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Mit ausbalancierten Methoden zu sportlicher Vortrefflichkeit

NZZ 11.3.00

Im Australian Institute of Sports (AIS) von Canberra werden Olympiahoffnungen genährt - ein Rundgang

Von Corinne Schlatter (Text) und Urs Bucher (Bilder)

Der Mann mit dem kahlgeschorenen Schädel lacht: "Langweilig, nicht wahr? Fast so langweilig, als würde man einen Maler beim Streichen einer Fassade beobachten." Barry Prime, der sich amüsiert zu den Besuchern wendet, war einst Mitglied des britischen Schwimmteams, dann dessen Trainer. Seit nunmehr sieben Jahren lebt Prime aber in Australien und arbeitet als Schwimmcoach am Australian Institute of Sport - kurz AIS - in Canberra. Langeweile verspürt er dabei keine, die Arbeit am Beckenrand ist für ihn vielmehr eine Herausforderung. Doch für die Zaungäste zeigt er Verständnis, wenn sie während einer Trainingseinheit nach einer Weile zu gähnen beginnen. Denn Spektakuläres ist wahrlich nicht zu sehen. Die jungen Athletinnen und Athleten absolvieren im Wasser ihre Trainingseinheiten: Länge um Länge, Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde. Dieses Pensum wird bis zu dreimal pro Tag wiederholt: Länge um Länge, Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde. Ein Rundgang durch die Anlage erlöst zumindest die Besucher von dieser Monotonie - freilich erst nach dem Versprechen, später nochmals zu Prime und dessen Schwimmern zurückzukehren, die von Ray Hass angeführt werden, der Nummer 2 der Welt über 200 m Rücken. Immerhin ruhen auf dieser Gruppe die grössten Olympiahoffnungen. Im September wollen die Australier in Sydney 60 Medaillen gewinnen, 19 mehr als an den Spielen von 1996 in Atlanta. Das AIS, das Zentrum für den Spitzensport, soll mithelfen, dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen.

Keine "normale" Sportschule "Langsam fahren - hier leben Athleten." Das Hinweisschild an einem der Zufahrtswege zu den unzähligen Trainingsplätzen spricht Bände. An der Peripherie der australischen Hauptstadt Canberra stehen die Sportler im Mittelpunkt. Aber nicht nur hier. In einem Land, wo der Sport Schlüssel zum Herzen eines jeden Einwohners ist, avancieren gute Sportler schnell zu gefeierten Helden. Sie lassen die Weltöffentlichkeit den Blick auf den Kontinent richten, auf dem das AIS nur gerade 65 Hektaren belegt. Vor dem Haupteingang zu den Hallen, Rasenplätzen, Stadien, sportwissenschaftlichen Zentren sowie Verwaltungs- und Wohnkomplexen schwingt sich ein überdimensionierter und in Bronze gegossener Stabhochspringer in die Luft - Sinnbild für das Motto des Hauses: "A balanced approach to sporting excellence" (mit ausbalancierten Methoden zu sportlicher Vortrefflichkeit). "Das AIS ist keine Sportschule im herkömmlichen Sinn", sagt der Institutsdirektor John Boultbee, der von Anfang bis Mitte der neunziger Jahre in Oberhofen am Thunersee als Generalsekretär des Internationalen Ruderverbandes (Fina) tätig war. Am AIS gibt es keinen traditionellen Schulbetrieb, trotzdem erhalten die Athleten die bestmögliche Unterstützung in allen Lebensbereichen: im Sport, in der Ausbildung, in der Karriereplanung. Jeder Stipendiat sei verpflichtet, während mindestens 15 Stunden pro Woche einer Teilzeitarbeit nachzugehen, eine Schule, die Universität oder Kurse zu besuchen, präzisiert Boultbee. Nicht nur, um die Karriere nach der Karriere vorzubereiten, sondern weil sich auch die sportliche Leistung besser steigern lässt, wenn nicht sie alleine im Zentrum steht.

Rückblende: In den fünfziger Jahren war auf dem fünften Kontinent eine Generation von jungen Sportlerinnen und Sportlern herangewachsen, die während fast zweier Jahrzehnte mit ihren Leistungen und ihrem Nationalstolz das Land in Verzückung versetzen. Die Leichtathleten Betty Cuthbert, Marjorie Jackson, Shirley Strickland und Herb Elliot, die Schwimmerin Dawn Fraser oder die Tennisspieler Evonne Goolagong Cawley und Rod Laver sind einige dieser erfolgreichen Vertreter des "Golden Age", das im Laufe der sechziger Jahre aber zu Ende ging. Mangels Koordination erzielten nur noch wenige Ausnahmetalente sportlichen Erfolg, schliesslich wurde 1976 der Tiefpunkt erreicht: An den Olympischen Spielen gewannen die Australier in Montreal nur noch fünf Medaillen (1956 in Melbourne waren es 35 gewesen). Dies veranlasste die damalige Regierung unter Ministerpräsident Malcolm Fraser zu handeln, wobei angeblich der 1500-m-Schwimmer Stephen Holland den Ausschlag dazu gegeben haben soll. Nachdem er statt des erhofften Golds nur Bronze gewonnen hatte, bedankte er sich nicht für die Gratulationen von Fraser. Vielmehr kritisierte Holland den Premier und beanstandete, dass dieser nichts unternehme, um die Trainingsbedingungen zu verbessern.

Wettbewerb und Leistung

Plötzlich unternahm Fraser alles, um die im ganzen Land verstreuten Anstrengungen in Sachen Leistungssport zu bündeln. Fünf Jahre später wurde in Canberra für rund 50 Millionen Franken das AIS eröffnet. Seither fliessen vom Ministerium für Sport und Tourismus jährlich rund 40 Millionen Franken in die Institution. Nachdem Sydney vor gut sechs Jahren den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2000 erhalten hatte, wurden zusätzliche 135 Millionen Franken für ein spezielles Olympiaprogramm lockergemacht. Dieser Betrag, auf sechs Jahre verteilt, fliesst allerdings nicht vollumfänglich ins AIS. Gemäss einem speziellen Schlüssel profitieren auch die verschiedenen Sportinstitute und -akademien der einzelnen Gliedstaaten davon. Das AIS versteht sich dabei nur als eine Art Katalysator, zumal es im Laufe der Jahre eine konstruktive Wettbewerbssituation bewirkte und bei national angelegten Projekten die Rolle der Koordinationsstelle übernimmt. Der Austausch unter den verschiedenen Instituten sei hervorragend, sagte Boultbee.

Bei unserem Besuch ist das Gelände des Instituts fast menschenleer. Wenn eine Gruppe von Athleten nach abgeschlossenem Training zum Frühstücksraum eilt, verliert sie sich geradezu zwischen den verschiedenen Gebäuden. Geschäftigkeit ist nur in den Hallen und auf den Sportplätzen auszumachen. Dort spielt sich der zentralste Teil des Lebens der Athleten ab: das Training. Gegen 40 zierliche Mädchen und einige wenige Buben tummeln sich beispielsweise in der Gymnastikhalle. Aufgeteilt in Gruppen, üben sie am Stufenbarren, auf dem Schwebebalken, an den Ringen, am Pauschenpferd. Immer und immer wieder. Eines der Mädchen ist den Tränen nahe. Auch beim x-ten Versuch ist es ihm nicht gelungen, nach einem Überschlagsaufsprung die Balance auf dem Schwebebalken zu finden. Die Anweisungen der Trainerin sind knapp und emotionslos. Erneut muss die Kleine die Übung in Angriff nehmen. Auf der Galerie stehen Zuschauer, die jährlich zu Hunderttausenden für acht Dollar einen Rundgang durch das AIS buchen. Sie applaudieren, als die zierliche Turnerin endlich reüssiert.

Das Team im Kunstturnen gilt als Sonderfall. Die Turnerinnen und Turner sind noch zu klein - die jüngste ist erst achtjährig -, um selbständig auf dem Gelände leben zu können. Deshalb sind sie in Ersatzfamilien untergebracht und besuchen neben dem Training Spezialklassen einer Schule in Canberra. Die Vertreterinnen und Vertreter anderer Sportarten haben dagegen die Wahl, auf dem Areal zu wohnen oder eigene Haushalte zu führen. Rund ein Drittel der insgesamt 600 Athletinnen und Athleten, die zurzeit von einem Stipendium profitieren, lebt permanent im AIS. Scholarships werden jährlich vergeben und richten sich nach leistungsorientierten Kriterien. Wer den Anforderungen nicht genügt, muss nach Hause zurückkehren. In einigen der 28 Sportarten, die das AIS momentan unterstützt (am Anfang waren es 8), sind die Programme nur für den Nachwuchs bestimmt (etwa Basketball oder Rugby), andere wiederum sind konkret auf die Elite zugeschnitten (Schwimmen, Leichtathletik), und wieder andere sind nur hier populär und ganz und gar nicht olympisch: Cricket etwa oder Aussie Rules Football.

Nicht nur zum Anschauen

Ein klopfendes Geräusch, ein Zischen, geradezu störend wirkt das Krächzen eines Vogels im nahen Eukalyptuswald. Auf einem Fussballfeld sind die Bogenschützen am Trainieren, kritisch beobachtet von ihrem südkoreanischen Coach Ki Sik Lee. Er gilt als einer der weltweit besten seines Metiers. 1997 wurde er im Hinblick auf Sydney 2000 nach Canberra geholt. Die Verantwortlichen der verschiedenen AIS-Sportarten könnten frei entscheiden, wie sie die zusätzlichen finanziellen Mittel aus dem "Olympic Athlete Program" einsetzen wollten, sagt Boultbee. Die einen organisierten auswärtige Trainingslager, andere engagierten zusätzliche Trainer. Lee hat während seiner Tätigkeit in Canberra bei den zwölf ihm anvertrauten Athleten das gesamte Training umgestellt und die Gruppe damit in die "Top 5" der Welt geführt. Von den Bogenschützen führt der Rundgang weiter ins Fitnesscenter. Im Kraftraum herrscht Hochbetrieb, an den Geräten wird hart gearbeitet. "Das AIS hat in allen Bereichen die beste Infrastruktur, die ich je gesehen habe. Und vor allem darf alles benützt werden. Die Anlage ist nicht nur zum Anschauen gebaut worden", lobt der Triathlet Reto Hug. Der Ostschweizer und eine Gruppe von Schweizer Leichtathleten, darunter André Bucher, machen seit Anfang Jahr für einige Monate Gebrauch vom Angebot des AIS. Für einen bescheidenen Beitrag dürfen Gastathleten davon profitieren.

Ein Besuch des AIS wäre freilich unvollständig, würde nicht auch ein Augenschein im sportwissenschaftlichen Zentrum genommen. Seit der Gründung des Instituts, das 80 Wissenschafter beschäftigt, bildet die Arbeit in den Bereichen Medizin, Physiologie, Biomechanik, Ernährungswissenschaft und Psychologie einen der Schwerpunkte. Die Athleten müssen sich regelmässig der Leistungsdiagnostik unterziehen (Bluttests, Kraftentwicklung, Fitnessparameter); anhand der so ermittelten Daten werden die Trainingspläne erstellt. Daneben geniesst die Forschungsarbeit (Nachweis von EPO, Immunsystem, Höhenhaus usw.) einen grossen Stellenwert. In einer riesigen Halle sind an diesem Nachmittag biomechanische Tests angesagt. Schier endlose Kabelstränge verbinden Kameras zur Messung der Geschwindigkeit mit Monitoren und Computern. Als Testperson dient der ehemalige Hürdenläufer Steve Saunders. An seinem Körper haften zahlreiche Sensoren, am Rücken sind überdies Antennen angebracht. Er erinnert an "Karlson auf dem Dach", an Astrid Lindgrens Geschichte über ein Propellermännchen. Die Untersuchung soll Aufschluss über die Tätigkeit der Muskeln bei unterschiedlicher Belastung geben, wie der zuständige Physiotherapeut Anthony Schache erklärt. Diese Erkenntnisse beeinflussten die sportliche Leistung bis zu 25 Prozent.

Schon ist es Abend. Die Athletinnen und Athleten haben einen anstrengenden Tag hinter sich. Viele von ihnen sitzen nun im Speisesaal, bevor sie sich ins Studierzimmer zum Lernen zurückziehen. Nur die 26 AIS-Schwimmer sind wieder im Wasser. Zum drittenmal an diesem Tag bringen sie ihr Pensum hinter sich. Prime winkt die Besucher zu sich her, ist abermals gesprächig - ganz im Gegensatz zum Spitzentrainer Gennadi Toretski. Am anderen Ende des Beckens arbeitet dieser mit dem Russen Alexander Popow, dem Delphin- Weltrekordhalter Michael Klim, mit Matt Dunn und Sarah Ryan. Diese wollen in ihren Olympiavorbereitung nicht gestört werden und hätten für Interviews oder Photo-Shootings ohnehin erst nach Überweisung der geforderten Geldbeträge Zeit. Doch in Primes Gruppe trainieren keine Olympiasieger. Seine Athleten sind daher dankbar, wenn das Interesse auch einmal ihnen gilt. Einfach ist ihr Leben im Schatten der grossen australischen Schwimmer nicht, obschon auch sie internationale Erfolge vorweisen können - Hass gewann etwa an den Pan-Pacific-Meisterschaften Silber über 200 m Rücken, Regan Harrisson ist die Nummer 5 der Welt über 100 und 200 m Brust. Zwar seien seit 1994 jährlich 3,3 Millionen Franken in den Schwimmsport geflossen, doch um für alle das Optimum zu erreichen, sei dies immer noch zuwenig, sagt Prime.

Leben und trainieren für Olympia

Das Sechs-Kilometer-Soll ist endlich geschafft. Ausgelaugt hieven sich die Athleten aus dem Pool und schlurfen müde zum Wohnkomplex. Manchmal sei es schwierig, über Jahre nur in einem kleinen Raum zu hausen und praktisch keine Privatsphäre zu haben, sagt Hass, der seit 1997 in der "Hall of Residence" des AIS lebt, wo in seinem Zimmer eigentlich nichts an seine sportliche Karriere erinnert. Die Atmosphäre habe sich in den letzten Monaten verändert, glaubt Hass. Die bevorstehenden Olympischen Spiele seien rundum spürbar, alles sei professioneller geworden, und die einstige Lockerheit habe darunter gelitten. "Mich stört's nicht", bemerkt der 22jährige Schwimmer. "Im Gegenteil. Es hilft mir, das eine grosse Ziel konsequent zu fokussieren. Der Olympischen Spiele wegen lebe und trainiere ich ja schliesslich hier." Sagt's und schaltet mit Blick auf das Pin-up-Girl an der Wand die Stereoanlage ein. Sein ganz persönlicher Ausgleich im Approach zu sportlichem Erfolg.



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