EPO-Spiele auch in Sydney?

Eine norwegische Studie beweist, dass noch kein Nachweisverfahren greift

In Sydney hatte es trotz entsprechenden Kontrollen keinen EPO-Fall gegeben. Dass die Spiele deswegen nicht EPO- frei gewesen sein müssen, beweist eine seriöse wissenschaftliche Studie aus Norwegen. Ebenso ambitioniert, wenn auch unter anderen Vorzeichen, ging der spanische Verfasser eines Trainingslehrbuchs ans Werk. Der deutsche Sportwissenschafter Arnd Krüger hat beide Publikationen gelesen.

Das IOK hat sich redlich Mühe gegeben, Sydney 2000 als die Olympischen Spiele darzustellen, an denen nach den EPO-Spielen von 1992 und 1996 endlich seriöse Kontrollen stattgefunden haben. Dem wurde nun in einer der bedeutendsten sportmedizinischen Zeitschriften der Welt, «Medicine and Science in Sport and Exercise», durch eine seriöse wissenschaftliche Untersuchung aus Norwegen* widersprochen. Der Beitrag hat dadurch besonderes Gewicht, dass er vom American College of Sports Medicine, der wichtigsten sportmedizinischen Fachorganisation der Welt, abgesegnet worden ist.

Die Autoren verglichen bei je zehn Spitzensportlern aus Ausdauerdisziplinen in einem Doppelblindversuch eine EPO- mit einer Placebo- Gruppe. Die Sportler erhielten entweder EPO (5000 U Boehringer) oder ein Placebo dreimal wöchentlich über 30 Tage unter die Haut gespritzt. Tests wurden vorher, während der Versuchszeit und bis jeweils 4 Wochen danach durchgeführt. Bei 2 Versuchspersonen wurden dieEPO-Versuche vorzeitig (nach 17 beziehungsweise 23 Tagen) abgebrochen, da diese bereits zudiesem Zeitpunkt die vorher als Grenzwert festgesetzten 50 Prozent Hämatokrit überschritten hatten. Beide Gruppen erhielten zudem täglich 270 mg Eisen-Supplementierung.

Der Hämatokritwert stieg in der EPO-Versuchsgruppe von 42,7 (+/-1,7) auf 50,8 (+/-2,0) Prozent einen Tag nach Ende der Behandlung. Bei allen Sportlern in der Versuchsgruppe wurden 50 Prozent Hämatokrit überschritten, die Werte der Placebo-Kontrollgruppe veränderten sich nicht wesentlich im Versuchszeitraum.

Die Ausdauerleistungsfähigkeit der EPO-Gruppe verbesserte sich signifikant (von 12,8 auf 14,0Minuten in einem Belastungstest bis zum freiwilligen Abbruch), während er sich bei der Kontrollgruppe nicht signifikant verbesserte (13,1 auf 13,3 Minuten). Die VO 2 max (maximale Sauerstoffaufnahme-Kapazität) der EPO-Gruppe verbesserte sich durch das Doping von 63,3 (+/-3,9) auf 68,1 (+/-5,4) hoch signifikant. Die erhöhte Leistungsfähigkeit von zunächst 7 Prozent hielt sich bis drei Wochen nach Ende des Dopingzyklus.

Bis hierher war der Versuch nicht ungewöhnlich, zeigte er doch nur, dass die EPO-Verwendung inzwischen medizinisch standardisiert ist. Anschliessend haben die Norweger dann jedoch auch untersucht, für wie lange nach dem EPO- Doping dieses durch drei verschiedene Untersuchungsmethoden nachweisbar ist.

Bei diesen Tests zeigte es sich, dass zwischen 48 und 72 Stunden nach der letzten Injektion im Serum wieder die Ausgangswerte an EPO erreicht worden sind. Zu diesem Zeitpunkt wären mit den EPO-Kontrollmethoden immerhin je nach Test zwischen 7 und 8 der 10 gedopten und keiner der 10 Kontrollpersonen des Dopings überführt worden. Vier Tage nach dem Absetzen von EPO wäre jedoch niemand mehr «erwischt» worden.

Die Leistungsfähigkeit blieb jedoch noch bis zu 17 weiteren Tagen deutlich erhöht, auch wenn sie langsam wieder abnahm. Zwei der gängigen EPO-Tests lassen sich sogar mit einfachen Eisenpräparaten aushebeln. Die Verfasser schliessen hieraus, dass ein «Fenster» von länger als zwei Wochen besteht, innerhalb dessen der Nutzen von EPO gegeben ist, eine Dopingkontrolle mit den gegenwärtigen Methoden jedoch noch nicht greift. Wundert sich da noch jemand, dass in Sydney niemand des EPO-Missbrauchs überführt worden ist?

Arnd Krüger

Spanische Doping-Dokumentation vom "Feinsten"

Die Frage, wie man mit Doping umgeht, wird in allen Ländern unterschiedlich gehandhabt. Als die Tour de France durch polizeiliche Suche nach Dopingprodukten 1998 fast lahmgelegt wurde, «flohen» viele Fahrer nach Spanien, wo man viel stärker bereit ist, den Einzelnen mit seinem Körper machen zu lassen, was er will. Als das Gallup-Institut im November 1998 eine repräsentative Befragung in den Ländern der EU zu Doping durchführte, war denn auch in Spanien die Akzeptanz von Dopingmitteln am höchsten und die Forderung, Dopingsperren zu verkürzen, am weitesten verbreitet.

Deutsche Krafttrainings-Lehrbücher verschweigen in der Regel, dass Kraft mit Hilfe von Anabolika ausserhalb der Legalität leichter und schneller erwerbbar istals ohne, dass und wie man die Anabolika (die Kooperation des Verbandes und seiner Dopingfahnder vorausgesetzt) vor entscheidenden Wettkämpfen durch Wachstumshormone ersetzen muss, um die Dopingkontrollen zu passieren.

Um so überraschter war ich, dass ich in einem Trainingslehre-Lehrbuch,* das der Spanische Leichtathletikverband an einem Seminar seinen Trainern kürzlich zum Verkauf anbot, eine sehr detaillierte Aufstellung über 17 verschiedene Richtungen von Anabolika fand sowie die Zuordnung von 48 in Spanien (und anderswo) kommerziell erhältlichen gebräuchlichen Anabolika- Produkten zu diesen grösseren Zweigen. Dies ist keine «graue» Literatur, wie sie zum Beispiel die amerikanische «Steroid Bible» darstellt, sondern Trainingswissenschaft auf höchstem internationalem Niveau, veröffentlicht in einem seriösen Verlag.

Im Buch werden die gebräuchlichen Dosierungen (aufgeschlüsselt nach Sportarten und Geschlecht) sowie vier verschiedene Pläne zu Dopingzyklen von 12 bis 16 Wochen vorgestellt. Schliesslich wird der Einsatz von exogenen Wachstumshormonen (HGH) mit exakten Dosierungen in Rahmen von Wochenplänen beschrieben, um in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung die Anabolika durch HGH zu ersetzen. Wenn man mit einem solchen kombinierten Trainings- und Dopingplan Erfolg haben will, dürfen keine ernsthaften Trainingskontrollen stattfinden, denn nur in den 14 Tagen vorden Wettkämpfen – bei denen durch Fremde kontrolliert wird – wird auf das bisher nicht nachweisbare und sehr teure HGH gesetzt.

Das Training ist gemäss den ehemaligen Ostblock- Sportwissenschaftern Matwejew und Harre aus der Sowjetunion bzw. der DDR zyklisch aufgebaut. Wie alle anderen Untersuchungen arbeitet der Verfasser auch hier wieder mit exakten Quellenangaben, so dass es sich nicht um eine «Meisterlehre», sondern um «Trainingswissenschaft» handelt. Die in der Trainingslehre derDDR gebräuchlichen «Mesozyklen» kommen als Anabolika-Verabreichungs-Zyklen zum Einsatz.

Nun ist dies nicht einfach ein Buch, in dem Dopingmassnahmen beschrieben werden und verdeutlicht wird, dass dies gegen die Beschlüsse des Europarates gegen Doping verstösst. Das Buch hat ein Literaturverzeichnis von 1275 Literaturstellen aus dem Deutschen, Englischen, Französischen und Spanischen und stellt einen Überblick über den Stand der Forschung dar, der sich in allen Bereichen am internationalen Standard orientiert. Die Bereitschaft, auch konkurrierende Forschungsergebnisse erst einmal zu präsentieren, statt gleich eineeigene Auswahl zu treffen und Empfehlungen auszusprechen, ist bei Garcia Manso sehr positiv zu bewerten. Das Buch macht deutlich, dass die Grundeinstellung zu Methoden der Leistungssteigerung selbst in den Staaten der EU ganz unterschiedlich ausgeprägt ist. Ich masse mir nicht an, über die Sportkultur Spaniens anhand dieses Buches ein Urteil abzugeben, das Buch selbst jedoch stellt eine Dokumentation von Trainingswissenschaft vom Feinsten dar.

Arnd Krüger