachweisen, schallt es unisono aus Forscherkreisen. Die Urinproben gelten den meisten Wissenschaftern mittlerweile als reine Alibiäbung, denn nachweisen lassen sich auf diesem Wege grösstenteils Substanzen, die ohnehin kein Sportler mehr nimmt.

Doch nicht nur Blutkontrollen müsste die UCI zulassen, wenn ihr an einem sauberen Sport gelegen sei, die Kontrollen müssten vor allem auch breiter gestreut sein, postuliert Breidbach. Die UCI sei einerseits der Verband, der die meisten Kontrollen durchführte, andererseits aber auch die am meisten wirkungslosen. "Wenn sie nur bei Rennen testen, gehen ihnen die meisten Dopingsünder durch die Lappen, da sie wissen, dass Kontrollen durchgeführt werden. Sobald ein indirekter Nachweis steht, müssten deswegen auch im Training Blutkontrollen durchgeführt werden – und zwar unangekündigt", sagt Breidbach.

Dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist, ist dem Kölner Biochemiker klar. Ohnehin glaubt er dass ein indirektes Verfahren vor Gericht kaum Bestand hätte. "Wenn wir zu sanktionsfähigen Aussagen kommen wollen, brauchen wir ein direktes Verfahren", ist er überzeugt. Auch daran arbeiten die Kölner, allerdings bisher ohne Erfolg und " mit viel Frust". Der, so befürchtet Breidbach, werde auch dann kein Ende nehmen, wenn der direkte Test einmal entwickelt sei. "Dann haben die Profis EPO wahrscheinlich lüngst den Räcken gekehrt und eine neue Substanz entdeckt."

Kortikoide

Die Nebennierenrinde produziert das Hormon Kortison, das entzündungshemmend und damit schmerzlindernd wirkt. Pharmakologen haben vier künstliche Derivate entwickelt, die unter der Bezeichnung Kortikoide oder Kortikosteroide vielseitige Verwendung als Medikamente finden. Wird dem Körper ein Kortikoid zugeführt, reduziert die Nebennierenrinde gleichzeitig die Sekretion von Kortison, bei massiver äusserlicher Verabreichung stellt sie die Produktion ganz ein. – Im anlässlich der Schlussphase der Tour de Suisse gefundenen Abfallsack, den gemäss den Beobachtungen eines Journalisten ein Mitarbeiter des Teams Lampre entsorgt hatte, befanden sich vorwiegend Kortikoide-Medikamente, die zumindest bisher als nicht nachweisbar galten.