SV Limmat

Schwimmverein Limmat Zürich



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Wie viel Sport ist gesund?

1. Oktober 1999

Die Frage:

Sport ist einer meiner wichtigsten Lebensinhalte, das spüre ich bei meinem Beruf als Sportartikelverkäufer sowie bei der Ausübung der verschiedensten Sportarten wie Karate, Velofahren, Klettern, Inlineskaten, Snakeboarden, Schwimmen, Joggen, Snowboarden und Skifahren. Die meisten dieser Aktivitäten betreibe ich ambitioniert bis wettkampfmässig. Ich bin mir bewusst, dass mich die Sportsucht gepackt hat, denn wenn ich nur mal baden gehen möchte, komme ich nicht drum herum, einige Runden zu schwimmen, bis zumindest eine Anstrengung oder sogar eine Erschöpfung spürbar ist. Obwohl ich auf sportmedizinische Regeln wie gezielten Trainingsaufbau, ausgeglichene Belastungen, Pulskontrolle und Nahrung höchsten Wert lege, frage ich mich, wie viel Sport eigentlich im gesunden Rahmen ist und wie stark sich mögliche Folgen der körperlichen Abnützung im Alter auswirken können. Auch faszinieren mich immer wieder Budosportbetreiber wie die Shaolin-Mönche, die ihr Leben lang bis ins hohe Alter extremste körperliche und geistige Leistungen vollbringen. Wie ist das möglich? Roland Müller, Bünzen

Die Antwort von: Dr. Thomas Wessinghage

Facharzt für Orthopädie und Chefarzt der Rehaklinik Saarschleife in Mettlach-Orscholz (D). In den 70er und 80er Jahren einer der weltbesten Läufer, u.a. 1982 Europameister über 5000 m. Inzwischen begeisterter Gesundheitssportler.

Sie werfen eine schwierig zu beantwortende Frage auf, für deren Beantwortung ich ein paar Zeilen mehr als üblich brauche. Eigentlich müsste man gleich zurückfragen - für wen? Denn die Menschen sind nun einmal verschieden, haben eine sehr unterschiedliche körperliche und psychische Belastbarkeit und ändern sich obendrein im Laufe des Lebens noch ständig. Auf jeden Fall ist Bewegung für den Menschen unverzichtbares Lebenselixier. Ob diese Bewegung in Form von Sport ausgeübt werden muss, darf bezweifelt werden. Sport, der sich gewissen Regeln unterwirft, der den Konkurrenzgedanken zumindest akzeptiert und der dem Leistungsbegriff nahe steht, ist in der uns geläufigen Präsenz weitgehend eine Erfindung des 19. und 20. Jahrhunderts. Bewegung hingegen nicht, sie war immer Inhalt des menschlichen Lebens und Voraussetzung für die menschliche Entwicklung. Naturvölker kennen Sport praktisch nicht - wenn sie auch gewisse rituelle Wettkämpfe durchführen - kennen gleichwohl keine Stoffwechselerkrankungen wie der "moderne Mensch". Bewegung hält den Organismus (nicht nur den Bewegungsapparat) in Form, fit, funktionsfähig. Zu viel des Guten allerdings schadet, das weiss schon der Volksmund. Aber wie viel ist zu viel? Sicherlich ist es nicht der Umfang, auch nicht die Häufigkeit einer Belastung, die Knochen und Gelenke, Muskeln und Sehnen zu stark strapazieren. Sonst müssten alle Ausdauersportler (Radfahrer, Läufer, Triathleten) ja eigentlich noch während ihrer aktiven Karriere unter heftigem Gelenkverschleiss leiden. Denn welcher Normalbürger läuft schon 100000 km in seinem Leben? Dies aber ist für einen guten Marathonläufer, ja bereits einen Mittelstreckenläufer angesichts der heutigen Trainingsmethoden kein Problem. Der Orthopäde weiss: Die schweren Gelenkerkrankungen bleiben nicht den Ausdauersportlern vorbehalten. Im Gegenteil, sie finden sich bei Spielsportlern (Fussball, Handball, Eishockey usw.) und natürlich sehr oft bei Nichtsportlern. Schon vor etwa 30 Jahren wurde mittels gross angelegter Studien nachgewiesen, dass es nicht der Umfang einer Belastung ist, der zur Verletzung führt, sondern deren Intensität und die Anzahl der Fehlbelastungen. Hochintensive Belastungen, wie sie z. B. bei Squash, Badminton oder Hartplatztennis auftreten, sind für den Bewegungsapparat erheblich schwerer zu verkraften als eine vergleichsweise niedrige, längerfristige Dauerbelastung (Dauerlauf, Velotour, Inline, Schwimmen). Noch gefährlicher wird es, wenn Verletzungen dazukommen, wie sie bei den genannten Spielsportarten (die manchmal eher an Kampfsportarten denken lassen) praktisch unvermeidlich sind. Die Mechanik einer Verletzung stellt ja in Wirklichkeit meist auch eine Belastungsspitze dar, deren Intensität die Grenzen der Belastbarkeit einmal oder mehrfach überschreitet. Aber natürlich hat auch das Ausdauertraining seine Tücken. Insbesondere dann, wenn der Bewegungsablauf nicht optimal ist. Zum Beispiel bei schlechter Bewegungstechnik. Jeder Tennisspieler weiss, dass ein Tennisellbogen droht, wenn man den Ball nicht richtig, d. h. nicht im "Sweet Spot" der Schlägerfläche, trifft. Der Läufer sollte wissen, dass Überlastungsschäden drohen, wenn man "sich" (bzw. den Körperschwerpunkt) nicht richtig trifft. Das kann eine ganze Reihe von Ursachen haben. Meist liegt es an einer zu schwachen Muskulatur - vor allem im Bereich der Gesässmuskulatur, der hinteren Oberschenkelmuskulatur oder der Rumpfmuskulatur (Bauch und Rückenstrecker). Überlastungserscheinungen am Oberschenkel (aussen), an der Kniescheibe, an der Lendenwirbelsäule und allen möglichen und unmöglichen anderen Stellen können die Folge sein. Das Herz-Kreislauf- System und der Stoffwechsel können beim gesunden Menschen und bei normalen Witterungsbedingungen kurzfristig kaum überlastet werden. Zu gut und wirkungsvoll sind die Sicherungsmechanismen, die den Menschen quasi vor sich selbst, also beispielsweise vor übermässigem Ehrgeiz schützen. Allenfalls grosse Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit stellen ein schwer berechenbares Gefahrenmoment dar. Anders sieht es aus, wenn sich die Dauerbelastungen summieren. Das Immunsystem ist das erste, welches auf zu viel Sport reagiert. Erhöhte Infektanfälligkeit möglicherweise auch eine Schwäche gegenüber sich bildenden Tumoren - kann die Folge wiederholter Überforderung in Training und Wettkampf sein. Hinzu kommen Konzentrationsschwäche, Leistungsabfall, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und andere unter dem Begriff "Übertraining" zusammengefasste Reaktionen des Organismus, wenn die Grenze wiederholt überschritten wird. Wo genau diese Grenze liegt, lässt sich auch mit den besten Untersuchungsmethoden nicht im Voraus bestimmen. Und auch im Nachhinein ist die Unterscheidung zwischen zuviel Training und andersartigen Überforderungen nicht ganz einfach. Das Gefährliche an der Sache: Auch Erschöpfung kann süchtig machen. Das gute Gefühl nach einer harten Trainingseinheit, nach einem anstrengenden Wettkampf kennt jeder Sportler. Der Wunsch, diese Belästigung häufiger zu verspüren, als es sinnvoll ist, mag gelegentlich der Grund sein, dass ein Sportler immer wieder zu viel von sich verlangt. Und die Symptome des Übertrainings sind leider sehr unspezifisch, schwer zu deuten und lassen auch andere Interpretationen zu. Es fordert im Einzelfall schon viel Charakterstärke, den Schritt zu weniger und nicht zu mehr Training zu tun. Hinzu kommt, dass durch regelmässiges Training nicht allein die Leistungsfähigkeit steigt, sondern auch die Regenerationsfähigkeit. Der gut trainierte Sportler ist ohne weiteres in der Lage, sich zweimal täglich für eine oder mehrere Stunden zu belasten. Und das in einem Umfang, der den untrainierten Normalbürger schon in kürzester Zeit überfordern würde. Je besser also ein Sportler ist, desto schwieriger wird es, die Grenzen der Belastbarkeit zu erkennen. Neben der körperlichen droht durch ständigen, eventuell sogar selbst aufgebauten Leistungsdruck auch die psychische Überforderung. Viele Menschen betreiben Sport zur Entspannung, zum Ausgleich von beruflichem oder sonstigem Stress. Zu hohe Anforderungen an die eigene Leistungsfähigkeit sind statt dessen zusätzlicher Stress. Dazu ist es interessant zu wissen, dass auch die absoluten Spitzenathleten keineswegs in jedem Training an ihre Leistungsgrenzen herangehen. Im Gegenteil, die meisten - etwa 2/3 - aller Trainingseinheiten werden im niedrigen Intensitätsbereich absolviert. Auf diese Weise wird eine Basis geschaffen, die es erlaubt, gelegentlich - also bei jeder 3. bis 4. Trainingseinheit hochintensiv zu trainieren, ohne sich zu überfordern. Die Frage nach der Grenze, die das Gute (Sporttreiben) von der Überforderung trennt, kann mithin weder konkret noch pauschal beantwortet werden. Vielmehr gilt es, nach einer auf die eigenen Fähigkeiten und Grenzen abgestimmten Planung zu trainieren und sensibel auf individuelle Zeichen der Überlastung zu reagieren. In vielen Fällen ist es gerade diese Fähigkeit, die den langjährigen Spitzenathleten von den durchschnittlich erfolgreichen Sportlern unterscheidet, mehr noch als das reine "Talent" oder die besonders hohe Motivation.
Fit for Life, September 1999


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