Doping: der stete Kampf gegen Gleichgültigkeit: Wasser auf die Mühlen von Betrügern

Neue Zürcher Zeitung 3.9.99

Von Christoph Fisch

Im allgemeinen Dopingdiskurs wird gerne mit den liberalen Praktiken in den USA argumentiert. Kreatin, das auf keiner Dopingliste erscheint (obwohl dazu laut Wilhelm Schänzer, dem Leiter des Kölner Anti-Doping- Labors, alle wichtigen Voraussetzungen wie leistungssteigernde Effekte und einschneidende Nebenwirkungen erfüllt sind), ist dort in jedem grösseren Supermarkt erhältlich, weshalb gerade Europäer sich legitimiert fühlen, das Wunderpulver hemmungslos zu konsumieren, um einen allfälligen Wettbewerbsnachteil wettzumachen. Die Crux dieser Argumentation: In den Vereinigten Staaten werden auch Schusswaffen an fast jeder Strassenecke feilgeboten.

Sowenig man den freien Waffenverkauf tolerieren kann, so wenig kann man im Dopingdiskurs eine angeblich neue Ethik im Bereich Sport postulieren, ohne sich die Konsequenzen einer damit einhergehenden allfälligen Dopingliberalisierung vor Augen zu halten. Gerade die Geschichte der künstlichen Leistungssteigerung im Radsport mit dem Festina-Skandal als vorerst letztem Auswuchs zeigt nämlich, dass jeder Versuch, ein verantwortungsvolles Dopingsystem aufzubauen, illusorisch ist. Was in der Mannschaft Festina Mitte der neunziger Jahre "systematisch" betrieben worden ist, grenzt an menschenverachtendes Tun, bei dem einzig der Profit in Millionenhöhe zählte. Das "Laden" des eigenen Körpers mit immer grösseren Dosen von kaum auf ihre Langzeitwirkungen untersuchten Substanzen, um den Jahresverdienst in astronomische Höhen zu steigern, lässt sich nicht mehr mit dem Hinweis auf eine sozial- berufliche Erfolgskomponente im Radsport rechtfertigen. Die Fassungslosigkeit ob solch seinem eigenen Körper gegenüber unverantwortlichen Tuns löst auch einen schütteren Rest an Revolte aus, gegen diese Missstände anzuschreiben – auf die Gefahr hin, päpstlicher als der Papst aufzutreten.

Heutige Pseudo-Phänomene wie Marco Pantani, von dessen Eleganz am Berg sich auch der Schreibende in naiver Weise die Augen hat verdrehen lassen, eingeschlossen, unterschätzen die Radstars wohl ihr Publikum, wenn sie die abgedroschene Floskel, wonach das Spektakel die Mittel heiligt, als Ausrede bereithalten. "Königsetappen" in grossen Rundfahrten der letzten Jahre mit Dutzenden von beinahe gleichwertigen rollenden "Medikamenten-Schränken" konnten beim besten Willen nur noch die glühendsten Fans begeistern. Nicht unterschätzen darf man die Vorbildwirkung der Spitzensportler, auch wenn sie empirisch nicht erfasst ist. Eine Frage, die sich jeder Vater (und jede Mutter) aber selber stellen muss: Will ich mein Kind als Teil eines Sportmilieus sehen, das mit der Spritze besser umgehen kann als mit der Wahrheit? Im Radsport, bis vor kurzem Inbegriff der geschlossenen Gesellschaft mit Schweigegelübde, sind erste Risse im Schutzmantel auszumachen, aber der Kern ist kontaminiert wie eh und je. Die Liberalisierung der Dopingregeln wäre Wasser auf die Mühlen von gewohnheitsmässigen Betrügern, als die Dopingsünder noch immer zu gelten haben, und ein Affront gegenüber denjenigen, die, zwar höchstwahrscheinlich in der Minderheit, ihren Körper ausschliesslich mit Training stählen.

Die dringend notwendige lückenlose Aufdeckung von Dopingvergehen würde zwar die das ganze Sportentertainment finanzierenden Sponsoren und Fernsehsender aufschrecken, aber Sportarten mit "Quoten- Potential" sind auf Grund gemachter Erfahrungen im Fussball und auch im Radsport, wie die Tour de France beweist, die ihre Sponsoren bei der Stange hat halten können, nicht so leicht unterzukriegen. Der (überstrapazierte) Vergleich mit der Wirtschaft sei für einmal zugelassen: Auch grosse Firmen haben sich an Spielregeln zu halten, verletzten sie sie, so kann sie das viel Geld (Roche/Preisabsprachen) oder noch mehr Image (Banken/Zweiter Weltkrieg) kosten.